Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 10. September 2026. Heute war ein Tag, an dem beide von zu Hause aus arbeiteten. Eigentlich hätte man meinen können, dass damit der gemeinsame Tagesablauf etwas entspannter beginnt. Weit gefehlt. Frauchen verschwand praktisch unmittelbar hinter ihren leuchtenden Vierecken. Kaum war der erste Kaffee eingeschenkt, war sie schon irgendwo zwischen Bildschirm, Tastatur und wichtigen Dingen verschwunden. Der alte Mann hingegen hält unbeirrt an einem Ritual fest, das offenbar nicht verhandelbar ist: Kaffee auf dem Sofa zum Wachwerden. Ich finde, das ist grundsätzlich ein vernünftiger Ansatz. Ein Mensch sollte schließlich nicht verlangen, dass man vor dem ersten Kaffee bereits vernünftige Entscheidungen trifft. Kaum war der Kaffee alle, schien die Startprozedur abgeschlossen. Nun konnte der alte Mann an seine leuchtenden Vierecke gehen und sich dort den wichtigen Dingen des Tages widmen. Zumindest so lange, bis der Tag selbst langsam wach wurde und es Zeit für unseren morgendlichen Kontrollgang war.
Wir gingen hinaus zu den Feldern. Wobei „gingen“ vielleicht etwas großzügig formuliert ist. Schon der Weg dorthin war voller neuer Gerüche. Offenbar hatte die Nacht draußen einiges hinterlassen, das einer gründlichen Untersuchung bedurfte. Jeder Grashalm, jeder Wegrand und jede besonders interessante Stelle musste selbstverständlich persönlich überprüft werden. Wir kamen deshalb nur langsam voran. Was sich auf unserem Weg allerdings nicht verändert hatte, war der Apfelbaum. Nun ja – zumindest lag er noch genau dort, wo der Sturm ihn hingeworfen hatte. Die Rehe waren heute Morgen dagegen nicht an ihrem gewohnten Platz unterwegs. Offenbar hatten sie sich für einen anderen Abschnitt ihres Reviers entschieden.
Dann wurde es interessant. Uns kam ein Retriever mit seinem Menschen entgegen. Der Retriever war angeleint und die Frau sah so aus, als würde sie am liebsten wieder umdrehen. Als der alte Mann mich ebenfalls anleinte, war eigentlich alles klar: kein Kontakt, jeder geht seines Weges. Dachte ich. Die Frau ging dann tatsächlich wieder ein Stück zurück, weil uns von der Stadt her Rosas Freundin entgegenkam, ebenfalls noch an der Leine. Sie bog mit ihrem Frauchen in unsere Richtung ab, während der Retriever weiter in Richtung Stadt ging. Damit hätte die Sache eigentlich erledigt sein können. Eigentlich. Denn nun drehten die anderen wieder um und gingen genau dort entlang, wo der Retriever gerade noch gesessen hatte. Wir standen da, schauten uns das Ganze an und ich fand, beim alten Mann hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass er sich verwundert am Kopf kratzt.
Wir gingen dann weiter und entdeckten nach einiger Zeit in einiger Entfernung wieder die Collies. Der alte Mann gab mich frei und meinte, ich könne die beiden ruhig begrüßen. Aber ich fand, dass das heute nicht notwendig war. Indy grüßte aus der Ferne mit einem Blick. Das reichte heute völlig. Man muss sich schließlich nicht jedes Mal persönlich begrüßen, wenn man sich schon verstanden hat. Ich drehte noch ein paar große Kreise um den alten Mann, als uns unsere Nachbarin entgegenkam, die hier morgens öfter joggt. Zu ihr musste ich dann allerdings doch einen Bogen laufen und dem alten Mann ihre Ankunft melden. Mit den Nachbarn ist das so eine Sache. Sie gehören nicht zum Rudel, sind aber immer irgendwie in der Nähe der Höhle. So jemanden kann man auch in freier Natur nicht einfach ignorieren. Der alte Mann meinte, ich wäre übermotiviert. Aber sicher ist sicher.
Danach konnte ich mich bis zum Nachmittag um den Sicherheitsdienst kümmern, während Frauchen und der alte Mann an ihren leuchtenden Vierecken saßen. Ich übernahm derweil die wirklich wichtigen Aufgaben und behielt im Auge, was vor der Höhle passierte. Man weiß schließlich nie, wer plötzlich auftaucht. Am Nachmittag begleitete mich dann Frauchen auf unserer Runde. Die Geruchslage war noch genauso unbestimmt wie am Morgen, also ging es wieder nur sehr langsam voran. Außerdem war es an der einen oder anderen Stelle notwendig, eine neue Visitenkarte zurückzulassen. Auch wollte ich die Untersuchungen gern noch etwas weiter ausdehnen, als Frauchen bereit war zuzulassen. Als wir zurück waren, meinte Frauchen zum alten Mann, wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie sagen, bei mir geht der Mädchenkram los. Aber ich wäre wohl nur so zickig. Ich finde, das klingt deutlich weniger wissenschaftlich. Meine Erklärung ist einfacher: Es gab noch viel zu kontrollieren.
Später gab es dann Ofenkäse. Ich bin nicht sicher, ob das vom alten Mann als Versöhnungsangebot an Frauchen gedacht war. Aber manche Dinge sollte man nicht unnötig hinterfragen. Für mich war jedenfalls klar: Das war der richtige Zeitpunkt, um den treuen Hundeblick wieder ein wenig zu üben. Der Ofenkäse stand schließlich auf dem Tisch.
Ein guter Tag für einen Entlebucher – sagt euch eure Eira.
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