Samstag, 30. Mai 2026
Heute Nacht bin ich aufgewacht. Nicht richtig alarmiert. Eher so ein Gefühl, dass irgendetwas überprüft werden muss. Vielleicht ein Traum. Vielleicht die Katzen. Vielleicht der Beginn dieser Vorgänge, die Menschen unter „Mädchenkram“ einsortieren und über die Entlebucher höflicherweise nicht weiter sprechen.
Plötzlich war ich mir jedenfalls sicher, dass es von höchster Wichtigkeit ist zu überprüfen, ob meine Menschen noch atmen. Also kontrollierte ich erst Frauchen. Das Ergebnis war eindeutig positiv. Beim alten Mann musste ich deutlich näher ran. Bei ihm ist das manchmal nicht so leicht festzustellen. Jedenfalls öffnete er irgendwann ein Auge und schaute mich an. Ob ich ihn geweckt habe oder er sich nur schlafend gestellt hatte, konnte nicht abschließend geklärt werden.
Damit war die Sicherheitskontrolle erfolgreich abgeschlossen. Und wenn man schon mal wach ist, der alte Mann ebenfalls wach ist und sich keine unmittelbaren Gefahren für das Rudel feststellen lassen, dann ist das natürlich auch genau der richtige Zeitpunkt, sich auf seinem Bauch einzukuscheln und sich wieder in den Schlaf kraulen zu lassen.
Man muss schließlich Prioritäten setzen.
Am Morgen war Frauchen noch etwas schlapp und behauptete, schlecht geschlafen zu haben. Das kann ich allerdings nicht bestätigen. Soweit ich das beurteilen konnte, hat sie die Nacht größtenteils liegend und mit geschlossenen Augen verbracht. Das erfüllt nach meiner Definition alle wichtigen Voraussetzungen für Schlaf. Ich vermute daher eher, sie war noch müde von unserer Burgrunde am Vortag.
Da Frauchen noch nicht vollständig betriebsbereit war, ging es zum Canicross nur mit dem alten Mann los. Das hat Vor- und Nachteile. Der größte Nachteil ist, dass die Strecke meist deutlich kürzer ausfällt als wenn Frauchen dabei ist. Der größte Vorteil ist, dass der alte Mann dann keine Zeugen hat und deshalb meist etwas ambitionierter unterwegs ist. Kurz gesagt: weniger Kilometer, dafür mehr Arbeit.
Heute musste ich ihn allerdings selbst einbremsen. Das kommt nicht oft vor. Normalerweise geben wir beide Gas, bis einer keucht. Kurz danach keucht der andere auch und dann sind wir uns meist einig, dass es für den Moment reicht. Heute war das anders. Der alte Mann wirkte erstaunlich motiviert, während ich mehrfach zu dem Schluss kam, dass etwas mehr Zurückhaltung vielleicht die vernünftigere Strategie wäre. Das spricht aus meiner Sicht eindeutig für Mädchenkram. Andere belastbare Erklärungen liegen derzeit jedenfalls nicht vor.
Nach dem Canicross stand beim alten Mann der große Samstagseinkauf an. Menschen nehmen solche Termine erstaunlich ernst. Wenn man die Menge an Taschen betrachtet, die anschließend ins Haus getragen wird, könnte man meinen, wir bereiten uns auf einen besonders harten Winter vor. Nach meiner Einschätzung hätte die eingekaufte Menge an Nahrung problemlos für mindestens ein Jahr gereicht. Der alte Mann vertritt allerdings die gewagte Theorie, dass wir bereits nächste Woche wieder Nachschub benötigen.
Auch heute fiel beim Betreten des Hauses wieder dieser eine Satz: „Nicht in die Küche.“ Leider kam die Ansage einen Moment zu spät. Ich hatte bereits zum ordnungsgemäßen Begrüßungs-Bodycheck angesetzt und befand mich praktisch schon in der Luft. Nun verfügen Entlebucher glücklicherweise über eine bemerkenswerte Fähigkeit.
Die berühmte Entlebucher-Flugwende.
Dabei wird mitten im Sprung eine vollständige Neuberechnung der Flugbahn durchgeführt. Der Hund wirkt nach außen kontrolliert und elegant. Tatsächlich werden in diesem Moment sämtliche verfügbaren Ressourcen für Schadensbegrenzung eingesetzt.
Jedenfalls landete ich nicht in der Küche. Das wurde von allen Beteiligten als großer Erfolg gewertet.
Wobei „nicht in die Küche“ ohnehin eine etwas theoretische Definition ist. Wohnzimmer, Esszimmer und Küche sind bei uns praktisch ein großer Raum. Die offizielle Grenze verläuft entlang einer Fuge zwischen den Fliesen. Zumindest behaupten die Menschen das. Nach meiner Erfahrung handelt es sich dabei weniger um eine Grenze als um einen Diskussionsvorschlag.
Ich übertreibe es allerdings nie.
Man muss als Entlebucher strategisch denken. Der alte Mann merkt sich solche Dinge. Wenn ich die Fugenregel zu kreativ auslege, könnte das langfristige Folgen haben. Schließlich habe ich mir über Monate hinweg eine wichtige Position im Haushalt erarbeitet. Während gekocht wird, bin ich für die Qualitätsprüfung von Obst und Gemüse zuständig. Es wäre ausgesprochen unklug, dieses Amt durch unnötige Grenzverletzungen zu gefährden.
Wobei man fairerweise sagen muss, dass bei uns beide kochen. Frauchen behauptet sogar, der alte Mann könne das ziemlich gut. Sie schränkt diese Aussage allerdings regelmäßig mit dem Hinweis ein, man dürfe dabei nur keinen Hunger haben.
Der alte Mann betrachtet Kochen nämlich als Meditation. Und zwar nicht die westliche Variante mit zehn Minuten Ruhe und anschließendem Wohlbefinden.
Nein.
Wir reden von der buddhistischen Zenkloster-Variante. Mit Ruhe. Mit Hingabe. Mit vollständiger Konzentration auf jeden einzelnen Handgriff. Karotten werden betrachtet. Gemüse wird geschnitten. Gewürze werden bedacht. Dann werden sie noch einmal bedacht. Und irgendwann, gefühlt mehrere Jahreszeiten später, gibt es tatsächlich Essen.
Aber ich schweife ab. Wo war ich?
Ach ja, bei der Küchenfuge und meiner beruflichen Zukunft.
Ihr seht also, warum ich die Sache mit den Grenzen nicht unnötig eskalieren lasse. Manchmal ist es klüger, einen halben Schritt vor der Fuge stehen zu bleiben, den unschuldigsten Blick aufzusetzen, den man als Entlebucher zustande bringt, und auf eine günstige Gelegenheit zu warten. Erfahrungsgemäß fällt früher oder später ohnehin etwas herunter.
Menschen sind in dieser Hinsicht erstaunlich verlässlich.
Später schlug Frauchen vor, nach Nürtingen zu fahren, ein Eis zu essen und anschließend am Neckar spazieren zu gehen. Ihr erkennt das System. Menschen formulieren solche Vorschläge grundsätzlich so, als ginge es um das Eis.
Tatsächlich geht es um den Spaziergang.
Das Eis dient lediglich als Lockmittel für andere Menschen. Für mich war jedenfalls schon bei den Worten „am Neckar spazieren gehen“ klar, welcher Teil des Plans von Bedeutung ist. Über die Eissache können Frauchen und der alte Mann untereinander verhandeln.
Wobei Eis mit Frauchen ohnehin kompliziert ist. Frauchen liebt Schokoladeneis. Das ist aus Sicht eines Entlebuchers eine ausgesprochen unpraktische Vorliebe. Man sitzt dann daneben, schaut interessiert, investiert Zeit und Hoffnung, und am Ende stellt sich heraus, dass das Objekt der Begierde für meine Art von Feinschmecker leider nicht geeignet ist.
In solchen Situationen braucht man den alten Mann. Der bevorzugt Vanilleeis mit möglichst viel Obst. Erdbeeren. Himbeeren. Manchmal Blaubeeren. Alles Dinge, über die man zumindest vernünftig verhandeln kann.
Der Spaziergang war also gesetzt. Die eigentliche Frage war nur, wer das Eis bestellt. In der Eisdiele – oder war es ein Eiscafé? Menschen unterscheiden da offenbar – waren die beiden jedenfalls erstaunlich schnell mit Eiskarten und Eisbechern beschäftigt. Kaum hatten wir einen Platz gefunden, richtete sich ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Kugeln, Früchte, Sahne und andere Nebensächlichkeiten.
Das hatte allerdings auch Vorteile. So konnte ich in aller Ruhe den Sicherheitsdienst übernehmen. Irgendjemand muss schließlich den Platz überwachen, vorbeilaufende Menschen beobachten und kontrollieren, ob sich andere Hunde, andere Tiere oder sonstige Auffälligkeiten im Umfeld befinden. Der alte Mann und Frauchen waren dafür offensichtlich nicht mehr verfügbar. Sie hatten dienstlich mit ihren Eisbechern zu tun.
Also lag die Verantwortung wieder bei mir. Das ist nicht immer einfach. Vor allem nicht, wenn man so süß aussieht. Kaum versucht man konzentriert und professionell das Umfeld zu überwachen, wird man angestarrt. Menschen lächeln. Menschen zeigen auf einen. Menschen sagen Dinge wie: „Oh wie niedlich.“ Dabei sitze ich dort nicht als Dekoration.
Ich bin im Dienst.
Als Entlebucher lernt man allerdings, mit den Schattenseiten großer Attraktivität zu leben. Dann kam endlich der eigentliche Sinn des Ausflugs zum Tragen.
Der Fluss.
Das Eis war gegessen. Der Sicherheitsdienst erfolgreich durchgeführt. Die Menschen zufrieden. Damit konnten wir uns dem wesentlichen Teil des Programms widmen.
Dem Wasser.
Dann wurde natürlich zunächst eine professionelle Wasserüberprüfung durchgeführt. Man kann schließlich nicht einfach an einem Gewässer vorbeilaufen, ohne dessen Qualität, Temperatur und allgemeinen Nutzwert zu kontrollieren. Also stieg ich entschlossen ins Wasser. Der alte Mann beobachtete das eine Weile und bemerkte dann trocken:
„Du weißt schon, dass das nicht der Neckar ist, oder?“
Ich war der Meinung, dass diese Frage für die laufende Untersuchung keine besondere Relevanz hatte. Trotzdem erklärte er mir, dass ich gar nicht im Neckar stehe. Anschließend fügte er hinzu:
„Wenn du so weitermachst, kannst du darin eigentlich gleich bis nach Hause laufen, das ist der Bach der bei uns hinterm Haus fließt.“
Nach gut einer Stunde Flusskontrolle machten wir uns schließlich auf den Heimweg.
Ein guter Tag für einen Entlebucher.
Eure Eira
-

Eine doppelte Begrüßung, neugierige Rehe und ein Wettlauf mit der Dunkelheit
Entlebucher Tagebuch – Mittwoch, 04. November und Donnerstag, 05. November 2026. Gestern war wieder Bürotag beim alten Mann. Er verließ morgens das Haus und fuhr dorthin, wo er den Tag vor seinen…
-

Ein verdächtig gehorsamer Hund und ein misstrauischer alter Mann
Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 3. November 2026. Heute war Frauchens Bürotag. Deshalb fingen die leuchtenden Vierecke schon an, Lärm zu machen, lange bevor die Nacht mit ihrer Arbeit fertig war. Der alte…
-

Ein verspäteter Weckruf, Hunde mit anderen Plänen und ein vorgezogener Montag
Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 01. November 2026 und Montag 02. November 2026. Gestern Morgen musste ich den alten Mann schon wieder wecken. Sonst wäre mein Frühstück nicht zur vorgesehenen Zeit ausgegeben worden.…

Schreibe einen Kommentar