Entlebucher-Tagebuch, Sonntag, 21. Juni 2026 Heute wurde früh aufgebrochen. Der alte Mann hatte wieder diese Sommerlogik: Wenn die Welt später unangenehm wird, muss man vorher los. Klingt vernünftig genug. Ziel war das Kaltental zwischen Grabenstetten und Bad Urach. Ein Name, der Erwartungen weckt. Ich kenne Menschen. Oft ist das dann eher symbolisch gemeint. Aber schon beim Aussteigen war klar: Hier meint es jemand ernst.

Wir liefen um die Seen. Und zum ersten Mal seit Tagen musste ich nicht bei jedem Schritt überlegen, ob sich Bewegung überhaupt lohnt. Die Luft fühlte sich leicht an. Der Boden war angenehm. Kein Hitzeflimmern, keine Diskussion mit der Sonne, kein Mensch, der alle paar Minuten feststellt, dass es „heute schon wieder ordentlich warm wird“.

Und plötzlich passierte etwas, das in letzter Zeit eher selten geworden war.

Ich bekam Lust zu rennen.

Nicht dieses höfliche Mitlaufen, das Menschen manchmal fälschlicherweise als Tempo bezeichnen. Ich meine richtig rennen. Beschleunigen. Kurven nehmen. Kurz verschwinden, wieder auftauchen. Noch eine Runde. Einfach weil der Körper wieder Lust hatte und nicht vorher mit der Temperatur verhandeln musste.

Der alte Mann beobachtete das mit diesem Gesichtsausdruck, den Menschen haben, wenn sie gleichzeitig überrascht und zufrieden sind. Dabei ist die Sache einfach: Entlebucher sind nicht dafür gebaut, dekorativ im Schatten zu liegen. Wir können das. Aber es ist nicht unsere Kernkompetenz. Heute konnte ich endlich mal wieder zeigen, was Rennen eigentlich bedeutet. Nicht aus Pflicht. Nicht weil jemand motiviert. Sondern weil es sich plötzlich wieder gut angefühlt hat.

Danach wurden die Seen noch einmal kontrolliert, ein paar Gerüche ausgewertet und insgesamt festgestellt: Dieser Ort versteht Sommer besser als viele andere Orte. Das Kaltental bekommt deshalb eine klare Empfehlung aus Entlebucher-Sicht. Wenn man ankommt und plötzlich wieder Energie übrig hat für Unsinn, Geschwindigkeit und ordentliche Bewegung, dann hat ein Ort etwas richtig gemacht.

Mittags stellte sich die Frage, ob dem alten Mann die Sonne zugesetzt hatte. Er ging auf die Terrasse und machte ein Feuer.

Zur Einordnung: Draußen herrschten Temperaturen, bei denen selbst die Vögel ihre Ansprüche an Aktivität bereits deutlich heruntergeschraubt hatten. Ich lag im Schatten und führte Temperaturmanagement durch. Der alte Mann hingegen trug Holz.

Menschen behaupten oft, Hunde würden seltsame Entscheidungen treffen. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich noch nie bei Sommerhitze freiwillig zusätzliche Wärme erzeugt habe. Es stellte sich später heraus, dass das Feuer nicht zur Selbstzerstörung gedacht war, sondern zum Grillen. Das erklärt die Handlung nicht vollständig, macht sie aber gesellschaftlich akzeptierter.

Ich beobachtete den Vorgang aus sicherer Entfernung und war bereit einzugreifen. Der alte Mann saß anschließend zufrieden vor seiner selbst erzeugten Hitze und sagte Dinge wie: „So schlimm ist es eigentlich gar nicht.“ Ich beschloss, die Diskussion nicht zu eröffnen. Manche Lebewesen verlieren bei Wärme die Orientierung. Andere liegen einfach im Schatten und behalten recht.

Ich muss zugeben: Später roch es verführerisch.

Und das ist eigentlich der eigentliche Skandal an der Sache. Erst macht der alte Mann bei Temperaturen, die selbst vernünftige Entlebucher zu konsequenter Schattennutzung veranlassen, draußen ein Feuer. Dann verbreitet sich dieser Geruch über die Terrasse. Nicht aufdringlich. Nicht laut. Einfach dieses langsame, unverschämte „Hier passiert etwas Interessantes“.

Ich blieb professionell. Ich beobachtete. Ich wartete. Ich machte gelegentlich auf meine Anwesenheit aufmerksam, damit niemand später behaupten konnte, er hätte mich übersehen. Am Ende bekam ich einen kleinen Haps. Nicht offiziell. Frauchen schmuggelte ihn am alten Mann vorbei. Diskret. Unauffällig. Gute Ausführung.

Und dann? Hundefutter.

Ich möchte festhalten: Es gab gegrilltes Essen. Für Menschen. Und daneben bekam ich eine Schüssel mit etwas, das zwar grundsätzlich akzeptabel war, aber eindeutig nicht vom Feuer stammte. Der alte Mann erklärte etwas von „nicht alles ist gut für Hunde“ und „du hast dein eigenes Essen“. Ich habe die Entscheidung zur Kenntnis genommen. Aber ich habe dabei sehr ruhig und sehr sichtbar in Richtung Grill geschaut. Nur damit die Verantwortlichkeiten klar bleiben.

Lilly ist bei diesen Temperaturen eigentlich nur zu kurzen Kontrollbesuchen da. Sie erscheint, prüft die Lage, liegt fünf Minuten irgendwo dekorativ herum und verschwindet wieder an einen Ort, den sie offenbar für klimatisch vertretbarer hält.

Dadurch fühlt sich ihre Schwester Fee manchmal etwas allein. Fee löst das allerdings sehr menschennah. Sie fordert dann den alten Mann zu gemeinsamem Abliegen auf dem Bett an. Nicht besonders dramatisch. Sie erscheint einfach und macht deutlich, dass jetzt Anwesenheit erwartet wird.

Der alte Mann folgt solchen Aufforderungen erstaunlich zuverlässig. Ich würde diese Aufgabe grundsätzlich ebenfalls übernehmen. Ich habe Erfahrung im geordneten gemeinsamen Liegen und sehe mich sozial durchaus geeignet. Allerdings haben Fee und Lilly ein eher ablehnendes Verhältnis zu meiner Anwesenheit.

Nicht grundsätzlich. Aber sobald ich die räumliche Situation zu wörtlich nehme, wird deutlich gemacht, dass Gemeinschaft offenbar etwas anderes bedeutet als gemeinsames Liegen. Deshalb lasse ich ihnen ihre Bettgemeinschaft und beobachte die Situation aus angemessener Entfernung. Jemand muss schließlich den Überblick behalten.

Den Tag beendeten wir mit einer nicht näher zu beschreibenden Außenmission zur nächsten Pupsi-Box. Es war keine richtige Runde. Eher ein kurzer, sachlicher Außeneinsatz. Notwendigkeit festgestellt. Durchführung erfolgt. Rückkehr ohne besondere Vorkommnisse.

Bei diesen Temperaturen entwickelt selbst der engagierteste Entlebucher ein gutes Gespür dafür, welche Aufgaben wirklich Priorität haben. Danach wurde der Betrieb wieder eingestellt.

Ein guter Morgen für einen Entlebucher

Eure Eira


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