Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 30. Juni 2026. Der Tag beginnt angenehm kühl. Das ist gut, denn nach den letzten Tagen fühlt sich frische Luft fast schon wie ein besonderes Ereignis an. Die Vögel sehen das allerdings etwas anders als der alte Mann. Sie sind überzeugt, dass der Tag genau in dem Moment beginnt, in dem der erste Lichtstreifen am Himmel auftaucht. Der alte Mann hält dagegen an der Auffassung fest, dass es dafür eigentlich noch viel zu früh ist. Ich habe den Eindruck, beide Seiten werden ihre Meinung auch morgen nicht ändern.
Mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa lässt sich der alte Mann dann doch umstimmen. Offenbar braucht der Mensch erst etwas Warmes im Becher, bevor vernünftige Entscheidungen getroffen werden können. Kurz darauf sind die Schuhe angezogen, die Leine eingepackt und wir können zu einer langen Morgenrunde aufbrechen.
Natürlich gehörte zuerst die Kontrolle der bekannten Stellen in der Stadt dazu. Ordnung muss schließlich sein. Dabei fiel mir auf, dass heute deutlich mehr Katzen unterwegs waren als an den heißen Tagen zuvor. Wahrscheinlich hatten auch sie auf die kühlere Luft gewartet. Jedenfalls schienen sie wieder Lust zu haben, draußen nach dem Rechten zu sehen. Ich nahm ihre Anwesenheit zur Kenntnis, sie meine – und damit war für alle Beteiligten alles Wichtige gesagt.
Nach meinem gesteigerten Interesse an Rüdenduft in den letzten Tagen blieb ich vorsichtshalber an der Leine. Der alte Mann erzählt in dieser Zeit immer, der Ball sei noch gar nicht eröffnet, ich würde aber schon fleißig Tanzkarten verteilen. Ich weiß zwar nicht, warum Menschen alles mit Bällen und Tanzkarten erklären müssen, aber für ihn scheint das Sinn zu ergeben. Für mich roch die Welt heute einfach wieder ein kleines bisschen interessanter als sonst.
Heute wäre eigentlich ein Tag zum Rennen gewesen. Die Luft war kühl, der Boden angenehm und meine Beine fühlten sich an, als könnten sie den ganzen Morgen durchhalten. Stattdessen hatte ich nur meine zehn Meter Leine. Das ist genug, um zu schnüffeln, zu beobachten und den alten Mann gelegentlich daran zu erinnern, dass er am anderen Ende hängt. Für das, was ein Entlebucher unter Laufen versteht, sind zehn Meter allerdings nicht besonders viel.
Ich hatte aber auch so genug zu tun. Überall lagen Spuren auf dem Boden, die sorgfältig untersucht werden wollten. Manche waren frisch, andere schon älter, und jede erzählte ein kleines Stück davon, wer vor uns unterwegs gewesen war.
Das Training stellte der alte Mann deshalb auch schnell wieder ein. Meine Nase war heute einfach zu oft in der Luft und viel zu selten dort, wo sie seiner Meinung nach hätte sein sollen. Statt der Übung scannte ich lieber die Umgebung nach interessanten Kandidaten. Er meinte nur, meine Prioritäten hätten sich gerade etwas verschoben. Wahrscheinlich hat er damit sogar recht.
Trotzdem wurde es eine längere Feldrunde. Der alte Mann genoss die angenehm gemäßigte Sonne offenbar genauso wie ich. So kamen wir mal wieder am Hexenbaum vorbei. Ich glaube nicht, dass er wirklich so heißt, aber der alte Mann nennt ihn schon so lange so, dass ich ihn eben auch Hexenbaum nenne. Menschen geben allem Namen. Wir Hunde merken uns lieber den Geruch.
Der Hexenbaum gehört zu den Stellen, an denen man nicht einfach vorbeiläuft. Dort bleibt man stehen und schaut, wer seit dem letzten Besuch da war. Heute roch er nach feuchter Erde, nach Gras und nach den Spuren der Nacht. Ein Reh hatte vorbeigeschaut, mehrere Katzen waren unterwegs gewesen und irgendein Hund hatte es offenbar eilig gehabt. Mehr musste ich gar nicht wissen. Das Wichtigste stand ohnehin schon geschrieben.
Der alte Mann wartete geduldig ein paar Schritte weiter. Er kennt das inzwischen. Wenn ich an einer Stelle länger brauche, dann wartet er einfach. Bisher hat sich das immer bewährt. Er greift nur ein, wenn ich plötzlich andere Pläne habe.
Am Ende kamen wir dann leider wieder zu Hause an, ohne dass ich auch nur den einen oder anderen Rüden hätte beschnüffeln können. Offenbar waren sie heute alle noch Langschläfer. Das werde ich bei der nächsten Morgenrunde noch einmal überprüfen.
Beim Mittagessen unterhielten sich Frauchen und der alte Mann darüber, wie lange sie heute noch auf ihre leuchtenden Rechtecke schauen müssen. Solche Gespräche höre ich immer aufmerksam mit, denn sie haben oft direkten Einfluss auf die nächste Runde. Frauchen war heute wohl früher fertig. Der alte Mann erklärte, wann er angefangen hatte und dass er zwischendurch auch noch gekocht habe. Da schaute Frauchen ihn an und sagte: „So lange wart ihr unterwegs?“ Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was sie damit meinte. Wir waren doch fertig, als wir wieder zu Hause waren.
Kurz darauf piepsten plötzlich beide kleinen leuchtenden Bildschirme gleichzeitig. Das passiert nicht oft. Frauchen und der alte Mann schauten sofort nach und wurden auf einmal ganz ernst. Sie redeten von tennisballgroßen Hagelkörnern, Unwettern und davon, dass heute besser alles ins Trockene geräumt werden sollte.
Irgendwann wurde es dunkel. Der Himmel knurrte, und dann fiel schwerer Regen vom Himmel. Die besorgten Blicke des alten Mannes wurden nicht weniger, und die Abendrunde wurde ersatzlos gestrichen. Ich fand das ziemlich ungerecht. Ausgerechnet heute, wo die Luft endlich wieder angenehm war. Hätte das Unwetter nicht an einem der heißen Tage kommen können?
Ein guter Morgen für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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