Heute ist Frauchen auch so früh wie an ihrem Bürotag aufgestanden. Ich denke, sie hat sich einfach vertan, denn der Bürotag vom alten Mann beginnt ja später. Trotzdem stand sie auf, verschwand direkt im Arbeitszimmer und begann offenbar irgendwelche Bürodinge zu erledigen. Der alte Mann blieb allerdings einfach liegen, als hätte er davon nichts mitbekommen. Das erschien mir riskant. Wenn Frauchen unerwartet zur Bürozeit aktiv wird, sollte der alte Mann informiert sein. Also übernahm ich diese Aufgabe.

Der alte Mann reagierte zunächst wenig begeistert auf meinen Hinweis, tappte dann aber doch brummig zur Kaffeemaschine. Offenbar hatte meine Meldung Wirkung gezeigt. Nachdem er seine erste Tasse am Sofa getrunken hatte – offenbar braucht er morgens eine gewisse Vorlaufzeit – brachte er Frauchen ebenfalls eine vorbei.

Danach machte er sich fertig und brach ins Außenbüro auf. Ehrlich gesagt wirkte er dabei etwas missmutig. Außerdem kündigte er an, dass es später werden würde. Ich nahm das zur Kenntnis. Solche Dinge scheinen außerhalb meines Einflussbereichs zu liegen.

Wir machten deshalb noch recht früh eine ordentliche Feldrunde. Erst durch die Stadt, damit alle wichtigen Neuigkeiten aufgenommen werden konnten, und dann hinaus auf die Felder. Dort lief alles in geordneten Bahnen: Wege kontrollieren, prüfen ob sich seit gestern etwas verändert hatte und Frauchen zuverlässig begleiten. Leider trafen wir Rosa noch in der Stadt. Sie war schon auf dem Heimweg. Für einen kurzen Austausch reichte es noch, aber im Nachhinein war das vielleicht auch besser so. Die Temperaturen waren bereits merklich unvernünftig und zusätzliche Programmpunkte hätten keinen echten Mehrwert mehr gebracht.

Zurück zuhause gab es Frühstück und danach musste ich mich direkt unter der Eckbank ausruhen. Hitze und Entlebucher passen einfach nicht zusammen. Wir sind für vernünftige Temperaturen gebaut. Diesen Platz verließ ich dann freiwillig auch nicht mehr. Frauchen arbeitete ohnehin im Arbeitszimmer und der alte Mann war im Außenbüro. Es gab also keinen erkennbaren Grund, die Position aufzugeben. Ich blieb liegen und überwachte die Lage aus dem Schatten. Das funktionierte lange erstaunlich gut.

Am frühen Abend bemerkte ich dann aber doch eine gewisse Unruhe in mir. Den ganzen Tag nichts tun ist wohl auch nichts für einen Entlebucher. Ausruhen ist sinnvoll und wichtig, aber irgendwann hat man alles ausreichend überwacht, jede Position ausreichend gehalten und jede Bewegung im Haus ausreichend zur Kenntnis genommen.

Ich platzierte mich also strategisch günstig und ließ meinen Blick langsam zwischen dem Übungsball, dem alten Mann und Frauchen wandern. Ohne Hast. Ohne Druck. Ich wollte lediglich aufzeigen, welche Möglichkeiten der Abend noch bereithielt. Heute war es Frauchen, die ich zuerst überzeugen konnte. Sie verstand meinen Vorschlag erfreulich schnell und wir trainierten zusammen.

Sie macht das inzwischen schon ganz ordentlich. Sie legt Leckereien unter den Ball, wartet bis ich den Ball wegschubse und sagt dabei „stups“. Ich habe den Ablauf inzwischen gut verstanden und Frauchen offenbar auch. Wir wiederholten das ein paar Mal und ich finde, wir arbeiteten insgesamt sehr sauber. Die Platzierung der Leckereien war zuverlässig und das Timing beim „stups“ ebenfalls brauchbar.

Der alte Mann beobachtete das Ganze eine Weile und schien ebenfalls zufrieden mit unserer Leistung. Er sagte nichts weiter, aber ich hatte den Eindruck, er hielt die Trainingseinheit für gelungen.

Das kann ich nachvollziehen.

Als es Zeit wurde, prüfte der alte Mann dann die Temperatur. Sein Ergebnis lautete, dass es eigentlich immer noch sehr warm sei. Offenbar hatte er aber keine Lust mehr zu warten und entschied deshalb, mal wieder zu den sieben Eichen zu fahren.

Ein akzeptabler Plan.

Als wir ankamen, wurde der alte Mann allerdings kurz grummelig. Auf der Neuffener Steige waren wieder sehr viele von den lauten Zweirädern unterwegs und die hört man dort besonders gut. Ich hielt das ebenfalls nicht für ideal, sah aber keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Zum Glück hielt dieser Zustand nicht lange an. 

Sobald wir in den Wald kamen, änderte sich die Lage deutlich. Der alte Mann schien von dem  Eindruck des kräftig aussehenden Waldes so fasziniert zu sein wie ich von den vielen neuen Gerüchen. Überall gab es etwas zu prüfen und zur Kenntnis zu nehmen. Der Wald wirkte kräftig, ruhig und zufrieden mit sich selbst.

Jedenfalls vergaß der alte Mann den Lärm plötzlich vollständig und ich hatte ohnehin Wichtigeres zu tun. Dann kamen wir zum Bach aus dem Bauerloch. Oder besser gesagt zu dem Bachbett. Das Wasser ist noch nicht zurück. Natürlich musste ich die Lage zunächst gründlich kontrollieren. Ich prüfte das Bachbett sorgfältig, untersuchte die Steine und kontrollierte die Äste. Dabei musste ich feststellen, dass zwischen ihnen Leckerlis lagen.

Ich halte das nach wie vor für ein bemerkenswertes Naturphänomen.

Nach ausreichender Prüfung und vollständiger Sicherstellung aller auffindbaren Leckerlis konnten wir den Tag in Ruhe abschließen. Der alte Mann hatte seinen Wald, ich hatte meine Gerüche und am Ende waren alle Beteiligten zufrieden.

Ein guter, wenn auch zu heißer Tag für einen Entlebucher.

Eure Eira


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