Entlebucher Tagebuch – Freitag, 17. Juli 2026. Heute Morgen schliefen wir alle etwas länger. Ob das am eigenen Bett lag oder an den anstrengenden Tagen der vergangenen Woche, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Jedenfalls schien niemand es eilig zu haben, den Tag zu beginnen.
Als Erstes stand der alte Mann auf. Aber jeder hier weiß, dass er sich, sobald er seinen Kaffee in der Hand hat, erst einmal auf das Sofa legt. Es bestand also überhaupt kein Grund, ihm sofort zu folgen. Dafür war später noch genug Zeit.
Am Ende lagen wir zu dritt auf dem Sofa und sahen dem langsam beginnenden Tag zu. Man konnte uns wohl allen ansehen, dass wir nach der aufregenden Woche erst einmal eine kleine Ruhepause brauchten. Dagegen hatte sicher niemand etwas einzuwenden.
Beim Trailen waren der alte Mann und ich uns noch einig gewesen, dass wir zu Hause erst einmal wieder eine ausgedehnte Morgenrunde machen würden, vielleicht sogar mit dem Zuggeschirr. Schließlich hatten wir beide die Bewegung in der vergangenen Woche ein wenig vermisst.
Als wir uns dann fertig machten, schenkten wir dem Zuggeschirr überhaupt keine Beachtung. Ohne groß darüber zu sprechen, ließen wir auch Ball, Dummy und alles andere Trainingsmaterial zu Hause. Nur die Leckerlitüte musste mit. Gute Leistungen verdienen schließlich auch dann eine Belohnung, wenn gar nicht trainiert wird.
Dann starteten der alte Mann und ich zu unserer Runde. Nachdem wir tagelang keine Gelegenheit gehabt hatten, unser Revier zu kontrollieren, musste das natürlich gründlich nachgeholt werden. Schließlich kann man sich nicht darauf verlassen, dass in unserer Abwesenheit alles seine Ordnung behalten hat.
Ich überprüfte die Gerüche, das Gelände und alles, was sonst noch wichtig war. An zwei oder drei Stellen hinterließ ich außerdem eine Nachricht, dass ich wieder zurück bin. Man muss die Nachbarschaft schließlich nicht unnötig im Ungewissen lassen.
Der alte Mann und ich ließen uns viel Zeit. Man konnte merken, dass unsere Gedanken noch bei den vergangenen Tagen waren. Es gab einfach noch so viel zu verarbeiten, dass es überhaupt keinen Sinn gehabt hätte, sich zu beeilen.
Zum Glück war Frauchen heute Morgen nicht mitgekommen. Wir lieben es, zu dritt die Welt zu entdecken. Aber manchmal ist Frauchen selbst ein bisschen wie ein Entlebucher. Hätte sie gesehen, wie langsam wir heute unsere Morgenrunde absolvierten, würde sie daraus wahrscheinlich eine neue Regel machen. Dabei hätte sie ganz übersehen, dass heute eben ein ganz besonderer Morgen war und besondere Gründe eine besondere Geschwindigkeit erlauben.
Als wüsste die Welt, dass wir heute einfach etwas Zeit für uns brauchten, begegneten wir unseren Bekannten nur aus der Ferne. Selbst die wenigen Katzen, die unseren ersten Reviergang beobachteten, hielten respektvoll Abstand. So konnten der alte Mann und ich unsere Gedanken noch ein wenig schweifen lassen.
Zu Hause hatte Frauchen einen Termin. Der alte Mann kümmerte sich deshalb um die Ausrüstung unserer Reise. Normalerweise hätte ich jede Tasche und jeden Handgriff sorgfältig überwacht. Schließlich gehört so etwas zu meinen Aufgaben. Heute verzichtete ich ausnahmsweise darauf und ließ es weiter ruhig angehen. Nach einer solchen Woche darf selbst ein Entlebucher seine Arbeit einmal für ein paar Stunden etwas gelassener sehen.
Den restlichen Tag verbrachten wir genauso ruhig, wie er begonnen hatte. Keiner hatte das Bedürfnis, besonders viel zu unternehmen. Es war einfach gut, wieder zu Hause zu sein.
Am Abend war Frauchen schon längst wieder zurück und wollte mit mir die Abendrunde machen. Eigentlich hätte mir da schon klar sein müssen, dass es nicht bei einer kurzen Gassirunde bleiben würde. Spätestens als sie sich den Gürtel vom alten Mann mit den Wasserflaschen und allem, was sonst noch dazugehört, umschnallte, hätte ich misstrauisch werden müssen. Aber nach so einem ruhigen Tag denkt selbst ein Entlebucher nicht immer sofort an Arbeit.
Wir starteten auf unserer ganz normalen Bahnhofsrunde. Für einen Sommerabend ist das eine durchaus akzeptable Strecke, besonders wenn das Revier nach einer Woche Abwesenheit noch einmal gründlich überprüft werden muss. Schließlich gibt es auch am Abend noch genug zu kontrollieren.
Dann bogen wir jedoch vom gewohnten Weg ab. Nach einer Weile wurde mir klar, dass wir entweder auf dem Weg zu Ivy oder in den Burgwald waren. Beides hätte mir gut gefallen, deshalb ließ ich mich einfach überraschen und lief aufmerksam weiter.
Am Ende kamen wir tatsächlich bei Ivy an. Und plötzlich war auch der alte Mann da. Offenbar hatten die beiden Menschen heute einfach die Rollen getauscht. Er hatte das Auto dorthin gebracht, damit wir später ganz entspannt gemeinsam nach Hause fahren konnten. Manchmal planen Menschen ihre Überraschungen eben besser, als man ihnen zutraut.
Ich freute mich sehr, Ivy wiederzusehen. Gemeinsam gingen wir sofort wieder auf die Jagd nach kraulenden Händen. Normalerweise bin ich bei so etwas mit vollem Einsatz dabei, doch heute hingen meine Gedanken noch ein wenig den vergangenen Tagen nach. Deshalb suchte ich mir lieber einen Platz zwischen Frauchen und dem alten Mann. Dort konnte ich gleichzeitig bei beiden sein und das Geschehen in aller Ruhe beobachten.
Die Menschen unterhielten sich wieder über Gott und die Welt. Wobei heute auffallend oft das Wort Essen fiel. Ich finde, das ist ein ausgesprochen sinnvolles Gesprächsthema – ganz egal, ob mit oder ohne Gott.
Wie an solchen Tagen üblich kamen wir erst nach der normalen Bettgehzeit nach Hause. Daran sollten die beiden Menschen wirklich noch arbeiten. Jeder weiß doch, dass geregelte Schlafenszeiten wichtig sind. Besonders für Entlebucher, die am nächsten Morgen wieder verantwortungsvolle Aufgaben bei der Revierkontrolle übernehmen müssen.
Insgesamt war es ein ruhiger Tag. Keiner mit großen Abenteuern, dafür einer, an dem wir alle langsam wieder zu Hause ankamen. Manchmal braucht es genau solche Tage, um die Erinnerungen an eine besondere Woche an ihren richtigen Platz zu legen. Und wenn ich ehrlich bin, war ich ganz zufrieden damit, dass heute niemand von uns besonders viel von mir erwartet hat.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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