Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 4. August 2026. Heute war wieder Bürotag bei Frauchen. Das bedeutet vor allem eines: Der Wecker klingelt viel zu früh. Während Frauchen sich für die Arbeit fertig machte, wartete ich schon darauf, dass es endlich losgeht. Als der alte Mann und ich schließlich zur Morgenrunde aufbrachen, war Frauchen schon unterwegs ins Büro. Der alte Mann wartete nur noch, bis es draußen hell genug war, um nicht über jeden Stein zu stolpern. Erst dann machten wir uns auf den Weg.

Für einen Entlebucher ist so eine Morgenrunde schließlich keine einfache Gassirunde. Oben auf den Feldern beginnt der eigentliche Kontrollgang. Der Blick wandert über die Wiesen bis zum Waldrand, die Nase prüft jede frische Spur und die Ohren arbeiten ohnehin ununterbrochen. Was gestern noch da war, sollte heute auch noch da sein. Und wenn nicht, wird das selbstverständlich registriert.

Zu einem ordentlichen Kontrollgang gehören auf den ersten Metern auch ein paar kräftige Sprints. Man muss schließlich testen, ob die Beine funktionieren. Nach dem zweiten Antritt war allerdings klar, dass das heute keine gute Idee war. Obwohl der Tag gerade erst begonnen hatte, war die Luft schon so warm, dass selbst ich keine Lust mehr hatte, Energie für sinnloses Rennen zu verschwenden. Also schalteten wir einen Gang zurück und konzentrierten uns lieber auf die wichtigen Dinge.

Damit mir dabei nicht langweilig wurde, hat der alte Mann unterwegs ein paar Mal mein Spielzeug versteckt. Das ist bei solchen Temperaturen ohnehin die bessere Beschäftigung. Meistens hatte ich es schnell gefunden. Ein Versteck war allerdings richtig gemein. Ich war mir sicher, dass der Geruch von dort kam, aber das Spielzeug war einfach nicht zu sehen. Also habe ich noch einmal alles in Ruhe überprüft und tatsächlich erst beim zweiten Hinschauen entdeckt, wo es lag. Der alte Mann war ziemlich zufrieden mit seinem Versteck. Ich natürlich auch, denn am Ende habe ich es trotzdem gefunden.

Gegen Ende unserer Runde kamen wir an der Stelle vorbei, an der wir vor ein paar Tagen den mobilen Zaun eines Schäfers entdeckt hatten. Damals lagen dort nur die Zaunrollen und ein paar Pfähle auf der Wiese. Heute sah die Welt schon ganz anders aus. Der Zaun stand, und die Ziegen waren bereits eingezogen.

Ich habe natürlich erst einmal aus sicherer Entfernung kontrolliert, wer da jetzt zur Nachbarschaft gehört. Die Ziegen wirkten erstaunlich gelassen und schienen sich von meinem Besuch überhaupt nicht beeindrucken zu lassen. Wahrscheinlich wussten sie noch nicht, dass ich hier für die morgendlichen Kontrollen zuständig bin.

Wieder zu Hause angekommen verschwand der alte Mann direkt zu seinem leuchtenden Viereck im Keller. Ich weiß bis heute nicht, warum Menschen so lange auf leuchtende Vierecke starren können. Mir soll es recht sein. Im Keller sind nämlich auch die Fliesen deutlich kühler als oben im Haus. Während der alte Mann arbeitete, machte ich es mir dort gemütlich und hielt lieber eine ausgedehnte Ruhepause.

Viel früher als sonst kam dann auch Frauchen nach Hause. Sie erzählte etwas davon, dass es im Büro heute unmöglich gewesen sei zu arbeiten. Anschließend bekam der alte Mann einen neuen Auftrag: Ihr leuchtendes Viereck musste aus dem Arbeitszimmer an den Esstisch umziehen. Seitdem ist der Essplatz offiziell Frauchens Hitzearbeitszimmer. Gegessen wird jetzt eben am Wohnzimmertisch.

Eigentlich finde ich diese Lösung ziemlich gut. Wenn die Menschen sich auf verschiedene Zimmer verteilen, muss ich ständig nachsehen, ob auch wirklich noch alle da sind. Sitzen sie dagegen gemeinsam an einem Tisch, habe ich mein Rudel viel besser im Blick. Das spart Wege, Energie und passt außerdem hervorragend zu diesem Wetter.

So blieben sie nach Feierabend einfach im Wohnzimmer sitzen. Niemand hatte noch das Bedürfnis, sich bei dieser Wärme unnötig zu bewegen. Ich fand das ausgesprochen vernünftig. Schließlich hatte ich mein Rudel komplett im Blick und musste nicht ständig zwischen Keller, Arbeitszimmer und Wohnzimmer hin- und herlaufen.

Auf eine große abendliche Revierrunde hatte heute sowieso niemand mehr Lust. Wir machten nur noch einen kurzen Abstecher zum Brunnen, erledigten das Nötigste und machten uns anschließend wieder auf den Heimweg. Manchmal reicht das völlig aus. Wenn der Tag schon morgens mit Sommerhitze beginnt, muss man am Abend niemandem mehr etwas beweisen.

Danach konnte man sich ganz in Ruhe auf das Schlafen vorbereiten. Morgen früh wartet schließlich wieder der Kontrollgang. Irgendjemand muss ja nachsehen, ob die Ziegen noch da sind.

Ein zu warmer Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert