Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 30. Juli 2026. Heute hat die Nacht ihre Arbeit nicht gemacht. Als wir heute sehr früh – trotz des Sofakaffees des alten Mannes – zur Morgenrunde aufbrachen, war es immer noch erstaunlich warm. Eigentlich sollte die Nacht die Hitze mitnehmen. Stattdessen hatte sie sie einfach liegen gelassen. Für mich ist das natürlich kein Grund, auf einen ordentlichen Kontrollgang zu verzichten. Ein Entlebucher geht nicht einfach spazieren. Er kontrolliert. Der Blick wandert ständig nach links und rechts, die Nase prüft, was sich seit gestern verändert hat, und die Ohren arbeiten ohnehin die ganze Zeit. Jeder Weg, jede Wiese und jeder Waldrand gehören zum täglichen Lagebericht. Was gleich geblieben ist, wird kurz registriert. Was neu ist, bekommt etwas mehr Aufmerksamkeit.

Eine Sache brachte mich dann allerdings kurz zum Nachdenken. Obwohl es doch schon wieder – oder vielleicht immer noch – viel zu warm war, hatte sich eine Katze mitten in die Sonne gelegt. Kein Schatten, kein kühles Plätzchen, einfach ausgestreckt in der Wärme. Katzen werde ich wohl nie ganz verstehen.

Als wir den Anstieg zu den Feldern erreichten, hörten wir schon hinter den Büschen einen Mann mit seinem Hund diskutieren. Zumindest klang es so, als hätte er seinem vierbeinigen Begleiter gerade etwas sehr Wichtiges beizubringen. Als wir dann in Sichtweite kamen, nahm er seinen Hund schnell an die Leine. Der alte Mann entschied, dass wir heute besser keine Unruhe hineinbringen sollten. Also gingen wir über die Wiese und legten eine Baumreihe zwischen uns und das Mensch-Hund-Team. Man muss nicht jede Begegnung suchen. Manchmal reicht es völlig, wenn jeder in Ruhe seinen eigenen Weg geht.

Auf den Feldern führte ich meine Revierkontrolle weiter. Irgendwann setzte sich der alte Mann einfach auf einen Stein und wartete. Einen Moment war ich mir nicht sicher. War ihm schon zu warm? Er sah aber ganz zufrieden aus und beobachtete mich. Ich schnüffelte noch hier und da, lief aber immer wieder zu ihm zurück. Er schien zufrieden damit zu sein, dass ich langsam ruhiger wurde und meine Kontrolle allmählich beendete. Der alte Mann macht das manchmal. Er wartet einfach, bis ich mit meiner Kontrolle fertig bin. Nicht, weil ich nichts mehr wahrnehmen soll, sondern weil ich lernen soll, dass nicht auf alles eine Reaktion folgen muss. Manches darf einfach da sein. Das ist gar nicht so leicht, wenn man ein Entlebucher ist.

Dann hob ich den Kopf in den Nacken. Ein intensiver Duft lag plötzlich in der Luft. Ich zog ihn tief durch die Nase, und kurz darauf hatte auch der alte Mann entdeckt, woher er kam. Zwei Labradore tauchten auf. Er stand auf und meinte nur: „Dann war’s das für heute.“ Was auch immer er damit meinte. Ich verstand es erst ein paar Augenblicke später.

Er stand auf, und wir gingen ihnen entgegen, sodass wir uns an der nächsten Wegkreuzung treffen würden. Als nur noch etwa zwanzig oder dreißig Meter zwischen uns lagen, rechnete ich eigentlich damit, dass unsere Menschen uns gleich freigeben würden, damit wir uns begrüßen konnten. Doch genau in diesem Moment kam ein Jogger den Weg entlang. Also hieß es für uns alle erst einmal: Sitz und warten.

Danach gab es dann doch noch ein ordentliches Rennspiel – natürlich der Wärme angepasst. Niemand hatte heute Lust auf endlose Sprints. Wir liefen ein paar schnelle Bögen über den Weg und durch das kurze Gras, bremsten wieder ab, schnüffelten kurz umeinander und dann ging es noch einmal los. So spielt es sich an warmen Tagen eben besser. Unsere Menschen entschieden sich, noch eine Weile denselben Weg zu gehen. Das gab uns Zeit, gemeinsam zu laufen, hier und da noch einen interessanten Geruch zu prüfen und uns ganz ohne Eile auszutauschen. Irgendwann bogen die Labradore Richtung Stadt ab. Wir sahen ihnen noch einen Moment nach und setzten dann unsere Morgenrunde fort.

An unserem üblichen Platz machten wir eine Trinkpause. Kurz darauf entdeckten wir unten in der Senke den Rehbock. Seit das hohe Gras gemäht ist, ist er längst nicht mehr so unsichtbar wie noch vor ein paar Wochen. Dafür hatte er heute den besten Überblick und schien ganz genau kontrollieren zu wollen, was wir auf unserem Kontrollgang so trieben. Seinen Blick spürten wir noch im Rücken, bis die Senke hinter uns verschwand.

Von der Stadt aus liefen wir noch einmal hinauf Richtung Felder, um über den Weg am Brombeerwäldchen wieder abzusteigen. Dabei entdeckten wir, dass ein Schäfer seinen mobilen Zaun bereits bereitgelegt hatte. Es wird also wohl nur noch wenige Tage dauern, bis wir auf unserem Weg wieder Schafe oder Ziegen treffen werden.

Damit war der Tag heute fast schon vorbei, denn die beginnende Hitze trieb den alten Mann und mich in den Keller. Er verschwand vor seinen leuchtenden Vierecken, und ich legte mich daneben. Irgendjemand musste ihn ja im Auge behalten.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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