Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 01. Oktober 2026. Heute war der alte Mann schon vor seiner üblichen Bürozeit wach. Irgendwas hatte ihn zu früh geweckt. Als wir zusammen beim Morgenkaffee auf dem Sofa saßen, kam Frauchen kurz vorbei, um ihr leuchtendes Viereck zu holen und damit im Arbeitszimmer zu verschwinden. Der alte Mann wandte ein, dass sie nicht mehr so früh mit der Arbeit anfangen dürfe. Daraufhin setzte sie sich eine Weile zu uns.
Was mich dann überraschte, war die Tatsache, dass wir noch bevor der Tag aufgewacht war in die Morgenrunde gingen. Draußen war es dunkel, aber meine Nase hatte sofort zu tun. Ich blieb stehen, schnüffelte am Gras und prüfte ein Stück weiter gleich die nächste Stelle. Offenbar waren hier einige unterwegs gewesen, während ich mich auf dem Sofa um den alten Mann gekümmert hatte.
Der wartete am anderen Ende der Leine. Wahrscheinlich sah für ihn alles aus wie immer. Ich steckte die Nase noch einmal tiefer ins Gras.
Die Prüfung ergab keine besonderen Vorkommnisse. Alles in Ordnung im Revier. Allerdings fiel der Kontrollgang relativ kurz aus. Als wir wieder zu Hause waren, wurde es gerade hell.
Etwa zu der Zeit, als wir normalerweise unsere Runde machten, kam ein Fremder ins Haus. Ich machte ordentlich Meldung, musste aber im Arbeitszimmer bleiben und durfte nicht nach seinem Passierschein fragen. Ich empfand das als Behinderung des Sicherheitsdienstes, aber Frauchen und der alte Mann waren sich in dieser Beziehung einig.
Nachdem der alte Mann mit ihm gesprochen hatte, durfte der Fremde sich frei im Garten und im Keller bewegen. Ich hörte die eine oder andere Maschine. Dann beschloss Frauchen auch noch, das Haus zu verlassen. Ohne dass ich sie zur Tür brachte. Obwohl der Fremde noch im Haus war.
Der alte Mann schien das alles für richtig zu halten, also hielt ich mich mit meiner Meinung zu der Sache zurück. Ja, manchmal kann ich das.
Am Ende ging der Fremde wieder. Als ich danach einen Kontrollgang durchs Haus machte, konnte ich nichts Verdächtiges finden.
Der Rest des Tages blieb ruhig. Ich bewachte den alten Mann, und irgendwann kam Frauchen wieder nach Hause. Sie bekam eine ordentliche Entlebucher-Begrüßung. Ich drückte mich an ihre Beine, wand mich unter ihre Hände und musste zwischendurch ein Stück an ihr hoch, damit sie auch oben mitbekam, dass ich da war. Dabei erklärte ich ihr ausführlich, was ich von ihrer Rückkehr hielt. Frauchen behauptete wieder, dass das zu viel sei, hatte aber auch nur zwei Hände und kam mit dem Streicheln kaum hinterher.
Am Abend starteten wir dann zu einer größeren Runde, auf der ich überprüfen konnte, was sich in den weiter entfernten Teilen des Reviers seit gestern verändert hatte. Auf dem Weg dahin mussten wir an einem sehr aufgeregten Retriever vorbei. Ich forderte den alten Mann auf, zügig an dem Kerl vorbeizugehen. Dabei hielt ich die Nase dicht am Boden. Ich hatte dort dringend zu tun.
Oben auf den Feldern hatte sich dann etwas zu meinem Nachteil geändert: Ein großer Teil war geodelt worden. Das hätte eine eingehende Untersuchung verdient, aber der alte Mann murmelte etwas von „Ich will dich heute Abend nicht noch duschen müssen“, und so musste ich an der Leine bleiben. Wir kamen aber in Ecken, in denen er das dann weniger streng sah.
Kurz bevor wir zu Hause ankamen, trafen wir eine Frau mit einem kleinen Hund und einem kleinen Mädchen. Das Mädchen wollte gerade am Wegesrand Wiesenblumen pflücken. Damit war klar: Das dauert länger. Wir gingen im Bogen an den dreien vorbei. Den kleinen Hund behielt ich dabei im Blick. Der alte Mann sagte mir vorsorglich, dass das Kind nicht zur Ordnung gerufen werden müsse. Ich fand das zumindest diskussionswürdig, aber gut.
Als wir fast an ihnen vorbei waren, meinte das Mädchen erklären zu müssen, dass ihr Hund sie ganz doll lieb hat und ihr immer das Gesicht ableckt. Ich hätte da auch noch die eine oder andere Erklärung. Man müsste zum Beispiel prüfen, was sie vorher gegessen hatte.
Der alte Mann tat interessiert. Ich fand, das war ein Fehler, weil es den Redefluss des Mädchens noch steigerte. Da es aber keinerlei Anstalten machte, uns näher zu kommen, hörten wir kurz zu, bevor wir weitergingen.
Zu Hause gab es ein kurzes Zergeln und dann den üblichen Tagesausklang auf dem Sofa. Ich drückte heute meinen Rücken gegen Frauchens Bein.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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