Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 07. Juli 2026. Heute ist Frauchens Bürotag. Das heißt, wir stehen alle früh auf. Aber eigentlich startet nur Frauchen durch. Der alte Mann und ich schauen ihr noch hinterher, bis die Haustür ins Schloss fällt. Dann wird es wieder ruhiger im Haus. Der alte Mann setzt sich erst einmal an seine leuchtenden Rechtecke. Das scheint wichtig zu sein, denn dabei wird viel auf Tasten gedrückt und konzentriert auf einen Bildschirm geschaut. Ich nutze die Zeit, um noch ein wenig zu dösen.

Irgendwann klappt er den Deckel zu, steht auf und sagt die beiden schönsten Wörter des Morgens: „Komm mit.“ Dann brechen wir zu unserer Morgenrunde auf. Ich weiß genau, was bei so einem Kontrollgang zu tun ist. Jeder Weg, jede Kreuzung und jeder interessante Geruch werden überprüft. Man weiß schließlich nie, was sich seit gestern verändert hat. Ein Entlebucher verlässt sich nicht auf Vermutungen – er sieht lieber selbst nach.

Schon nach den ersten Metern hatte ich allerdings das Gefühl, dass ich heute nicht nur kontrollierte, sondern selbst kontrolliert wurde. Die Katzen der Straße hatten sich offenbar gut abgesprochen. Egal, wo ich hinschaute – irgendwo saß immer eine und hatte mich im Blick. Kaum verschwand eine hinter einer Hecke oder einem Gartenzaun, tauchte an anderer Stelle schon die nächste auf. Ich überprüfte also das Revier, während das Revier offenbar auch mich überprüfte.

Dann kamen wir auf die Felder. Ein warmer Wind strich durch das hohe Gras, und auf der Wiese saß wieder der Fuchs. Heute hatte er allerdings keine Ruhe. Zwei Elstern und ein Rabe waren offenbar anderer Meinung. Die Elstern schimpften laut, liefen sogar auf ihn zu und machten ihm unmissverständlich klar, dass sie ihn entdeckt hatten. Der Rabe hielt sich etwas im Hintergrund und beobachtete die ganze Szene aufmerksam. Der Fuchs blieb erstaunlich gelassen und ließ das Theater über sich ergehen.

Der alte Mann hatte heute Lust zu laufen. Also machten wir eine lange Runde. Unterwegs übten wir immer wieder „Sitz auf Entfernung“. Diesmal hatte ich schnell verstanden, was er von mir wollte. Ich sollte ihn einfach direkt anschauen. Das gefiel mir deutlich besser als gestern, als er ständig mit den Armen herumfuchtelte. Manchmal machen Menschen Dinge unnötig kompliziert. Ein Blick reicht oft völlig aus. Danach klappte es richtig gut, und der alte Mann schien ziemlich zufrieden mit mir zu sein.

Zwischen dem Brunnen und zu Hause gab es dann doch noch eine Unregelmäßigkeit. Auf der linken Straßenseite stand ein großes Auto, an dem mehrere Leute etwas einluden. Rechts auf dem Gehweg standen Mülltonnen. Ein kleines Mädchen schaute sich die Häschen an, und aus einer Haustür kam eine Frau mit einem verdächtig aussehenden Korb in der Hand. Der alte Mann suchte sich eine Linie, die uns sicher durch das ganze Durcheinander führte. Gerade als ich dachte, wir hätten die Lage im Griff, wechselte auch noch eine junge Frau von vorn ohne erkennbaren Grund die Straßenseite. Damit wurde zwar sogar etwas mehr Platz frei, aber die ganze Situation blieb unübersichtlich. Also knurrte ich einmal kurz in die nun freie Richtung. Nicht weil dort jemand war. Eher als Kommentar zur allgemeinen Lage. Menschen erschrecken sich bei so etwas oft. Dabei wollte ich nur mitteilen, dass die Welt für mich in diesem Moment etwas unordentlich geworden war.

Als wir wieder zu Hause waren, suchte ich mir erst einmal einen kühlen Platz. Inzwischen war es wieder richtig warm geworden. Für einen Entlebucher gibt es Temperaturen, bei denen man arbeitet, und Temperaturen, bei denen man klug genug ist, einfach liegen zu bleiben. Die Morgenrunde war erledigt, das Revier kontrolliert, die Katzen hatten mich im Blick behalten und der Fuchs musste sich mit zwei hartnäckigen Elstern und einem aufmerksamen Raben auseinandersetzen. Für einen einzigen Vormittag war das eigentlich schon mehr als genug.

Abends stand dann noch eine Abendrunde an. Wegen der Temperaturen hatten der alte Mann und ich eigentlich schon beschlossen, dass sie heute etwas kürzer ausfallen würde. Gleich am Anfang der Felder erledigte ich an der Pupsibox alles, was zu erledigen war. Daraufhin fragte der alte Mann: „Gehen wir weiter oder gleich nach Hause?“ Ich hätte mich auch über eine längere Runde nicht beschwert. Aber wenn man mir schon die Möglichkeit gibt, direkt nach Hause zu gehen, muss man mit einer klaren Entscheidung rechnen. Ich drehte ohne zu zögern um und marschierte den Heimweg an. Manchmal ist die beste Entscheidung eben die, die einen am schnellsten zurück auf den kühlen Platz bringt.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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