Neulich erklärte jemand dem alten Mann, dass Mantrailing etwas ganz Besonderes sei, weil Hunde dabei endlich ihre Nase benutzen dürfen.
Der alte Mann hat geschmunzelt und mich angeschaut. Ich habe zurückgeschaut. Ich vermute, wir dachten kurz das Gleiche. Ich traile, seit ich kaum dem Welpenalter entwachsen bin. Der alte Mann musste sich also nicht vorstellen, wie toll Mantrailing sein könnte. Er hat schließlich einen Entlebucher vom Fach an seiner Seite. Gut, streng genommen mache ich das nur in meiner Freizeit. Aber ich denke, ich erzähle euch einfach mal, was ich dazu zu sagen habe.
Wenn Menschen erzählen, ich dürfte beim Mantrailing endlich meine Nase benutzen, klingt das für mich ungefähr so, als würde ich sagen: Menschen gehen spazieren, damit sie ihre Beine benutzen dürfen. Stimmt schon. Ist aber nicht wirklich die ganze Geschichte.
Wenn ich traile, suche ich nicht einfach irgendeinen Menschen. Ich suche genau diesen einen. Das klingt für Menschen oft erstaunlich. Für mich eher nicht. Menschen riechen ziemlich eindeutig. Nicht unbedingt gut.
Aber eindeutig.
Und bevor jemand denkt, ich hätte das sofort verstanden: So war das auch nicht. Am Anfang bekam ich einen Geruch gezeigt und dachte ungefähr: Interessant. Und jetzt? Dann ging ich los. Ich fand den richtigen Menschen hinter der ersten Ecke. Ich bekam Lob. Ich bekam Futter. Ich fand das Konzept zunächst vielversprechend.
Irgendwann verstand ich langsam die Regeln.
Nicht irgendeinen Menschen. Diesen Menschen. Der alte Mann war schon ziemlich früh überzeugt davon, dass ich verstanden hätte, worum es geht und einen Plan habe. Und dass seine wichtigste Aufgabe darin besteht, die Leine festzuhalten und nicht im Weg zu stehen.
Seine fachliche Einschätzung.
Frauchen hat etwas länger gebraucht. Nicht beim Verstehen. Eher beim Vertrauen. Menschen helfen gerne. Wenn ich kurz stehen blieb oder an einer Kreuzung nachdachte, hatte ich manchmal das Gefühl, sie hätte innerlich schon entschieden, wo es langgehen müsste. Dabei war ich noch gar nicht fertig.
Inzwischen macht Frauchen das ziemlich gut. Sie wartet häufiger. Und erstaunlicherweise stimmt meine Entscheidung dann öfter.
Nach meinen Beobachtungen ist das kein Zufall.
Viele Menschen stellen sich Trailen vor wie eine unsichtbare Linie auf dem Boden. Hund vorne. Nase unten. Mensch hinten. Am Ende Applaus.
So fühlt es sich für mich nicht an. Ich suche nicht einfach eine Spur.
Ich sammle Informationen. Ich prüfe. Ich vergleiche. Ich verwerfe. Ich entscheide neu.
Manchmal laufe ich in eine Richtung und drehe wieder um. Menschen laufen so, Rehe nicht. Dann werden Menschen nervös. Dabei bedeutet das nicht automatisch, dass ich falsch lag. Es bedeutet oft nur, dass ich nachdenke.
Menschen erkennen Denken erstaunlich schlecht, wenn es nach Schnüffeln aussieht. Dabei passiert genau das. Ich bekomme Geruch. Ich vergleiche. Ich entscheide. Und manchmal ändere ich meine Meinung.
Das bedeutet übrigens nicht, dass Trailen Magie ist. Ich lese keine Gedanken. Ich sehe keine Auren. Und ich ziehe auch keine Erinnerungen aus Asphalt. Geruch verändert sich. Wind verändert etwas. Feuchtigkeit verändert etwas. Untergrund verändert etwas. Menschen verändern etwas. Deshalb fühlt sich derselbe Trail selten zweimal gleich an.
Und deshalb finde ich einen ruhigen, sauber arbeitenden Hund meistens beeindruckender als einen schnellen. Geschwindigkeit wirkt für Menschen oft spektakulär. Entscheidungen sind interessanter.
Nach dem Trailen sagen Menschen gerne: Jetzt ist der Hund schön ausgelastet. Das ist aus meiner Sicht ein interessantes Wort. Ich würde eher sagen: Ich habe gearbeitet. Nicht wie beim Canicross. Manchmal macht Denken müder als Rennen.
Vielleicht gefällt mir Mantrailing deshalb. Für eine Weile ist klar, dass ich es besser weiß als der alte Mann. Und der alte Mann einfach mitkommt.
Ich finde, das steht dem alten Mann ganz gut.
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