Entlebucher Tagebuch – Samstag, 11. Juli 2026. Heute Morgen verrichteten die Vögel ihren Dienst wieder zuverlässig. Sie fingen zwar etwas später an als noch vor ein paar Wochen, aber das lag nicht an ihnen. Die Nacht macht im Moment jeden Tag ein kleines Stück länger und deshalb verschiebt sich auch ihr Dienstbeginn. Für einen Entlebucher ist es trotzdem beruhigend zu wissen, dass die Frühschicht pünktlich arbeitet.

Der alte Mann scheint seinen unangemeldeten Nachtausflug mittlerweile auch gut verkraftet zu haben. Er stand jedenfalls gleichzeitig mit den Vögeln auf. Der Vorsprung hielt allerdings nur bis zur Kaffeemaschine. Danach wechselte er mitsamt seinem Kaffee direkt aufs Sofa.

Nachdem sich Frauchen dazugesellt hatte, dauerte es nicht lange, bis die beiden alles für unsere Laufrunde vorbereiteten. Ich kontrollierte genau, dass die ausgehandelte Bezahlung auch wirklich in der Lauftasche landete. Erst danach konnte ich davon ausgehen, dass der Vertrag eingehalten wird.

Heute Morgen starteten wir nicht direkt von der Haustür. Stattdessen fuhren wir erst in die Weinberge. Ich laufe dort einfach gern. Die Wege sind breit, man kann weit schauen und meistens gibt es unterwegs einiges zu beobachten. Für einen Entlebucher ist das ein guter Ort für den Start in den Tag.

Die ersten Minuten, nachdem ich die üblichen Kontrollangelegenheiten erledigt hatte, verliefen allerdings etwas zäh. Ich will nichts sagen, aber an mir lag das nicht. Frauchen und der alte Mann hatten so früh am Morgen wohl noch ein paar Abstimmungsprobleme. Doch dann lief es endlich so, wie ich das von einem professionellen Entlebucherlauf erwarte.

In unserer eingespielten Konstellation ging es los: Der alte Mann vorne, Frauchen und ich als Gespann dahinter. So liefen wir die erste Strecke. An der Wende gab es, wie in den Weinbergen üblich, unsere Trinkpause. Die Menschen tranken aus ihren Flaschen, ich bekam mein Wasser in den Napf. So hat jeder seine festen Abläufe.

Nach der Pause gehen wir dort immer ein paar Schritte. Das Gelände verlangt an dieser Stelle etwas Vorsicht, und niemand hat etwas davon, wenn Menschen übereinander oder über einen Entlebucher stolpern. Das war heute ganz praktisch, denn ich konnte eine alte Freundin begrüßen und Frauchen leinte mich dafür kurz ab. Wenn ich arbeite, bin ich für solche Ablenkungen normalerweise nicht zu haben. Aber für eine höfliche Begrüßung ist natürlich immer Zeit. Danach ging es wieder an die Arbeit.

Insgesamt lief unser Lauf heute so gut, dass wir anschließend noch eine kleine Extrarunde durch den Burgwald dranhängten. Ich war mit der Leistung aller Beteiligten zufrieden und verzichtete ausnahmsweise darauf, die ausgehandelte Käseration nachzuverhandeln. Man muss Menschen auch mal das Gefühl geben, einen guten Vertrag abgeschlossen zu haben.

Wir kamen dann wieder nach Hause, genau zu der Zeit, zu der ein vernünftiger Entlebucher beschließt, dass kühle Fliesen für den Rest des Vormittags die beste Entscheidung sind.

Ich war noch ganz in meiner Mittagsruhe. Der alte Mann hatte bis vor ein paar Minuten noch mit einem gleichmäßigen Schnarchen für einen angenehm ruhigen Hintergrund gesorgt. Da ging plötzlich die Flurtür auf – nicht die Haustür – und Lena kam herein. Ihr erster Satz war: „Ist die Alarmanlage kaputt?“

Ich brauchte einen Moment, bis mir klar wurde, dass wir gar keine Alarmanlage haben und Lena eigentlich mich meinte. Dafür bekam sie dann eine besonders überschwängliche Begrüßung. Schließlich sieht man sich nicht jeden Tag.

Ein paar Schritte dahinter kam ihr Freund. Ich kannte ihn schon. Er war bereits hier im Revier gewesen und wir hatten uns auch schon bei Frauchens Mutter getroffen. Trotzdem machte ich ihm erst einmal deutlich, dass ich ihn im Auge habe. Man kann schließlich nie wissen, ob sich Menschen seit dem letzten Besuch vernünftig verhalten haben.

Nachdem er dann aber deutlich gemacht hatte, dass er nicht vergessen hatte, wie bestechlich ich bin, wurde ich deutlich großzügiger. Manche Menschen wissen eben noch, wie man eine vernünftige Begrüßung abschließt.

Dass der alte Mann später noch Koffer durchs Haus trug und Frauchen anfing, Sachen zusammenzusuchen, sprach jedenfalls stark dafür, dass Lena als Katzensitter eingeteilt wurde. Die Katzen haben ihre Versorgung damit offenbar geregelt. Was die Menschen sonst noch planen, werden sie mir vermutlich erst mitteilen, wenn alles längst beschlossen ist.

Und wenn das für einen Entlebucher noch nicht genug Unwägbarkeiten sind, gehen die beiden heute Abend auch noch tanzen. Ich habe beschlossen, das erst einmal kommentarlos zu beobachten. Erfahrungsgemäß versteht man Menschen ohnehin nicht sofort.

Ein ereignisreicher Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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