Mittwoch, 27. Mai 2026 –
Konsequentes und verlässliches Verhalten braucht der Hund. Das kann der alte Mann überall lesen. Sagt ihm jeder. In Büchern, im Internet, vermutlich sogar auf den kleinen Zetteln in den Leckerli-Packungen.
Mit der Konsequenz … naja … ihr habt mittlerweile vermutlich selbst eine gewisse Ahnung.
Und verlässlich?
Da wird es endgültig spannend.
Ihr erinnert euch an Sonntag. Frauchen wollte plötzlich mit zum Laufen, der alte Mann verdrehte die Augen, als hätte man ihm gerade vorgeschlagen, einen Halbmarathon rückwärts zu absolvieren.
Gestern Abend dann die nächste Lagebesprechung.
Es ging darum, ob der alte Mann morgens vor dem Büro noch die mittlerweile wetterbedingt große Runde mit mir läuft. Mittwoch ist schließlich einer seiner Bürotage. Diese Tage erkennt man meistens daran, dass er schon morgens aussieht, als hätte man ihm Lebensfreude steuerlich aberkannt.
Frauchen fragte also vorsichtig nach.
Der alte Mann brummte:
„Kann ich schon machen.“
Und damit wir uns richtig verstehen:
Das heißt beim alten Mann nicht „Ich opfere mich auf.“
Das heißt übersetzt ungefähr:
„Das ist eigentlich eine ziemlich gute Idee.“
Menschen aus anderen Regionen erkennen das nur oft nicht sofort. Man muss dafür seinen Dialekt und seine Art lesen können wie alte Baumrinde.
Frauchen ergänzte dann:
„Ich will aber auch noch laufen und später wird’s zu warm.“
Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich als Hund wirklich aufmerksam wurde.
Der alte Mann sagte:
„Dann komm doch mit.“
Einfach so.
Ohne Augenrollen.
Ohne Diskussion.
Ohne den sonst üblichen Gesichtsausdruck eines Mannes, der innerlich bereits einen schriftlichen Widerspruch formuliert.
Ist das verlässlich?
Ist da ein roter Faden?
Oder würfeln Menschen ihre Prinzipien morgens einfach je nach Wetterlage neu aus?
Wir sind dann jedenfalls ganz normal los. Der alte Mann in seinem typischen „Ich hab alles im Griff“-Tempo, Frauchen mit Blick auf Uhr und Temperatur, und ich vorne dran, damit überhaupt Struktur in die Gruppe kommt.
Die Menschen plauderten entspannt vor sich hin und schlenderten durch den Morgen, als hätten sie alle Zeit der Welt. Die Sonne kam langsam über den Berg, erst nur als helles Licht zwischen den Bäumen, dann warm auf den Weg. Alles roch nach trockenem Gras, Wald und diesem kurzen ruhigen Moment, bevor der Tag richtig wach wird.
Der alte Mann tat zwischendurch immerhin so, als würde ich ihn neben Frauchen ebenfalls interessieren, und übte ein paar Kommandos mit mir. Sitz. Fuß. Hier. Das übliche Programm, mit dem Menschen versuchen, ihre Wichtigkeit in einer funktionierenden Hundegruppe zu unterstreichen.
Dann legte er mich ins Platz.
Und sie gingen weiter.
Plaudernd.
Langsam.
Sehr weit.
Sie liefen und redeten und redeten und liefen, während ich da saß und mich fragte, ob das hier noch eine Übung oder bereits eine philosophische Prüfung über Geduld und Vertrauen war.
Als ich dann langsam sicher war, dass sie mich tatsächlich vergessen hatten, machte der alte Mann irgendwann einen kleinen Schlenker mit der Hand, den man bei sehr großzügiger Auslegung als sein Handzeichen für „Komm her“ interpretieren konnte.
Also stand ich auf und lief los.
Der alte Mann grummelte halbherzig vor sich hin, brachte mich zurück, legte mich noch einmal ordentlich ins Platz und ging wieder los.
Diesmal nur etwa zehn Meter.
Dann machte er endlich das richtige Zeichen.
Ich kam angelaufen, bekam mein Leckerli, Frauchen freute sich über die „gelungene Übung“, der alte Mann wirkte zufrieden mit seiner Autorität und ich hatte Frühstück Nummer zwei.
Am Ende waren also alle glücklich.
So funktionieren Menschen wahrscheinlich am besten:
mit leichtem Chaos, mäßiger Konsequenz und ausreichend Snacks.
Der erstaunlich ruhige Mittwoch endete dann damit, dass der alte Mann viel zu früh wieder zuhause auftauchte.
Offenbar war es selbst im Büro zu warm zum Arbeiten. Also floh er zurück in sein Revier, was ich persönlich für eine überraschend vernünftige Entscheidung halte.
Abends wollte der alte Mann dann plötzlich doch nicht schon wieder in den Burgwald. Vermutlich hatte selbst er verstanden, dass Menschen bei drei identischen Runden hintereinander anfangen, innerlich zu verwildern.
Also entschied er sich spontan für den Parkplatz Siebeneichen.
Eigentlich fährt er da nur sonntags mit mir hin. Die Neuffener Steige ist sonntags nämlich für Motorräder gesperrt. Dadurch ist es dort deutlich ruhiger und man begegnet mehr Wanderern als röhrenden Maschinen.
Unter der Woche sieht das anders aus.
Da stehen oben regelmäßig Motorradfahrer herum, die anschließend mit dramatischem Donnern die Steige hochbeschleunigen, als hinge das Schicksal der Menschheit direkt von ihrer Drehzahl ab.
Ich persönlich fand die Idee trotzdem hervorragend.
Der Wald dort oben ist anders als der Burgwald. Wilder. Natürlicher. Weniger Menschen, weniger Hunde, dafür steinige Wege, Wurzeln und überall Gerüche von Rehen, Füchsen und Dingen, die Menschen grundsätzlich übersehen.
Genau meine Gegend.
Dann kam allerdings ein Schock.
Die Bauerlochquelle hatte kein Wasser mehr, der Bach ist eine Steinwüste.
Nichts.
Zu Ostern stand ich dort noch bis zum Bauch im Wasser. Der alte Mann hatte damals irgendwas von „jetzt reicht’s“ gesagt, während ich völlig korrekt mitten im Bach stand und überprüfte, ob wirklich jede Pfote gleichmäßig nass wird.
Und jetzt?
Trocken.
Nur ein paar feuchte Stellen zwischen den Steinen, als hätte jemand vergessen, den Wald richtig nachzufüllen.
Selbst der alte Mann blieb kurz stehen und schaute irritiert.
Ich auch.
Man rechnet ja mit vielem im Leben. Mit schlechtem Wetter. Mit unlogischen Menschen. Sogar mit Leinen.
Aber nicht damit, dass plötzlich einfach eine ganze Quelle verschwindet.
Trotzdem war es ein guter Abend. Kühler Wind im Wald, wenig Menschen und genug Ruhe, damit man jeden Schritt und jeden Geruch wahrnehmen konnte.
Und genau deshalb mag ich Siebeneichen wahrscheinlich so gern.
Dort oben wirkt selbst der alte Mann ein kleines bisschen weniger nach Büro.
Ein guter Tag für einen Entlebucher Sennenhund
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