Entlebucher Tagebuch – 02. Oktober 2026. Heute Morgen war Frauchen vor uns wach, und so hatte der alte Mann schon Kaffee, als er nach unten kam. Das findet er, so halb wach, ziemlich praktisch. Ansonsten blieb der Morgen ruhig. Keine verfrühte Runde und keine Fremden im Haus. Alles konnte nach Plan starten.
Draußen war es kühl, und auf den Gehwegen lagen inzwischen genug Blätter, dass man bei der Revierkontrolle etwas genauer hinschauen musste. Schließlich kann sich unter so einem Blatt alles Mögliche verbergen. Die üblichen Markierungen waren trotzdem noch da, und auch sonst schien über Nacht niemand größere Veränderungen vorgenommen zu haben.
Für den Weg auf die Felder wählte der alte Mann ganz ungewohnt den steilen Aufstieg. Er wollte auf diese Weise wohl die frisch gedüngten Felder umgehen. Also die meisten. Ganz ohne diesen besonderen Herbstgeruch kommt man hier im Moment nicht mehr weit. Ich hatte damit weniger Probleme als der alte Mann und konnte mich deshalb auf die wichtigeren Gerüche am Wegrand konzentrieren.
Kaum hatten wir die Höhe erreicht, sahen wir ein Stück vor uns die Collies Indi und Beni und Simba. Als Beni mich sah, gab es für ihn kein Halten mehr. Seitdem ich mit ihm geklärt hatte, wie man sich einer Dame gegenüber benimmt, macht es auch ziemlich viel Spaß, mit ihm herumzutoben.
Simba setzte ebenfalls an, war aber etwas gemütlicher unterwegs, und Indi kommt langsam in ein Alter, in dem er sich das Ganze lieber anschaut. Mit Beni funktionierte das „Er jagt mich, ich jage ihn“ schon ziemlich gut. Simba hat das mit den wechselnden Rollen noch nicht vollständig verstanden, verhält sich dabei aber anständig.
Trotzdem beschloss Indi, zumindest einen kleinen Spurt mitzumachen und mal Bescheid zu geben, dass sich alle an die Spielregeln halten sollen. Damit hatte er seine Pflicht als Alterspräsident wohl erledigt. Danach fand er die Ecke, bis zu der dieser besondere Duft reichte, deutlich interessanter. Er war wohl der Meinung, dass ihm so ein ganz spezieller Geruch ausgesprochen gut stehen würde.
Irgendwann wurde Beni dann etwas aufgeregter und hatte das Bedürfnis, dass ich ihn Huckepack nehme. Früher hätte das vermutlich einer ausführlicheren Klärung bedurft. Inzwischen reicht ein strenger Blick.
Der alte Mann blieb bei den beiden Herrchen der anderen Hunde noch kurz stehen, meinte dann aber, dass er mal weitergehen würde. Ich fand das sehr vernünftig. Schließlich waren wir zur Revierkontrolle unterwegs und nicht zum Herumstehen.
Beni und Simba hatten nicht verstanden, dass der offizielle Spieleteil beendet war, und rannten uns hinterher. Während Beni trotz seiner Jugend schon sehr genau weiß, was zu tun ist, wenn sein Herrchen pfeift, und sofort zurücklief, pfiff Simbas Herrchen. Und pfiff. Und pfiff.
Irgendwann wurde es dem alten Mann zu bunt. Er drehte sich um, stoppte Simba und schickte ihn zurück. Simba trabte auch brav ein paar Meter in Richtung seines Herrchens, das mittlerweile schon ziemlich weit weg war. Kaum wandte sich der alte Mann wieder ab, drehte Simba ebenfalls um und kam hinter uns her.
Also schickte der alte Mann ihn noch einmal fort. Gleiches Spiel.
Als Simba dann wieder bei uns ankam, beschloss ich, dass es Zeit war, dem Typen auf Entlebucherisch klarzumachen, dass er jetzt zu seinem Herrchen gehen sollte. Und zwar sofort.
Was soll ich sagen. Ich war überzeugend.
Wir nutzten das schöne Wetter dann noch für ein paar Extrameter und ein paar Übungen. Danach kamen wir zufrieden wieder zu Hause an.
Ich passte auf den alten Mann auf, während er die Dinge tat, die er halt so tut.
Am Nachmittag ging es bei Sonnenschein noch zur zweiten Runde. Wir gingen seit Langem mal wieder Richtung Großem Gieß.
Dort hatte sich in unserer Abwesenheit einiges getan. Schon auf den ersten Metern lagen so viele intensive Spuren übereinander, dass an normales Weitergehen erst einmal nicht zu denken war. Ich musste stehen bleiben, zurückgehen, ein paar Schritte zur Seite und dann noch einmal genau an dieselbe Stelle. Der alte Mann wartete erstaunlich geduldig, während ich mich Stück für Stück durch die Lage arbeitete.
Einmal hatte ich es mit der Gründlichkeit wohl etwas übertrieben. Als ich dann noch einmal die linke Seite zum x-ten Mal überprüfen wollte, sagte der alte Mann: „Jetzt reicht’s.“
Ich nahm das als Vorschlag und beeilte mich mit den letzten Überprüfungen. Dann konnten wir weiter.
Am Großen Gieß angekommen, schauten wir erst einmal von oben darauf. Der alte Mann betrachtete das Wasserloch eine Weile. Es sah immer noch ziemlich trüb aus, und er beschloss, dass es noch nicht an der Zeit wäre, das wieder aus der Nähe zu untersuchen.
Als Ersatz durfte ich die Steinach oberhalb inspizieren. Hier roch es eindeutig besser.
Nachdem wir auf dem Hinweg alle Gerüche gründlich kontrolliert hatten, war auf dem Rückweg Zeit für Spiel und Spaß. Da konnte ich noch einmal rennen, ein bisschen mit dem alten Mann herumalbern und mich um Dinge kümmern, für die auf dem Hinweg wegen der ganzen wichtigen Vorgänge keine Zeit gewesen war.
Als wir wieder zu Hause ankamen, war ich dann doch ein wenig froh über ein ruhiges Plätzchen. Ich legte mich also unter die Eckbank und pflegte erst einmal meine Augen.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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