Heute begann der Tag so, wie ein guter Tag beginnen sollte. Mit einer guten Morgenrunde. Und eine gute Morgenrunde ist eine bekannte Strecke. Neue Wege sind etwas für Ausflüge, Entdecker und Menschen mit fragwürdiger Orientierung. Eine Morgenrunde hat eine andere Aufgabe. Sie dient der Lageeinschätzung. Wer war unterwegs? Wer hat wo markiert? Hat sich irgendwo etwas verändert? Nur wenn man weiß, wie es normalerweise ist, erkennt man schließlich auch Abweichungen.
Also gingen wir unsere übliche Strecke und liefen bis hinter die Kneippanlage zum Ufer. Am Morgen ist am See alles noch etwas ruhiger. Die Luft riecht anders, die Menschen bewegen sich langsamer und man bekommt einen ordentlichen Überblick darüber, wer schon unterwegs war. Unterwegs trafen wir auch wieder den Hund vom Vortag. Gestern hatte sein Frauchen noch erklärt, sie wisse nicht, ob sie ihn ableinen könne, weil er manchmal zickig sei. Diese Sorge hatte sich allerdings ziemlich schnell erledigt, denn wir hatten bereits ordentlich miteinander getobt und die Lage erfolgreich geklärt.
Heute erkannte der alte Mann ihn zunächst nicht und wollte mich vorsorglich anleinen. Noch bevor seine Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt werden konnten, rief sein Frauchen schon von Weitem: „Die kennen sich doch!“ Und tatsächlich – wir kannten uns. Nicht nur vom Sehen, sondern bereits nach ordnungsgemäß durchgeführter gemeinsamer Bewegungseinheit.
Ich finde, man sollte an dieser Stelle auch einmal anerkennen: Menschen sind lernfähig.
Danach liefen wir weiter bis zum Ufer. Dort überprüfte ich selbstverständlich noch alle wichtigen Stellen und führte eine kurze Qualitätskontrolle durch. Nicht zu ausführlich – schließlich wartete das Frühstück.
Danach gingen wir zurück in die Reservehöhle. Dort wurde zuerst ich versorgt, wie es sich für ein gut organisiertes Rudel gehört. Frühstück für Eira. Danach gingen die beiden ins Restaurant und frühstückten ebenfalls. Ich halte diese Reihenfolge für vernünftig. Ein Entlebucher, der die Morgenrunde ordnungsgemäß begleitet hat, sollte nicht warten müssen, bis Menschen erst noch Kaffee trinken und über Brötchen diskutieren.
Beim Frühstück beschäftigte sich der alte Mann mit einer seiner typischen Menschenaufgaben. Er suchte eine Wanderstrecke heraus. Nach längerer Betrachtung von Karten und kleinen leuchtenden Rechtecken verkündete er zufrieden das Ergebnis „Gute Länge und ein schöner Mix aus allem“. Grundsätzlich begrüße ich solche Aussagen. Allerdings gibt es bei solchen Planungen eine bekannte Besonderheit. Der alte Mann verfügt über viele gute Eigenschaften – Orientierung gehört nicht durchgehend dazu. Deshalb rechne ich seine Strecken grundsätzlich nach einer einfachen Regel. Zur angegebenen Länge muss immer noch ein ordentliches Stück dazugerechnet werden.
Nicht weil er absichtlich falsch plant. Er vertut sich einfach zuverlässig. Mal wird irgendwo anders abgebogen, mal noch ein Weg mitgenommen, mal steht man plötzlich an einer Stelle, an die man gar nicht wollte, und dann heißt es: „Ach, dann laufen wir hier weiter.“ Ich sehe das nicht kritisch. Man muss es nur berücksichtigen.
Mit diesem Wissen brachen wir auf. Und ich muss sagen: Die Tour hielt tatsächlich, was versprochen worden war. Sie hatte alles, was man sich als Entlebucher wünschen kann. Es gab Wege zum zügigen Laufen, interessante Gerüche, genug zu beobachten, unterschiedliche Untergründe und immer wieder Stellen, an denen man kurz stehen und die Lage prüfen musste. Also keine reine Menschenwanderung mit stumpfem Geradeauslaufen, sondern ordentlich Abwechslung.
Natürlich wurde die ursprünglich angekündigte Länge im Verlauf noch leicht erweitert. Wie erwartet. Aber das war eingeplant. Kurz vor Schluss begegneten wir noch einmal dem unfair ins Wasser laufenden Retriever. Ich hatte bereits beim letzten Treffen festgestellt, dass seine Methode fragwürdig ist. Einfach ins Wasser laufen, ohne dass alle mitkommen können, und dann auch noch so tun, als wäre das eine normale Beschäftigung. Sehr einseitiges Regelwerk.
Diesmal schien er allerdings keinen Ehrgeiz zu haben. Er lag faul auf der Wiese und war trotz meiner Anwesenheit nicht zu Trainingseinheiten zu motivieren. Kein Rennen, kein Startsignal, kein spontanes Wassermanöver. Ich beobachtete die Situation kurz und kam zu dem Schluss, dass er entweder Pause hatte oder seine Kondition überschätzt worden war.
Bei uns war die Lage anders. Die Menschen hatten bereits diese langsame Art zu laufen entwickelt, die sie zeigen, wenn die Beine anfangen nachzudenken. Der alte Mann erwähnte mehrfach die Streckenlänge, als wäre er überrascht, wie das passieren konnte.
Ich nicht.
Ein Entlebucher hat natürlich trotz der zusätzlichen „alter Mann“-Kilometer noch Reserven. Man muss als vernünftiger Hund schließlich immer etwas übrig behalten. Für spontane Aufgaben. Oder falls jemand plötzlich doch noch ins Wasser läuft und Training anbietet. Ich hätte problemlos noch eine Runde anhängen können. Aber Rücksicht auf das Rudel gehört ebenfalls zu den Aufgaben eines Entlebuchers. Also tat ich so, als wäre ich auch angenehm müde.
Zurück in der Reservehöhle bekam ich zunächst mein Futter. Danach gingen wir alle wieder runter ins Restaurant. Und an dieser Stelle muss ich einmal etwas festhalten. Ich habe mich dort so vorbildlich benommen, dass die Bedienung erst beim Dessert erstaunt feststellte, dass ich überhaupt da bin.
Das muss man erst einmal schaffen. Menschen glauben häufig, Hunde müssten ständig irgendwo liegen, schauen, laufen oder Aufmerksamkeit einfordern. Ein Entlebucher weiß es besser. Wenn die Lage unter Kontrolle ist, alle Ausgänge bekannt sind, keine verdächtigen Bewegungen stattfinden und die Menschen ordnungsgemäß am Tisch sitzen, kann man hervorragend unauffällig sein. Ich lag einfach da, beobachtete unauffällig die Umgebung, führte regelmäßige Geruchskontrollen durch und stellte sicher, dass keine Speisen unbeaufsichtigt blieben. Erst als das Dessert kam, bemerkte die Bedienung plötzlich, dass da ja noch ein Hund liegt.
Korrekt. Ich war die ganze Zeit da. Professionelles Restaurantmanagement fällt nur nicht auf, solange es gut gemacht wird.
Im Anschluss hatten wir uns dann eine ausgiebige Mittagsruhe verdient. Viele glauben, Entlebucher müssten ständig beschäftigt sein. Das ist natürlich Unsinn. Ein vernünftiger Entlebucher weiß genau, wann Einsatz gefragt ist und wann Regeneration. Wir zogen uns also in die Reservehöhle zurück und machten das, was nach einer langen Morgenrunde, einer ordentlich verlängerten Wanderung und vorbildlichem Restaurantdienst angemessen ist: nichts.
Die Frauchen und der alte Mann verschwanden erstaunlich schnell in den Ruhemodus. Ich ebenfalls. Nicht aus Erschöpfung, Reserven waren schließlich noch vorhanden, sondern aus Professionalität. Wer Leistung bringen will, muss Erholung ernst nehmen.
Nachdem alle ausreichend geruht hatten, musste allerdings noch eine Expedition zum Eisstand gestartet werden. Die Lage dort war noch immer nicht abschließend geklärt. Bereits zuvor hatte es Hinweise auf wetterbedingte Öffnungszeiten gegeben – ein Konzept, das ich grundsätzlich kritisch sehe. Entweder ein Eisstand ist offen oder er ist nicht offen. Dieses „kommt auf das Wetter an“ wirkt unnötig kompliziert.
Jedenfalls bedurfte die Sache genauerer Untersuchungen. Also machten wir uns erneut auf den Weg. Dabei wurde von meinen Menschen angemerkt, dass ich ungewöhnlich langsam unterwegs sei. Es fiel sogar die Vermutung, die Wanderung sei wohl doch anstrengender gewesen als erwartet.
Ich ließ diese Fehleinschätzung unkommentiert. In Wahrheit führte ich lediglich intensive Vorermittlungen durch. Eine seriöse Expedition beginnt nicht mit Hektik. Man bewegt sich kontrolliert, prüft Windrichtung, Geruchslage, Menschenverkehr und mögliche Hinweise auf Waffelproduktion. Außerdem musste ausgeschlossen werden, dass wir zu schnell am Ziel vorbeilaufen.
Ich arbeitete also äußerst gewissenhaft. Menschen verwechseln gründliche Ermittlungsarbeit leider häufig mit Müdigkeit. Die Untersuchungen wurden durchgeführt, die Lage bewertet und am Ende konnten wir zufrieden zurückkehren. Frauchen und der alte Mann bekamen ihr Eis. Wenn ich den Tag insgesamt betrachte, bleibt nur ein Urteil:
Es war ein hervorragender Tag für einen Entlebucher.
Eure Eira
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