Entlebucher Tagebuch – 24. Juni 2026. Der alte Mann kam weder in der Nacht noch am Morgen zurück. Das war ungewöhnlich, aber nicht besorgniserregend. Menschen verschwinden gelegentlich. Meist mit einem Auto. Und meistens kommen sie wieder.

Frauchen war da. Sie stand zur richtigen Zeit auf, bewegte sich in der richtigen Geschwindigkeit durch das Haus und füllte Näpfe in gewohnter Qualität. Der Betrieb lief also weiter. Ich habe trotzdem mehrfach kontrolliert. Flur. Haustür. Auffahrt. Fenster. Sein Geruch war noch da, aber nicht neu.

Darum gab es die Morgenrunde mit Frauchen. Aber entweder hatte der alte Mann genaue Anweisungen hinterlassen oder Frauchen hat es intuitiv richtig gemacht. Wir gingen wieder sehr früh los. Früh genug, dass die Luft noch ruhig war und die Welt noch nicht entschieden hatte, ob der Tag schon angefangen hat.

Zu dieser Uhrzeit begegnet man vor allem vernünftigen Dingen: ein paar Vögeln, einzelnen Menschen und Gerüchen, die noch nicht von Autos, Mittag oder allgemeinen Aktivitäten überdeckt wurden.

Und es war noch früh genug zum Rennen. Also rannte ich. Nicht unvernünftig. Einfach passend zur Temperatur und zur Tageszeit. Wenn die Luft noch kühl ist, muss man solche Gelegenheiten nutzen. Später am Tag werden aus Bewegung schnell Vorschläge, die niemand mehr ernsthaft verfolgt.

Ich habe also Gas gegeben. Die großen Bögen. Die schnellen Richtungswechsel. Ein Stück voraus, wieder zurück. Einmal prüfen, ob Frauchen noch aufmerksam ist. Sie war es. Das mit dem hinter einer Hecke verschwinden und plötzlich von vorne wieder auftauchen habe ich ausgelassen. Man muss nicht jedes Talent jeden Tag einsetzen.

Aber sonst habe ich alles gegeben. Immerhin war absehbar, wie der Rest des Tages aussehen würde.

Dann kamen wir an die Stelle, an der gestern die Stachlliege als Wegsperre stand. Ich habe sofort angehalten. Solche Dinge verschwinden nicht einfach unbeachtet. Wenn gestern noch etwas den Weg blockiert hat und heute nicht mehr da ist, muss man das prüfen. Also habe ich die Stelle genau untersucht. Erst aus etwas Abstand. Dann näher. Geruch. Boden. Mehrere Kontrollgänge. Keine Stachlliege mehr. Nur die Erinnerung daran, dass sie dort gewesen war.

Ich habe Frauchen gezeigt, dass ich die Veränderung registriert habe. Sie schien zufrieden damit zu sein, die Sache einfach hinzunehmen. Menschen akzeptieren erstaunlich oft, dass Dinge plötzlich anders sind. Für mich war der Fall erst abgeschlossen, als eindeutig feststand: Die Wegsperre wurde entfernt. Der Weg gehört wieder zum normalen Bestand.

Danach begann das Hitze-Not-Programm. Das bedeutet: Fensterlage prüfen. Strategisch auf kühlen Fliesen positionieren. Möglichst wenig Bewegung. Nur aufstehen, wenn es einen nachvollziehbaren Grund gibt. Wasser aufnehmen. Wieder hinlegen. Gelegentlich die Liegerichtung ändern, weil die Fliesen an einer Stelle irgendwann ihre Wirkung verlieren.

Frauchen hat den Betrieb ordentlich weitergeführt. Aber der alte Mann blieb weg. Am Vormittag war das noch akzeptabel. Mittags wurde es auffällig. Am frühen Nachmittag habe ich beschlossen, dass seine Rückkehr mit einer deutlichen Ansprache verbunden sein würde.

Nicht laut. Aber mit diesem Blick, der klar macht: Das Rudel führt kein Selbstbedienungsmodell. Dann kam er am späten Nachmittag doch zurück.

Ich stand auf. Ich ging zur Tür. Ich hatte einen Plan. Er sollte merken, dass man nicht einfach einen ganzen Tag verschwindet und erwartet, dass alles kommentarlos weiterläuft.

Dann war er da. Und dann war die Sache mit der Zurechtweisung plötzlich nicht mehr so wichtig. Ich habe mich gefreut. Deutlich mehr als vorgesehen.

Das muss man nicht weiter besprechen.

Später hat der alte Mann sich entschuldigt. Nicht mit großen Worten. Menschen machen das oft unnötig kompliziert. Er hat das mit etwas Pizzarand geregelt. Ich habe die Entschuldigung angenommen. Nicht sofort natürlich. Man muss Standards halten. Aber nach kurzer Prüfung erschien mir die Geste ausreichend glaubwürdig.

Am Abend haben wir dann noch das Nötigste im Freien erledigt. Keine langen Programme. Nur einmal ordentlich raus, die wichtigsten Dinge regeln und wieder zurück.

Drinnen gab es dann noch ein paar Minuten „Stups“ und so. Ich mag solche Aufgaben. Nicht wegen der Schwierigkeit. Sondern weil Menschen dabei so zufrieden wirken, wenn sie glauben, etwas beigebracht zu haben. Dabei ist „Stups“ im Grunde nur eine sehr strukturierte Form von: Ich weiß schon, was du möchtest. Ich lasse dich nur einmal ordentlich fragen.

Ein paar Wiederholungen. Ein paar Treffer. Ein bisschen denken. Dann war der Tag vollständig. Der alte Mann wieder da. Frauchen da. Rudel vollständig. Training erledigt.

Und ich konnte mich wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen. Liegen.

Ein guter Tagesabschluss für einen Entlebucher.

Eure Eira


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