Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 12. Juli 2026. Heute Morgen haben die Vögel ihren Dienst pünktlich aufgenommen. Wie jeden Tag. Laut, ausdauernd und offenbar überzeugt davon, dass jetzt alle wach sein sollten.
Ich war jedenfalls bereit.
Der alte Mann allerdings nicht.
Er hat sich einfach umgedreht und weitergeschlafen. Die Vögel haben draußen alles gegeben, aber das hat ihn überhaupt nicht beeindruckt. Irgendwann wurde es draußen schon deutlich heller, und ich habe mich gefragt, ob er den Beginn des Tages vielleicht einfach verschlafen möchte. Offenbar ja.
Als er schließlich aufstand, begann alles wieder in der gewohnten Reihenfolge. Erst ein Kaffee auf dem Sofa. Daran erkennt man, dass der Tag jetzt wirklich angefangen hat.
Kurz darauf kam Frauchen dazu. Sie schaute nach draußen und meinte, dass es später bestimmt zu warm werden würde. Das war offenbar das Signal für den alten Mann. Er stand wieder auf, suchte meine Wasserflasche zusammen und steckte Leckerli ein.
Das sind Bewegungen, die ich sehr zuverlässig deuten kann. Kaffee bedeutet: Der Mensch wird langsam wach. Wasser und Leckerli bedeuten: Wir gehen los.
Damit war die Sache entschieden.
In der Straße war alles in Ordnung. Alles roch so, wie es sollte. Keine besonderen Veränderungen, keine überraschenden Spuren. Genau so mag ich das.
Auf der Wiese vor den Feldern saß ein Rottweiler. Seine Menschin hatte ihn ein gutes Stück in die Wiese geführt. Ich nahm das zur Kenntnis. Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Jeder hatte seinen Platz, und wir unseren Weg.
Auf den Feldern verändert sich inzwischen wieder einiges. Immer mehr Flächen sind abgeerntet. Das gefällt mir. Wo vor Kurzem noch hohes Getreide stand, wird der Blick wieder weit, und ich kann dort endlich wieder laufen. So ein freies Feld hat für einen Entlebucher etwas Beruhigendes. Man sieht, was um einen herum passiert, und wenn der alte Mann das Zeichen gibt, kann ich einfach losrennen.
Das nutzte ich natürlich gern.
Nachdem ich mich ein wenig ausgetobt hatte, wurde auch noch gearbeitet. Ein Entlebucher rennt schließlich nicht nur zum Vergnügen. Ein paar Übungen gehören immer dazu. Mal aufmerksam sein, mal warten, mal gemeinsam etwas machen. Das gehört für mich genauso zu einer guten Runde wie das Laufen selbst.
Auf der Wiese wollte ich noch einmal die Spur des Rottweilers nachschnüffeln. Schließlich war er vor uns dort gewesen, und das musste ordentlich geprüft werden.
Doch plötzlich schoss eine Katze aus dem Dickicht.
Ganz automatisch setzte ich zur Verfolgung an. Man denkt in so einem Moment nicht lange nach. Man startet einfach.
Da kam schon das Kommando vom alten Mann.
Ich bremste ab und fand es klüger, auf ihn zu hören. Das war eine gute Entscheidung. Nicht nur, weil die Katze ohnehin längst verschwunden war, sondern auch, weil sich diese Entscheidung unmittelbar in Leckerli umrechnen ließ.
Manchmal ist Selbstbeherrschung eben die bessere Jagdstrategie.
Kurz vor Zuhause kamen wir noch am Garten mit den Hühnern und den Häschen vorbei. Ich blieb am Zaun stehen und schaute mir alles einen Moment lang an. Die Hühner waren mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, so wie immer.
Dann kam eines der Häschen langsam bis an den Zaun. Es blieb stehen, ich blieb stehen und wir hielten beide die Nase nach vorn.
Für einen kurzen Augenblick waren wir Nase an Nase.
Keiner machte eine hastige Bewegung. Wir schauten uns einfach an und nahmen den anderen zur Kenntnis. Dann hoppelte das Häschen wieder davon, und auch ich setzte meinen Weg fort.
Danach machten wir uns auf den Heimweg. Die Sonne war inzwischen schon deutlich kräftiger geworden und Frauchen hatte recht gehabt. Es wurde langsam warm. Deshalb war es gut, dass wir früh unterwegs gewesen waren.
Zu Hause wollte ich mich eigentlich wieder meinem Temperaturmanagement widmen. Ein kühler Platz, lang ausstrecken und den Rest des Vormittags verschlafen – das war der Plan.
Aber irgendwie war dafür zu viel Unruhe im Haus.
Der alte Mann und Frauchen liefen ständig hin und her. Sie packten weiter und verschwanden immer wieder mit irgendwelchen Sachen. Das beobachtete ich natürlich ganz genau.
Dann wurde es interessant.
Zwischen all den Dingen landete plötzlich mein Trailgeschirr im Gepäck. Kurz danach folgten mehrere Dosen mit dem richtig guten Belohnungsfutter. Nicht das Alltagszeug. Das gute.
Da wurde ich aufmerksam.
Menschen packen so etwas nicht ohne Grund. Ich wusste zwar noch nicht genau, was sie vorhatten, aber wenn das Trailgeschirr und die guten Leckerli mitkommen, dann spricht vieles dafür, dass auch für einen Entlebucher etwas Spannendes geplant ist.
Also verschob ich mein Temperaturmanagement erst einmal und beobachtete weiter.
Nach dem Mittagessen war schließlich alles gepackt. Der alte Mann schloss noch einmal jede Tasche, Frauchen ging gedanklich offenbar ihre Liste durch und dann kam Lena.
Sie bekam noch einmal die wichtigen Instruktionen für die Katzen und die Pflanzen. Ich hörte aufmerksam zu. Bei den Katzen ging es darum, wer was bekommt und worauf zu achten ist. Die Pflanzen schienen ebenfalls einen genauen Plan zu haben. Menschen machen so etwas gern.
Als alles besprochen war, wurde die Haustür geschlossen und wir machten uns auf den Weg.
Wohin genau, wusste ich noch nicht. Aber Trailgeschirr, gutes Belohnungsfutter und gepackte Taschen sind für einen Entlebucher ziemlich eindeutige Hinweise. Irgendetwas stand bevor.
Ich machte es mir im Auto bequem und wartete darauf, was als Nächstes passieren würde.
Nach einer überschaubaren Fahrt kamen wir an einer Ersatzhöhle an. Schon auf dem Parkplatz konnte ich riechen, dass hier deutlich mehr Hunde waren als zu Hause. Nach der Fahrt war ich ohnehin nicht mehr ganz so ruhig. Es gab einfach zu viel zu sehen, zu hören und zu riechen.
Was soll ich sagen?
Nach ungefähr zwei Minuten wusste das ganze Haus, dass jetzt ein Entlebucher für die Sicherheit zuständig ist.
Danach war die Lage geklärt.
Ich legte mich zufrieden ins Platz und wartete, bis wir unsere Ersatzhöhle beziehen konnten. Menschen machen das immer etwas umständlich. Die müssen erst miteinander reden, Schlüssel holen oder was sie sonst noch alles erledigen. Für mich war längst alles Wichtige geklärt.
Als wir unsere Ersatzhöhle beziehen konnten, holte der alte Mann nach und nach die Sachen aus dem Auto ins Zimmer. Menschen richten eine Ersatzhöhle immer erst vollständig ein, bevor sie sich entspannen können.
Danach gingen wir wieder nach draußen. Unter den Bäumen war es angenehm schattig und genau dort blieben wir eine Weile.
Frauchen und der alte Mann holten sich ein Eis und setzten sich in den Schatten. Ich hatte nichts dagegen. Während die beiden ihr Eis genossen, übernahm ich die Überwachung der Lage. Es kamen Menschen vorbei, Hunde kamen vorbei und ich beobachtete alles aufmerksam. Man muss schließlich wissen, wer sich in der Nähe der Ersatzhöhle bewegt.
So hatte jeder seine Aufgabe. Die Menschen kümmerten sich um ihr Eis und ich kümmerte mich um die Sicherheit.
Danach legten wir erst einmal eine Ruhepause in der Ersatzhöhle ein. Das hielt ich für eine ausgesprochen vernünftige Entscheidung. Schließlich war es draußen warm, die Fahrt war geschafft und die Ersatzhöhle hatte sich bisher als durchaus brauchbar erwiesen.
Zur vereinbarten Zeit bekam ich auch in der Ersatzhöhle mein Abendessen. Das funktionierte also schon einmal zuverlässig. Die Menschen hatten allerdings wieder andere Pläne. Sie aßen noch nicht und schienen damit auch keine Eile zu haben.
Als es etwas kühler wurde, gingen wir noch einmal zu den Tischen unter den Bäumen. Diesmal war dort ein großer Tisch mit vielen Menschen, die ich nicht kannte. Zwei Hunde waren ebenfalls schon da.
Als Sicherheitschefin des Rudels fand ich diese Situation zunächst nicht optimal. Neue Menschen, fremde Hunde und eine neue Umgebung – das musste erst einmal beobachtet werden. Ich sah mir das Ganze deshalb mit einer gewissen Skepsis an.
Bis …
… ja, bis auf einmal Linda auftauchte.
Damit waren meine Sicherheitsbedenken offiziell beendet.
Linda ist unsere Mantrailing-Trainerin. Und wenn Linda da ist, bedeutet das meistens, dass es interessante Arbeit gibt. Außerdem ist sie einer der wenigen Menschen, bei denen der alte Mann nicht gleich die Augen verdreht, wenn viele Leute zusammenkommen. Das ist durchaus bemerkenswert.
Eine ganze Weile hoffte ich deshalb, dass wir gleich noch trailen würden. Immerhin war mein Trailgeschirr mitgekommen und das gute Belohnungsfutter ebenfalls.
Irgendwann musste ich mir allerdings eingestehen, dass daraus heute wohl nichts mehr werden würde. Der alte Mann und Frauchen dachten offenbar nur noch ans Abendessen.
Das muss wohl auch mal sein.
Nachdem ich mit einigem Nachdruck darauf hingewiesen hatte, dass für einen Entlebucher inzwischen Schlafenszeit war, machten wir uns schließlich auf den Weg zurück in unsere Ersatzhöhle und ließen den Tag gemeinsam ausklingen.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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