Entlebucher Tagebuch – Mittwoch, 09. September 2026. Heute Morgen begann der Tag vernünftig. Wir wurden zur rechten Zeit vom Wecker geweckt, und der alte Mann bekam seinen Sofakaffee in einem schon fast wachen Zustand. Danach teilte er mich zum Sicherheitsdienst in Frauchens Arbeitszimmer ein und wollte sich auf den Weg ins Büro machen. Doch bevor er das Haus verlassen konnte, forderte die selbsternannte Herrscherin des Hauses noch seine Aufmerksamkeit ein: Lilly. Zunächst musste sie sich beschweren, weil sie in den Regen gekommen und deshalb nass nach Hause gekommen war. Das war ein Vorgang, der dem alten Mann noch vor seinem Aufbruch zur Kenntnis gebracht werden musste. Danach verlangte sie Futter und Aufmerksamkeit, bevor sie sich in ihre Höhle zurückzog. Dort verschlief sie praktisch den gesamten Tag.

Als Frauchen und ich später, als der Tag endlich richtig aufgestanden war, zur Revierkontrolle aufbrachen, hatte der Himmel offenbar noch immer nicht genug. Er warf weiterhin Wasser auf die Erde. Frauchen entschied, dass die kleine Schafrunde für heute reichen würde. Ich war damit nicht ganz einverstanden und meldete vorsichtig Protest an. Genutzt hat es nichts und wir machten uns auf den Weg. Die Revierkontrolle verlief ansonsten unspektakulär. Keine besonderen Vorkommnisse, keine verdächtigen Bewegungen – wir schauten an den üblichen Stellen nach dem Rechten und arbeiteten uns durch das nasse Revier. Kurz vor dem Ende entdeckte ich allerdings die Labradore. Sie waren schon fast am Auto. Das konnte ich nicht einfach so geschehen lassen. Für eine ordentliche Begrüßung musste noch ein kurzer Spurt eingelegt werden. Leider war ich bereits angeleint. Frauchen entschied sich, die Leine lieber loszulassen, als einen durchstartenden Entlebucher stoppen zu wollen. Ich nutzte die Gelegenheit und erledigte die Begrüßung ordnungsgemäß. Als Frauchen uns schließlich erreichte, fragte sie, ob ich nicht gleich mitfahren wolle. Eine interessante Frage. Das war allerdings keine ernsthafte Option. Der alte Mann hatte mich zum Sicherheitsdienst in Frauchens Arbeitszimmer eingeteilt.

Der alte Mann kam an diesem Tag relativ spät aus dem Büro. Frauchen meinte, er könne noch eine ordentliche Runde mit mir gehen, schließlich war die Morgenrunde wegen des Regens etwas kurz ausgefallen. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und wir zogen los. Als wir die Felder erreichten, durfte ich große Kreise drehen. Der alte Mann ließ mich dabei ein paar Leckerlies jagen. Die Beschäftigung wäre angenehm gewesen, wenn dieser Wind nicht gewesen wäre. Ich hatte einen genauen Spurtplan im Kopf, sobald ein Leckerlie durch die Luft flog. Nur hatte der Wind seinen eigenen Plan. Der wich teilweise erheblich von meinem ab. So kam es vor, dass ich an der Stelle ankam, an der das Leckerlie meiner Berechnung nach hätte sein müssen, während es sich längst ein Stück weiter davon entfernt hatte. Je kräftiger der Wind blies, desto häufiger musste ich meine Flugbahn korrigieren. Dabei hatte ich fast den Eindruck, dass der alte Mann sich darüber amüsierte. Dabei lag der Fehler eindeutig beim Wurfmaterial. Er sollte größere und schwerere Leckerlies nehmen.

Auf dem weiteren Weg kamen wir an eine Stelle, an der ziemlich deutlich wurde, dass wir wohl alle zusammen ein ordentliches Unwetter verschlafen hatten. Mitten auf dem Weg lag ein alter Apfelbaum – oder besser gesagt das, was von ihm übrig war. Stamm und jede Menge Äste versperrten den Weg, als hätte der Baum beschlossen, sich dort einfach hinzulegen. Dabei war heute Morgen schon etwas merkwürdig gewesen. Das Fenster im Schlafzimmer war geschlossen, obwohl Frauchen und der alte Mann behaupteten, es nicht zugemacht zu haben. Jetzt wissen wir wenigstens, was passiert sein muss. Das Unwetter hat offenbar einen von beiden zum Schlafwandeln animiert. Anders lässt sich kaum erklären, warum mitten in der Nacht jemand aufgestanden ist, durch das Schlafzimmer marschiert und das Fenster geschlossen hat. Oder der Wind war es. Aber die erste Erklärung gefällt mir eindeutig besser.

Im hohen Gras zwischen den alten Bäumen durfte ich dann noch die Lederente suchen. Die war dort gut versteckt, aber nicht gut genug für mich. Ich fand sie, nahm sie auf und machte mich auf den Weg zum alten Mann. Da bekam ich allerdings einen äußerst interessanten Duft in die Nase. Und wenn die Nase einen solchen Auftrag erteilt, muss man der Sache nachgehen. Also verschwand ich im Dickicht. Der alte Mann rief mich sofort zur Ordnung, doch da konnte er mich schon nicht mehr sehen. Er ging in die Richtung, in der ich verschwunden war. Natürlich hatte ich ihn gehört. Ich stellte meine Untersuchung ein und machte mich in einem weiten Bogen auf den Rückweg. Während der alte Mann langsam grummeliger wurde und weiter in Richtung des beginnenden Abhangs ging, kam ich von hinten im Galopp auf ihn zugelaufen. Erst als er das Rascheln im Gras hinter sich hörte, drehte er sich um. „Schlitzohr“, sagte er und erinnerte mich an die Lederente. Die war schnell wiedergefunden und wir konnten noch ausgiebig zergeln.

Als wir unseren Weg fortsetzten, zeigte sich auch der Grund für meinen kurzen und letztlich nicht durchgeführten Kontrolleinsatz. Uns kam plötzlich ein ganzer Sprung Rehe entgegen. Wir blieben auf dem Weg, während die Rehe auf Höhe des beginnenden Abhangs an uns vorbeizogen. Für ein kleines Schwätzchen hatten sie heute offenbar keine Zeit. Sie machten nicht den Eindruck, uns als unmittelbare Gefahr einzuschätzen. Entspannt liefen sie an uns vorbei und verschwanden wieder zwischen den Bäumen. Im Nachhinein war es gut, dass ich meinen Kontrollgang vorher abgebrochen hatte. Sonst wäre ich ihnen vermutlich genau dort begegnet. Ob das nun mein Entlebucher-Instinkt war oder doch das Kommando vom alten Mann, darüber schweige ich lieber. Danach machten wir noch ein paar Extrameter durch einen Bereich, den wir nicht jeden Tag besuchen. Dort war eine besonders gründliche Schnüffelkontrolle fällig.

Am Ende waren wir erst zum Abendessen wieder zurück und ließen den Tag faul und vollgefressen auf dem Sofa ausklingen. Kaum waren wir ins Bett gegangen, hörte man Lilly auch schon zu ihrem nächtlichen Reviereinsatz aufbrechen.

Ein guter Tag für einen Entlebucher sagt euch, eure Eira


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