Kontrollgang zur Burg

Kontrollgang zur Burg

Entlebucher Tagebuch – Samstag, 01. August 2026. Eigentlich ein Tag, an dem man etwas länger liegen bleiben könnte. Der alte Mann sah das allerdings anders. Das leuchtende Viereck machte schon früh wieder laute Geräusche.

Nach dem obligatorischen Kaffee auf dem Sofa machten sich Frauchen und der alte Mann daran, die Sachen für unsere Wanderung zu packen. Mit Rucksack und genügend Wasser fuhren wir zum Burgwald. Frauchen und der alte Mann hatten zwar überlegt, die ganze Strecke zu laufen, wollten auf dem Rückweg aber nicht durch die Sonne in der Stadt gehen.

Noch im Bereich des Parkplatzes erledigte ich erst einmal mein Geschäftliches. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum jemand eine Tüte den ganzen Berg hinaufschleppen sollte, wenn sich das auch vorher erledigen lässt. Damit war dieser Punkt abgehakt, und wir konnten uns auf den Weg machen.

Dann begann der Aufstieg. Für Frauchen und den alten Mann bedeutete das vor allem bergauf laufen. Für mich begann dagegen die eigentliche Arbeit. Der Blick wanderte ständig nach links und rechts, die Nase prüfte jeden Wegrand und jedes Gebüsch, und die Ohren waren ohnehin die ganze Zeit im Einsatz. Es musste kontrolliert werden, ob sich seit dem letzten Besuch etwas verändert hatte. Ein Entlebucher geht nicht einfach einen Weg entlang – er verschafft sich erst einmal einen Überblick.

Heute hatte Frauchen die Leine übernommen. Sie behauptet ja immer, dass wir zu weit vorauslaufen, wenn der alte Mann die Leine in der Hand hat. Ich frage mich allerdings, woran wir das merken sollen. Nach hinten haben wir schließlich keine Augen. Wenn niemand etwas sagt, gehen wir eben davon aus, dass das Tempo passt.

Dann war es Zeit für die erste Trinkpause. Der alte Mann holte die Wasserflasche aus dem Rucksack, und ich freute mich schon auf einen ordentlichen Schluck. Doch dann stellte sich heraus, dass Frauchen etwas nicht kontrolliert hatte: Der Napf war gar nicht dabei.

Aus der hohlen Hand trinken? Nein, danke. Ich bin schließlich kein Minihund. Also überlegten die beiden erst einmal hin und her, wie sie das Problem lösen könnten. Der alte Mann griff in die Tasche, zog einen Pupsibeutel heraus und machte daraus kurzerhand einen Notnapf. Das sah zwar etwas ungewöhnlich aus, funktionierte aber erstaunlich gut.

So kam ich doch noch zu meinem Wasser. Die Menschen konnten ihre Wanderung fortsetzen, und ich kontrollierte wieder den Wegrand, die Böschungen und den Wald. Unterwegs gab es jede Menge interessante Gerüche. Manche waren schnell eingeordnet, bei anderen musste ich noch einmal genauer nachsehen. Nicht alles lässt sich im Vorbeigehen beurteilen. Für einen Entlebucher gehört eine gründliche Kontrolle einfach dazu.

Irgendwann begleitete uns ein Greifvogel ein Stück durch den Hohlweg, auf dem wir wieder nach unten gingen. Immer wieder glitt er zwischen den Bäumen hindurch, tauchte kurz aus meinem Blickfeld auf und erschien wenige Augenblicke später wieder. Wie geschickt er dabei zwischen den Ästen manövrierte, war schon beeindruckend. Ich blieb einen Moment stehen und schaute ihm nach, bevor wir unseren Weg fortsetzten.

Gegen Ende der Runde bekam ich dann noch einen ganz besonderen Duft in die Nase. Diesmal kam er nicht vom Boden. Ich blieb stehen, legte den Kopf weit in den Nacken und witterte in den Wald. Die Richtung war sofort klar. Am liebsten wäre ich direkt losgegangen, aber wir sollten auf dem Weg bleiben. Also korrigierte ich immer wieder meine Blickrichtung und zeigte so lange in den Wald, bis auch der alte Mann weit genug zwischen das Unterholz sehen konnte. Dann entdeckte er das Reh.

Es dauerte noch einen Moment, bis er auch Frauchen erklären konnte, wo es stand. Ich wusste längst, wo es war.

So etwas ist übrigens etwas ganz anderes als Mantrailing. Beim Mantrailing suche ich eine ganz bestimmte Person. Ich folge ihrer Spur mit der Nase dicht über dem Boden, weil genau dort ihr Geruch liegt. Diesmal war es anders. Ich suchte nicht dieses eine Reh. Ich bekam einfach den Duft eines Rehs in die Nase. Der lag nicht auf dem Boden, sondern kam mit der Luft aus dem Wald. Deshalb musste ich den Kopf so weit in den Nacken nehmen, um die Witterung möglichst genau einordnen zu können. Erst dann wusste ich ganz genau, aus welcher Richtung sie kam.

Der alte Mann hatte das Reh gesehen. Wir blieben auf unserem Weg, das Reh blieb im Wald, und für mich war die Sache damit erledigt.

Dann kamen wir wieder am Parkplatz an und fuhren nach Hause. Ich erholte mich erst einmal von der ausgiebigen Revierkontrolle bis hinauf zur Burg – eine Strecke, die wir nicht jeden Tag gehen. Am Abend wartete dann schon die nächste Aufgabe auf mich. Während Frauchen und der alte Mann zum Tanzen gingen, achtete ich zu Hause auf Haus und Garten.

Als die beiden zurück waren, machte der alte Mann mit mir noch eine Bahnhofsrunde. Heute Abend war es nicht mehr so warm, dass man nur das Nötigste erledigen wollte. Da konnte man ruhig noch eine ordentliche Abschlusskontrolle machen.

Schon von Weitem sahen wir die Tälesbahn am Bahnhof stehen. Als wir daran vorbeigingen, hielt ich es für notwendig, dem alten Mann sofort zu melden, dass genau in diesem Moment noch jemand ausstieg. Das kam mir höchst verdächtig vor. Normalerweise steigen doch alle Menschen gleich aus dem Zug, wenn er ankommt. Warum kam dieser eine erst so spät? Ich behielt die Sache jedenfalls im Auge, bis wir weitergingen.

Der alte Mann hielt das allerdings nicht für bedrohlich. Damit war die Angelegenheit für mich erledigt. An der Hundewaschstation prüfte ich noch kurz, wer dort im Laufe des Tages gewesen war. Danach gingen wir ohne weitere Besonderheiten nach Hause.

Dort wartete Frauchen schon auf uns, und wir ließen den Abend gemeinsam ausklingen.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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