Entlebucher Tagebuch – Freitag, 19. Juni 2026. Heute Nacht durfte ich wegen Mädchenkram nur mit Höschen ins Bett. Das wurde nicht weiter diskutiert. Manchmal beschließen Menschen Dinge und erwarten stillschweigend Zustimmung. Ich habe zur Kenntnis genommen, dass Widerstand zwecklos war. Möchte aber anmerken, es war auch so schon viel zu warm.

Der alte Mann verfolgte gleichzeitig seine bekannte Sommerstrategie. Fenster auf. Nachts kommt kühle Luft herein. Zimmer wird angenehm. Alle schlafen gut. Eigentlich kein schlechter Gedanke. Nur hat diese Strategie eine Schwäche: Sie funktioniert nur, wenn das Außen mitmacht.

Das Außen hat diese Nacht beschlossen, sich nicht zuständig zu fühlen. Das Fenster stand offen und trotzdem wurde es im Zimmer nicht kühler. Es kam einfach weiterhin warme Luft herein. Nicht schlimm warm. Aber eben so warm, dass man merkt: Hier wird gerade nichts verbessert. Ich habe das eine Weile beobachtet. Der alte Mann dagegen blieb erstaunlich lange optimistisch. Er lag da mit dieser sehr menschlichen Überzeugung, dass Dinge, die eigentlich funktionieren müssten, bestimmt gleich anfangen zu funktionieren.

Taten sie nicht.

Irgendwann am frühen Morgen wurde der alte Mann dann als Erster wach. Angeblich wegen der Vögel.

Das kann sein.

Es wäre aber nicht das erste Mal, dass Menschen Gründe angeben, die man nicht überprüfen kann. Jedenfalls stand er auf, machte das Fenster dunkler, damit weniger Licht hereinkommt, verringerte den Geräuschpegel und tappte Richtung Kaffeemaschine.

Ohne Abmeldung.

Ich möchte anmerken, dass mir das normalerweise nicht passiert. Menschen verschwinden nicht einfach. Menschen bewegen sich im Bett, ändern ihre Atmung, denken ans Aufstehen und kündigen sich dadurch ausreichend an. Ich schwöre deshalb: Ich war nur ganz kurz unaufmerksam. Nicht richtig unaufmerksam. Eher so ein Moment zwischen Wachen und weiter Wachen. Und genau da muss er rausgeschlüpft sein.

Als ich wieder vollständig im Dienst war, stellte ich fest, dass ein Mensch fehlt. Natürlich hätte ich sofort Frauchen informieren können. Aber das wäre voreilig gewesen. Ein Entlebucher trägt Verantwortung und löst nicht wegen jeder ungeklärten Bewegung Großalarm aus.

Also blieb ich liegen und prüfte die Lage. Ich hörte. Ich roch. Und dann kam Kaffee. In dem Moment war die Sache eigentlich klar. Der alte Mann hatte sich nicht abgesetzt. Er war nicht verloren gegangen und auch nicht heimlich von Katzen angeworben worden.

Er machte Kaffee. Damit änderte sich die Situation. Das Bett hatte zu diesem Zeitpunkt ohnehin wenig zu bieten außer Restwärme und dem Gefühl, dass die Sommerstrategie erneut überschätzt worden war. Also stand ich auf und verlegte die Einsatzzentrale aufs Sofa.

Von dort hat man einen besseren Überblick Richtung Küche und gleichzeitig einen würdevollen Empfangsbereich für zurückkehrende Menschen. Ich legte mich hin und wartete. Nicht demonstrativ. Nur sichtbar. Als der alte Mann mit seinem Kaffee zurückkam, sah er mich kurz an und wir sahen beide, dass wir beide verstanden hatten, was passiert war.

Ich habe nichts gesagt. Ich habe ihn auch nicht kontrolliert. Ich habe nur diesen Blick gemacht. Den Blick, der bedeutet: Ich habe bemerkt, dass du weg warst.

Ich habe entschieden, keine Meldung zu machen. Und ich erwarte, dass das als Entgegenkommen verstanden wird.

Und dann tat er etwas das er machmal macht. Er trank langsam. Nicht gemütlich langsam. Eher dieses langsame Trinken von jemandem, der hofft, dass sich währenddessen die Welt verbessert. Er saß da mit seiner Tasse und sah aus dem Fenster in die Richtung, aus der eigentlich die Kühle hätte kommen sollen.

Sie kam nicht.

Man konnte deutlich erkennen, dass er mit der Temperatursituation nicht einverstanden war. Nicht aktiv verärgert. Mehr dieses stille menschliche Missfallen, bei dem man nichts unternimmt, aber sehr deutlich ausstrahlt, dass man die Bedingungen ablehnt. Er wirkte wie jemand, der den Sommer grundsätzlich akzeptiert, aber einzelne Ausführungsdetails beanstanden möchte.

Ich blieb auf dem Sofa liegen und beobachtete. Der alte Mann trank. Die Luft blieb warm. Die Vögel waren wach. Und wir beide verstanden ohne weitere Worte, dass die Nacht ihren Teil der Vereinbarung nicht erfüllt hatte.

Mit dem Morgenläuten der Martinskirche gingen wir in die Morgenrunde. Die Morgenrunde begann ruhig und mit den wichtigen Angelegenheiten eines Entlebuchers. Nicht mit Herumlaufen. Nicht mit „einfach mal raus“. Sondern mit Arbeit. Kontrolle der nächtlichen Ereignisse. Wer unterwegs war. Wer an welchem Zaun gestanden hat. Welche Meldungen an den Grasbüscheln hinterlassen wurden. Ob jemand der Meinung gewesen war, nachts unbeaufsichtigt Entscheidungen treffen zu dürfen.

Der alte Mann ging nebenher und war ungewöhnlich entspannt. Vermutlich weil er noch nicht warmgelaufen war. Menschen funktionieren morgens oft erstaunlich ordentlich. Am Bromberwäldchen sahen wir wieder einen der Füchse.

Also ich sah ihn. Der alte Mann nahm die Sache mit der üblichen menschlichen Verzögerung wahr. Ein kurzer Schatten am Rand des Weges, ein Blick – und dann verschwand der Fuchs schon ins Dickicht.

Nicht hektisch.

Eher so, als hätte er uns längst bemerkt und beschlossen, dass eine Begegnung heute organisatorisch nicht vorgesehen war. Ich blieb stehen und sah hinterher. Nicht aus Jagdgründen. Zunächst analysiert man. Größe. Richtung. Zustand. Absicht. Vor allem die Frage, ob das derselbe war wie neulich oder jemand aus einer anderen Schicht.

Aber bevor ich einen vernünftigen Plan fassen konnte, war er verschwunden. Nur Brombeeren, Schatten und dieser Restgeruch von „ich war hier und du zu spät“.

Vorgang zur Kenntnis genommen. Vorläufig geschlossen.

Dann kamen wir auf die Felder. Der alte Mann nennt das so, obwohl dort erstaunlich viele Wiesen sind. Menschen fassen Landschaften gern zusammen. Sobald keine Häuser mehr stehen, wird alles zu Feld erklärt.

Ich würde das differenzierter betrachten. Es gab Wiesen. Es gab Wege. Es gab Feld. Und diese Bereiche dazwischen, die keiner offiziell verwaltet, die aber geruchstechnisch oft die interessantesten sind.

An der ersten flachen Wiese – bei uns eher selten – blieb der alte Mann stehen. Er griff in die Tasche und holte zwei von diesen bunten Tüchern heraus. Die, die sonst meistens auftauchen, wenn Menschen Getränke nicht zuverlässig in den Mund transportieren oder Nahrung vom Teller flüchtet.

Er legte sie mit etwas Abstand ins Gras. Da ging mir ein Licht auf. Das war keine Spaziergangsrunde. Das war Arbeit. Der alte Mann hatte Trainingsmaterial mitgebracht. Ich sah die beiden Tücher an. Zwei Markierungen. Abstand. Offene Fläche. Jetzt ergab alles Sinn.

Dann übten wir wieder das „vor, vor, vor …“ vom Montag. Das geht im Haus nicht besonders gut. Im Haus endet „vor“ oft nach drei Schritten an Teppichen, Stühlen oder Menschen, die plötzlich meinen, man solle nicht so dynamisch arbeiten.

Auf der Wiese dagegen konnte man das sauber machen. Der alte Mann zeigte. „Vor.“ Ich lief los. „Vor, vor, vor …“ Weiter. Am Tuch angekommen umdrehen. Blickkontakt. Weiterarbeiten.

Natürlich mit der ausgehandelten Bezahlung. Ich bin doch kein Border Collie. Bezahlung pro Durchgang. Keine Sammelabrechnung. Keine kreativen Interpretationen von „gleich“. Der alte Mann kennt die Regeln.

Also arbeiteten wir. Nach jeder sauberen Ausführung wurde ordnungsgemäß abgerechnet. Einmal versuchte er zwei besonders schöne Durchgänge mit einem einzigen Leckerli zu verrechnen. Ich sah ihn nur an. Sachlich. Wie jemand, der eine Unregelmäßigkeit in der Buchführung entdeckt hat.

Der Fehler wurde korrigiert. Danach lief der Betrieb wieder.

Der Abschluss der Runde wurde dann aus Wärmegründen zügig herbeigeführt. Nicht wegen mir, ich hatte nach den Erfahrungen von gestern, das jetzt der einzige Zeitpunkt der Tages war wo so etwas überhaupt geht eine Reihe von Langstreckenspurts hingelgt. Aber irgendwann muss man anerkennen, wenn einzelne Rudelmitglieder anfangen, sichtbar langsamer zu werden und jeden Schatten etwas zu freundlich anzusehen.

Nach der letzten Übung wurde nichts mehr eröffnet. Keine Zusatzschleife. Keine Projekte. Alle wichtigen Angelegenheiten waren erledigt. Wir gingen nach Hause. Dort setzte sich der alte Mann an die leuchtenden Rechtecke. Frauchen hatte etwas in der Stadt zu erledigen und ich übernahm die Hausaufsicht.

Von unter dem Sofa. Ein guter Platz. Kühl. Unauffällig. Strategisch.

Viel zu früh hörte ich den alten Mann schimpfen.

Nein.

Ich hörte ihn nicht zu früh schimpfen.

Ich hörte ihn schon bald nachdem er angefangen hatte zu arbeiten schimpfen.

Dann gab es einen Bitz. Etwas blitzte auf. Und plötzlich waren die Rechtecke schwarz.

Alle.

Und sie blieben es. Der alte Mann führte die üblichen Menschenrituale durch. Tasten drücken. Noch einmal drücken. Stecker prüfen. Noch einmal drücken. Dann stellte er fest, dass die Rechtecke offenbar Wochenende wollten. Und entschied vernünftigerweise, dem Wunsch zu entsprechen.

Leider nützte mir das nichts. Die Hitze verhinderte Zusatzaktivitäten. Also machten wir den Rest des Tages das, was ein Entlebucher bei ausreichender Wärme als ausgesprochen sinnvoll ansieht:

Nichts.

Nicht Menschen-Nichts. Richtiges Nichts. Liegen. Augen halb zu. Ab und zu die Seite wechseln. Prüfen, ob jemand den Kühlschrank öffnet. Dann weiter liegen.

Am Abend beschlossen wir – mit dem Wissen, dass es immer noch ungefähr so warm war wie mittags – eine Minirunde im Wald. Wohl die einzig erträgliche Variante. Im Wald war die Welt wieder knapp innerhalb der Betriebsgrenzen. Wir gingen langsam. Keine Aufgaben. Keine Übungen. Nur die kleine Abendrunde.

Über den Hängen standen dunkle Wolken. Wir sahen immer wieder hin. Nicht mit Erwartungen. Aber mit Hoffnung. Vielleicht ziehen sie ins Tal. Vielleicht bringen sie Regen. Vielleicht wenigstens Wind. Und wenn nicht, dann bleibt immer noch die Nacht. Und die Hoffnung, dass Menschen mit offenen Fenstern diesmal tatsächlich recht haben.

Ein guter, wenn auch zu warmer Tag für einen Entlebucher 

Eure Eira.


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