Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 09. Juli 2026. Frauchen scheint Gefallen an ihrer neuen Aufstehzeit gefunden zu haben. Zumindest sah ich mich heute schon wieder gezwungen, dem alten Mann Meldung zu machen. Kaum war sie aufgestanden, verschwand sie an ihre leuchtenden Rechtecke – und das zu einer Uhrzeit, die früher nur an ihren Bürotagen vorkam.

Der alte Mann war allerdings ziemlich grummelig darüber, von mir geweckt zu werden. Statt sich sofort um die Lage zu kümmern, machte er sich erst einmal auf die Suche nach Kaffee. Menschen scheinen ohne dieses Zeug morgens nur eingeschränkt einsatzfähig zu sein.

Nachdem der alte Mann seinen Kaffee gefunden hatte, ließ er Frauchen einfach arbeiten. Er selbst machte keinerlei Anstalten, etwas Sinnvolles zu tun. Ich beobachtete die Lage eine ganze Weile, konnte aber keine vernünftige Aufgabe erkennen.

Irgendwann kam Frauchen vorbei und fragte den alten Mann, wann wir laufen wollten. Er meinte nur, er hätte Zeit, wann immer sie wollte. Spätestens da war ich mir sicher, dass heute irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Erst stand Frauchen freiwillig so früh auf, dann ließ der alte Mann sie einfach arbeiten und jetzt war ihm auch noch völlig egal, wann wir losliefen. Menschen verhalten sich manchmal wirklich rätselhaft.

Es dauerte dann aber nicht mehr lange, bis der alte Mann mit dem Zuggeschirr zurückkam. Da war mir klar, was Frauchen gemeint hatte. Nach dem ganzen Mädchenkram und der Hitze sollte es endlich mal wieder richtig losgehen. Darauf hatte ich schon eine ganze Weile gewartet.

Der alte Mann packte Wasser und Käse ein, während Frauchen sich den Laufgurt anlegte. Damit war klar: Heute gab es wieder begleitetes Canicross für Frauchen. Der alte Mann übernahm die Versorgung, gab das Tempo vor und achtete darauf, dass wir als Gespann unseren Rhythmus fanden. Ich zog, Frauchen lief und der alte Mann sorgte dafür, dass niemand unterwegs auf dumme Gedanken kam.

Natürlich begann eine ordentliche Sportrunde nicht direkt an der Haustür. Zuerst gehörte ein Kontrollgang durchs Revier dazu. Bevor man sich auf das Laufen konzentriert, muss schließlich geklärt sein, ob noch alles seine Ordnung hat.

Das Laufen fühlte sich dann für uns alle gut an. Frauchen beschwerte sich zwar, dass ich heute nur mäßig zog, aber nach Mädchenkram und den heißen Tagen musste man sich eben erst wieder ein wenig einfinden. Ich fand, für den Anfang war das völlig ausreichend. Es geht schließlich nicht darum, den Menschen sofort wieder zu zeigen, was ein Entlebucher alles leisten kann.

Nachdem wir ins Auslaufen übergegangen waren, dauerte es auch nicht mehr lange, bis es an die vorher ausgehandelte Bezahlung ging: Käse. So gehört sich das schließlich. Abmachungen sind einzuhalten, besonders wenn ein Entlebucher seinen Teil der Arbeit erledigt hat.

Zuhause ging es dann genauso merkwürdig weiter. Frauchen verschwand wieder an ihren leuchtenden Rechtecken und der alte Mann machte Dinge, die er sonst nur am Wochenende macht. Langsam beschlich mich der Verdacht, dass die Menschen ihren Wochenplan umsortiert hatten, ohne mich darüber zu informieren. Für die Revierleitung ist so etwas natürlich alles andere als ideal.

Als der alte Mann sich nach dem Mittagessen auch noch hinlegte, war endgültig klar, dass diese Entwicklung genau beobachtet werden musste. So viele Abweichungen vom gewohnten Tagesablauf an einem einzigen Tag sind schließlich nichts, was ein Entlebucher einfach unbeachtet lässt.

Am Nachmittag verließ der alte Mann das Haus. Er nahm zwar seinen Arbeitsrucksack mit, ließ die zusätzliche Kleidung aber hier. Frauchen fragte noch, wann er wiederkommen würde. Er meinte nur: „Wenn sie wach wird, bin ich wieder da.“ Ich wusste zwar nicht genau, wen er damit meinte, aber eines war für mich klar: Zur Schlafenszeit nicht wieder beim Rudel zu sein, halte ich grundsätzlich für keine gute Idee.

Frauchen machte irgendwann noch ihre Tierhaltungen. Die beiden, die nach einem Hund benannt sind, zeige ich ihr eigentlich jeden Tag. Trotzdem scheint sie sie regelmäßig üben zu müssen. Menschen lernen offenbar etwas anders als Entlebucher.

Die Abendrunde verlief angenehm ruhig, ganz der Temperatur angemessen. Deshalb machten Frauchen und ich nur eine kleine Schafrunde. Unterwegs traf ich meinen Kumpel, die alte Dogge. Zum Toben ist er inzwischen wohl zu alt, aber höflich war er schon immer. Solche Begegnungen mag ich.

Ganz anders sah es bei ein paar anderen Hunden aus, denen wir unterwegs begegneten. Frauchen und ich waren uns schnell einig, dass ein großzügiger Bogen die deutlich bessere Lösung war. Man muss schließlich nicht jede Begegnung mitnehmen, nur weil sie sich anbietet.

Ich blieb noch einen Moment am Tor bei dem großen Hirtenhund und dem kleinen Dackel stehen. Ich mag die beiden. Leider hatten sie heute wohl keinen Ausgang, deshalb blieb es bei einem Blick durch den Zaun und es gab kein Nase-an-Nase.

Dafür nutzte Frauchen die Gelegenheit und übte mit mir noch ein gerades Sitz für Treibball. Ich weiß zwar nicht, warum Menschen immer finden, dass man etwas, das schon ganz ordentlich klappt, trotzdem weiter üben muss. Aber wenn es Frauchen glücklich macht, mache ich eben mit.

Als wir später ins Bett gingen, war der alte Mann immer noch nicht wieder beim Rudel. Das gefiel mir zwar überhaupt nicht. Frauchen schien sich darüber allerdings keine Sorgen zu machen. Also übernahm ich die Verantwortung für die nächtliche Beobachtung und wartete darauf, dass unser Rudel wieder vollständig wurde.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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