Entlebucher Tagebuch – Mittwoch, 14. Oktober. Heute Morgen waren wir immer noch in Omas Höhle. Und immer noch ohne Oma. An dieser merkwürdigen Regelung hatte sich über Nacht nichts geändert.
Immerhin konnte der Tag mit Kaffee für den alten Mann beginnen. Das war schon einmal eine Verbesserung gegenüber gestern. Er saß eine Weile mit seiner Tasse da, während ich die Lage beobachtete. Oma war weiterhin nicht aufgetaucht, aber meine Menschen schienen das inzwischen für einen normalen Zustand zu halten.
Nach dem Kaffee nahm sich der alte Mann Omas Vorratsschränke vor. Er öffnete Türen, holte Dinge heraus, betrachtete sie und schüttelte den Kopf. Das wiederholte sich erstaunlich oft. Manche Sachen stellte er zurück, andere verschwanden in einem großen Müllbeutel.
Das war bedenklich.
Die Vorräte gehörten Oma, und die war nicht da, um Einspruch zu erheben. Ich übernahm die Kontrolle. Jedes Teil, das der alte Mann aussortierte, musste zunächst an meiner Nase vorbei. Manches roch interessant, anderes weniger. Aber das konnte man erst nach einer gründlichen Prüfung entscheiden.
Der alte Mann war mit meiner Mitarbeit nicht besonders zufrieden. Ohne mich hätte er womöglich noch etwas Brauchbares weggeworfen.
Irgendwann meinte Frauchen, wir sollten jetzt besser eine Runde gehen. Vermutlich hatte der alte Mann sich über meine gewissenhafte Arbeit beschwert.
Wir nahmen die kurze Runde, die ich inzwischen schon kannte. Auch in einem fremden Revier gibt es feste Kontrollwege. Gleich am ersten Grünstreifen gab es einiges zu lesen. Ich arbeitete mich sorgfältig von einer Nachricht zur nächsten vor, während Frauchen offenbar der Meinung war, wir könnten zwischendurch ein paar Meter laufen. Das taten wir dann. Bis zur nächsten wichtigen Stelle.
Unterwegs begegneten uns ein paar Kinder. Die waren ziemlich laut und bewegten sich auf eine Weise, die ich für unnötig unruhig hielt. Ich blieb stehen, machte einen langen Hals und meldete meine Bedenken deutlich an. Die Kinder schauten kurz zu uns herüber. Frauchen ging einfach weiter und nahm mich mit.
An der Bushaltestelle standen dann mehrere Menschen vor dem Pupsieimer. Warum man sich ausgerechnet dort versammelte, erschloss sich mir nicht. Die Menschen standen herum, als warteten sie darauf, dass etwas passierte.
Ich meldete mich vorsichtshalber auch dort zu Wort. Frauchen fand, dass ich mich nicht überall einmischen müsse. Immerhin hatten wir dort etwas abzugeben, und jetzt standen diese Menschen im Weg. Frauchen erledigte die Angelegenheit trotzdem, während ich die Versammlung im Auge behielt.
Auf dem Rückweg gab es noch ein paar wichtige Stellen zu untersuchen. Frauchen ließ mir dafür nicht überall die nötige Zeit, aber die wichtigsten Nachrichten bekam ich mit.
Als wir zurückkamen, trug der alte Mann mehrere Mülltüten aus dem Haus und verschwand anschließend für eine ganze Weile. Ich übernahm derweil den Sicherheitsdienst. Frauchen hatte sich vor eines ihrer leuchtenden Vierecke gesetzt und schien dort ausreichend beschäftigt zu sein.
Als der alte Mann endlich wieder auftauchte, hatte er neue Tüten dabei. Diesmal holte er Sachen heraus und räumte sie in den Kühlschrank und die Vorratsschränke.
Das war vernünftig. Ich wäre auch nicht begeistert, wenn ich nach Hause käme und feststellen müsste, dass der alte Mann während meiner Abwesenheit meine Vorräte entsorgt hätte. Ob Oma den Austausch bemerken würde, wusste ich nicht. Vielleicht ließ sie sich mit den neuen Vorräten besänftigen.
Das große Rumwuseln war für den alten Mann damit wohl erst einmal vorbei. Nach dem Essen gab es eine ausgiebige Mittagsruhe. Ich legte mich dazu und behielt die Lage im Liegen im Auge.
Nach einem weiteren Kaffee war es Zeit für den nächsten Kontrollgang. Diesmal kam der alte Mann mit, und Frauchen begleitete uns zunächst auch. Wir liefen durch die Straßen, vorbei an Häusern und Gärten, bis wir zu dem großen Gebäude kamen, in dem Oma inzwischen offenbar wohnte. Zumindest besuchte Frauchen sie dort regelmäßig. Wir lieferten Frauchen am Eingang ab, und der alte Mann und ich zogen weiter. Warum Oma nicht einfach mit uns zurückkam, war mir weiterhin nicht klar.
Hinter den Häusern ging es hinaus ins Grüne. Dort gab es endlich wieder ordentlich Platz, und der alte Mann hatte sogar meine Lederente mitgebracht. Die hatte ich schon vermisst.
Auf den Wiesen durfte ich große, wilde Kreise laufen. Mal mit der Ente im Maul, mal hinter ihr her, wenn der alte Mann sie geworfen hatte. Ich raste über das Gras, schlug Haken und kam in weitem Bogen zurück. Der alte Mann blieb meistens dort stehen, wo er war, und überließ mir die Laufarbeit. Gelegentlich musste ich ihm die Ente erst vor die Füße legen, damit er verstand, dass die Sache noch nicht beendet war.
Zwischendurch untersuchte ich die Wiesenränder und die Übergänge zum Wald, hinterließ an geeigneten Stellen meine eigenen Nachrichten und konnte das Revier ordnungsgemäß abnehmen.
Im Wald entdeckte ich einen Labrador, der offenbar beschlossen hatte, uns einen Besuch abzustatten. Und zwar auf direktem Weg quer durch den Wald. Seine Halterin hatte erhebliche Mühe, ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Ich beobachtete die Angelegenheit aufmerksam. Ein Besuch wäre grundsätzlich möglich gewesen, aber ein bisschen Anmeldung hätte ich schon erwartet. Der Labrador blieb schließlich bei seiner Halterin. Die beiden bogen dann ausgerechnet auf denselben Weg ein wie wir.
Das erforderte eine gründliche rückwärtige Sicherung.
Ich drehte mich immer wieder um, um zu prüfen, ob der Labrador seine ursprünglichen Absichten vielleicht doch noch umsetzen wollte. Der alte Mann meinte mehrmals, ich solle nach vorne schauen. Leicht gesagt. Er hatte keine Augen am Hinterkopf. Ich übrigens auch nicht, weshalb ich mich ja dauernd umdrehen musste.
Als wäre das nicht genug, fing plötzlich direkt über uns ein Specht an, auf einen Baum einzuhämmern. Mitten im Wald, ohne jede Rücksicht auf die laufende Revierkontrolle. Ich blieb stehen, schaute nach oben und rief ihn zur Ordnung.
Der Specht hämmerte weiter.
Ich meldete mich noch einmal, diesmal etwas deutlicher. Auch das beeindruckte ihn nicht besonders. Der alte Mann fand, der Specht dürfe das. Irgendwann gingen wir weiter. Ich behielt noch eine Weile den Weg hinter uns im Auge, während über uns das Hämmern langsam leiser wurde.
Zurück in Omas Höhle übernahm ich wieder den Sicherheitsdienst, bis Frauchen von ihrem Besuch bei Oma zurückkam. Leider waren mir dabei schon wieder die Augen zugefallen.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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