Heute Morgen war anders. Frauchen bekam schon zum Frühstück eine Girlande und eine Kerze und der alte Mann gratulierte ihr ebenfalls. Beide wirkten auffällig zufrieden mit sich, obwohl ich keine besonderen Leistungen beobachten konnte. Nach kurzer Lageanalyse wurde mir erklärt: Frauchen hat Geburtstag. Menschen feiern das offenbar jedes Jahr. Ohne Prüfung. Ohne Turnier. Einfach, weil sie wieder da sind. Ich nahm das zur Kenntnis und wartete auf den Teil des Tages, der sinnvoll ist: die fast schon traditionelle Morgenrunde an der Kneippanlage.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Die Morgenrunde fiel aus. Keine vertrauten Wege, keine Kontrolle der bekannten Gerüche und kein kurzer Blick, ob sich seit gestern etwas Entscheidendes verändert hat.
Stattdessen lud der alte Mann mich in das Auto und Frauchen erklärte mir, wir würden einen Ausflug machen. Wir fuhren in eine andere Stadt. Die beiden sprachen von Meersburg.
Dort angekommen wurde das Auto wieder an so einen Kasten am Rand gebunden. Menschen nennen das E-Ladestation. Offenbar muss das Fahrzeug dort regelmäßig Energie aufnehmen. Ich akzeptiere das. Auch Entlebucher arbeiten nicht dauerhaft ohne vernünftige Versorgung.
Danach erkundeten wir die Stadt. Frauchen und der alte Mann übernahmen wie üblich die eher dekorativen Aufgaben. Sie betrachteten Schaufenster, blieben stehen, zeigten auf Dinge und führten Gespräche darüber, ob man etwas braucht.
Ich übernahm die wichtigen Dinge. Ich kontrollierte Wege, bewertete Geruchslagen, beobachtete andere Hunde, meldete Auffälligkeiten und überprüfte sorgfältig, welche Restaurants möglicherweise etwas fallen lassen und welche Gassen eine erhöhte Mäusedichte vermuten lassen.
Menschen schauen nach innen. Entlebucher schauen, was wirklich los ist.
Zwischendurch wurde ich mehrfach angesprochen und machte deutlich, dass mir Fremde grundsätzlich suspekt sind. Offenbar wirkt man in fremden Städten als Entlebucherin automatisch wie ein lokaler Programmpunkt.
Eine Frau blieb stehen, sah mich an und fragte Frauchen: „Was ist das für ein Hund?“ Frauchen antwortete freundlich: „Ein Entlebucher Sennenhund.“ Die Frau betrachtete mich kurz und sagte dann: „Der ist aber noch klein.“
Ich sah zum alten Mann. Der alte Mann verdrehte die Augen.
Frauchen erklärte geduldig: „Nein, die ist ausgewachsen. Das ist keine Berner Sennenhündin.“ Ich nahm das mit Fassung. Menschen kennen erstaunlich viele Hunde. Aber wenn es um die wirklich wichtigen geht, wird es manchmal dünn.
Zur Einordnung: Ich bin nicht klein. Ich bin Entlebucher. Wir sind kein halber großer Hund. Wir sind ein vollständiger Entlebucher. Kompakt, effizient, mit sinnvoller Bodenfreiheit und deutlich besserem Wendekreis. Die Frau wirkte überrascht. Ich ließ es durchgehen. Nicht jeder kann ständig an Entlebucher denken, auch wenn die Welt dann besser wäre.
Bis dahin verlief Frauchens Geburtstag insgesamt ordentlich. Etwas wenig Morgenrunde, aber dafür mit akzeptabler Ersatzbeschäftigung. Und das Auto stand die ganze Zeit brav an seinem Kasten. Vielleicht brauchen Menschen deshalb Girlanden – damit ihre Dinge motiviert bleiben.
Zurück in der Ersatzhöhle machten wir eine Pause mit Entlebucherfütterung. Nach einem Tag voller Lagebeurteilung in fremdem Gebiet halte ich regelmäßige Versorgung für einen vernünftigen Standard. Später gingen wir noch in ein Restaurant.
Dort brachte mir eine junge Frau Wasser, was ich als angemessene Anerkennung meiner Anwesenheit bewertete. Sie stellte das Wasser ab, ging dann in die Hocke und sah mich an. Ich sah zurück. Sie sah mir direkt in die Augen und ich erkannte sofort diesen Ausdruck, den Menschen manchmal bekommen.
Erst der Blick. Dann dieser weiche Ausdruck, den Menschen manchmal bekommen. Dann dieses leichte Lächeln. Und dann sah ich praktisch ihre Hand zucken.
Menschen machen das erstaunlich oft. Erst schauen sie, dann denken sie und plötzlich entsteht offenbar der Wunsch, einen anzufassen. Ich entschied deshalb, die Regeln höflich, aber eindeutig klarzustellen.
Anschauen ist erlaubt. Wasser bringen ebenfalls. Anfassen dagegen nicht automatisch. Ich hielt den Blick ruhig, blieb sitzen und ließ keinen Zweifel daran, dass die Grenze an dieser Stelle verläuft. Sie verstand das erstaunlich schnell und zog die Hand nicht weiter vor.
Ich respektiere das. Der restliche Restaurantbesuch verlief ruhig und geordnet. Wasser, Abstand und gegenseitiger Respekt sind eine solide Grundlage für gelungene Begegnungen.
Nach einem ausgiebigen Nachmittagsschlaf, in dem der alte Mann die Aufgabe übernommen hatte, wilde Tiere fernzuhalten, holten wir die Morgenrunde nach. Das hatte Vorteile. Während wir geschlafen hatten, war ausgiebiger Regen vorbeigezogen und draußen roch plötzlich alles neu. Wege, Wiesen, Hecken – als hätte jemand die Welt einmal durchgespült und frisch ausgelegt. Menschen nennen das „Regen“. Entlebucher nennen das: sehr viele Informationen auf einmal.
Ich arbeitete mich sorgfältig durch die Lage. Wer unterwegs gewesen war. Wer es eilig hatte. Wer vermutlich wieder meinte, ohne Hund unterwegs sein zu müssen. Der alte Mann hielt das Tempo erfreulich niedrig und ließ mir Zeit für die wichtigen Dinge.
Frauchen musste heute außerdem ungewöhnlich oft in das tragbare Rechteck schauen. Offenbar hatte das mit diesem merkwürdigen Geburtstag zu tun. Immer wieder machte es Geräusche, leuchtete auf oder wurde plötzlich sehr aufmerksam angesehen. Frauchen lächelte, tippte darauf herum und sagte Dinge wie „Oh wie lieb“ oder „Da muss ich noch antworten“.
Ich beobachtete das eine Weile. Mein Eindruck: Menschen feiern Geburtstage vor allem, indem sie sich gegenseitig Nachrichten schicken, obwohl viele davon gar nicht anwesend sind. Für Entlebucher wirkt das organisatorisch unnötig kompliziert. Wenn jemand wichtig ist, kann man auch einfach gemeinsam laufen gehen oder sich ordentlich hinter den Ohren kraulen lassen.
Immerhin führte die erhöhte Rechteck-Aktivität nicht zu einer Verkürzung der Runde. Damit blieb der Geburtstag insgesamt akzeptabel.
Dann ließen wir den Tag gemütlich ausklingen, weil wir nach der Mittagsruhe irgendwie gar nicht mehr richtig wach geworden sind. Das passiert offenbar nicht nur Menschen. Auch ich musste feststellen, dass ein ausgedehnter Schlaf mit Regengeräuschen im Hintergrund die allgemeine Einsatzbereitschaft deutlich senkt. Also kein großes Programm mehr. Keine Expeditionen. Keine wichtigen Termine. Nur ein bisschen draußen sein, ein bisschen beobachten und gelegentlich kontrollieren, ob noch Kuchenreste existieren. Der alte Mann wirkte ebenfalls zufrieden mit diesem Plan und Frauchen schaute inzwischen etwas seltener in das tragbare Rechteck.
Man muss nicht jeden Tag vollständig ausnutzen. Manchmal reicht es, die Morgenrunde am Nachmittag nachzuholen, die Welt nach dem Regen neu einzusortieren und danach gemeinsam festzustellen, dass alle Beteiligten überraschend müde geblieben sind. Das erscheint mir für einen Geburtstag als durchaus vernünftige Lösung.
Ein durchaus guter Tag für einen Entlebucher.
Eure Eira
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