Pfingstmontag, 25. Mai 2026 –
Es begann eigentlich schon am Vorabend.
Wir lagen einigermaßen entspannt im Wohnzimmer herum, und ich hatte meinen Platz wie immer strategisch günstig zwischen Sofa und Durchgang gewählt. So konnte ich gleichzeitig dösen und alles überwachen. Der alte Mann saß da mit diesem Blick, den Menschen immer bekommen, wenn sie glauben, einen besonders guten Plan zu haben.
Dann fragte Frauchen ganz ahnungslos:
„Was hast du morgen früh eigentlich vor?“
Der alte Mann antwortete sofort:
„Canicross.“
Ich hob direkt den Kopf. Vernünftige Antwort. Pfingstmontag eignet sich schließlich hervorragend für sportliche Aktivitäten, solange man vor der großen Hitze wieder zuhause ist.
Dann passierte etwas Unerwartetes.
Frauchen sagte:
„Ich komme mit.“
In genau diesem Moment verdrehte der alte Mann ganz leicht die Augen. Nur kurz. Fast unauffällig. Aber ich habe es gesehen. Menschen glauben oft, sie könnten solche Dinge verbergen. Dabei entgeht einem Entlebucher praktisch nichts. Besonders nicht, wenn er direkt daneben liegt und offiziell ruht.
Frauchen freute sich sofort auf den Morgen, während der alte Mann irgendetwas von „dann müssen wir aber wirklich früh los“ murmelte. Ein Satz, den er erstaunlich oft benutzt und nur mittelmäßig konsequent umsetzt.
Ich hielt mich aus der Diskussion heraus. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Frauchen mitkommt. Irgendjemand muss schließlich darauf achten, dass die Menschen am Berg nicht verloren gehen. Andererseits bedeutet das meistens mehr organisatorische Gespräche, längere Vorbereitung und eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, dass wir eben doch nicht besonders früh loskommen. Der alte Mann wusste das offensichtlich auch. Daher vermutlich das Augenrollen.
Später stellte er den Wecker auf sechs Uhr. Völlig unnötig natürlich. Um diese Uhrzeit hatte ich das Schlafzimmer längst vollständig inspiziert, sämtliche Flurgeräusche ausgewertet und die Positionen von Frauchen und dem alten Mann kontrolliert.
Ja, ich schlafe im Schlafzimmer.
Schlimmer noch: mit im Bett.
Das war ursprünglich übrigens überhaupt nicht so geplant. Ich war damals frisch eingezogen, neun Wochen alt, klein, flauschig und offiziell selbstverständlich viel zu niedlich, um irgendwo alleine schlafen zu müssen.
Nur am Rande erwähnt: Es war Frauchens Idee. Und zwar nicht nur das mit dem Bett.
Eigentlich war es überhaupt Frauchen, die beschlossen hatte, dass ich ins Haus komme. Wenn man den alten Mann heute erlebt, könnte man inzwischen leicht glauben, er hätte damals monatelang auf genau mich gewartet. Tatsächlich stand er anfangs eher daneben wie jemand, der versehentlich in ein sehr emotionales Verkaufsgespräch geraten war.
„Nur mal anschauen“, hieß es damals. Ein Satz, der bei Menschen ungefähr dieselbe Bedeutung hat wie „ich schnüffle nur ganz kurz“ bei Hunden. Niemand glaubt ernsthaft, dass es dabei bleibt.
Der alte Mann stellte damals noch vernünftige Fragen. Ob das wirklich sinnvoll sei. Ob der Zeitpunkt passe. Ob ein Entlebucher nicht vielleicht etwas… charakterstark wäre.
Frauchen nickte einfach begeistert zu allem. Und ein paar Stunden später saß ich im Auto.
Heute tut der alte Mann übrigens gern so, als wären wir schon immer ein perfekt eingespieltes Team gewesen. Was technisch gesehen nicht völlig falsch ist. Trotzdem erinnere ich mich noch sehr genau daran, wer ursprünglich verantwortlich war für diese gesamte organisatorische Eskalation auf vier Pfoten.
Der alte Mann sagte damals übrigens noch erstaunlich entschlossen:
„Also gut, sie kann im Schlafzimmer schlafen. Aber nicht im Bett.“
Ich erinnere mich noch genau an diesen Satz. Menschen sagen oft Dinge mit großer Überzeugung kurz bevor sie komplett aufgeben.
Es dauerte keine zwei Wochen. Dann lag ich eines Abends neben dem Bett, schaute ein kleines bisschen traurig und Frauchen blickte den alten Mann mit diesen berühmten Dackelaugen an: „Sie ist so einsam …“
Der alte Mann seufzte nur und sagte: „Jammer später nicht.“
Ein bemerkenswert kluger Satz, wie sich herausstellen sollte. Denn inzwischen bin ich ausgewachsen, und mittlerweile stellt sich morgens eigentlich nur noch eine Frage: Wer jammert heute über Platzprobleme im Bett? Ganz sicher nicht ich.
Ich liege hervorragend. Strategisch quer, mit maximalem Körperkontakt und mindestens einer Pfote irgendwo zwischen den beiden Menschen. Man muss das Rudel nachts schließlich zusammenhalten.
Der alte Mann dagegen wacht regelmäßig halb zusammengefaltet an der Bettkante auf, während Frauchen behauptet, sie hätte „kaum Platz“. Interessanterweise beschwert sich trotzdem niemand ernsthaft. Menschen sind manchmal schwer zu verstehen.
Der Canicross heute Morgen ist eigentlich schnell erzählt. Trotz Wecker und obwohl der alte Mann und ich pünktlich an der Tür standen, kamen wir kaum früher los als gestern. Woran das lag, dürfte inzwischen niemanden mehr überraschen.
Heute sollte ich jedenfalls die ganze Zeit Frauchen ziehen, und ich finde, ich habe das hervorragend gemacht. Bergauf zog ich gleichmäßig, damit sie nicht aus Versehen zurückbleibt, und auf den flachen Stücken hielt ich ordentlich Tempo, ohne übertrieben zu werden. Kurz gesagt: perfekte Teamarbeit von meiner Seite.
Es gab eigentlich nur einmal Stress.
Der alte Mann kam irgendwann in seinen sogenannten „Flow“ und hatte offenbar kurz vergessen, dass Frauchen und ich hinter ihm unterwegs waren. Plötzlich marschierte er los, als würde er allein an irgendeiner Meisterschaft teilnehmen.
Ganz ehrlich:
So schnell kann ich Frauchen beim besten Willen nicht ziehen.
Bergab wurde es dann endgültig chaotisch. Der alte Mann vorne zu schnell, ich motiviert hinterher und Frauchen irgendwo dazwischen plötzlich deutlich lauter als vorher.
Das anschließende Gemecker bekam selbstverständlich der alte Mann ab. Völlig zurecht, wenn man mich fragt. Ich hielt mich diplomatisch aus der Diskussion heraus. Professionelle Zughunde mischen sich nicht in menschliche Führungsprobleme ein.
Vor der Haustür kam es dann allerdings noch zu einem unerwarteten Höhepunkt. Während der alte Mann seinen Schlüssel suchte, geschah etwas Magisches:
Wie von Zauberhand ergoss sich plötzlich ungefähr die halbe Tasche voller Leckereien direkt auf die Straße.
Jackpot.
Innerhalb einer Sekunde war ich im professionellen Snack-Notfalleinsatz. Frauchen lachte, der alte Mann fluchte und ich sammelte hochkonzentriert alles ein, was der Asphalt freiwillig hergab.
Teamwork funktioniert eben in beide Richtungen.
Danach wurde es draußen schnell warm, also beschlossen wir gemeinsam, den restlichen Tag deutlich entspannter anzugehen. Eine ausgesprochen vernünftige Entscheidung.
Der alte Mann verschwand irgendwann mit Kaffee und Laptop auf seinen Platz, Frauchen machte irgendetwas Ruhiges im Wohnzimmer und ich wechselte professionell zwischen Sofa, Fliesen und strategischen Schattenplätzen hin und her.
Es war einer dieser perfekten, ruhigen Nachmittage, an denen niemand etwas Großes erwartet. Die Balkontür stand offen, draußen summten irgendwo Bienen und aus dem Nachbarhaus hörte man leise Menschenstimmen. Zwischendurch wehte immer wieder dieser warme Sommergeruch herein: trockenes Gras, Holz und Sonne auf Asphalt.
Ich lag meistens halb dösend neben oder auf dem Sofa und beobachtete das Rudel mit nur einem geöffneten Auge. Man muss schließlich präsent bleiben, falls plötzlich jemand zum Kühlschrank geht oder unerwartet Käse auftaucht.
Irgendwann kraulte Frauchen mir im Vorbeigehen den Kopf, der alte Mann murmelte etwas von „heute machen wir wirklich langsam“ und für ein paar Stunden hatte ich fast das Gefühl, auch Menschen könnten vernünftige Entscheidungen treffen.
Am Abend wurde es dann endlich wieder angenehm draußen. Frauchen blieb diesmal zuhause — angeblich „zu müde“. Nach dem Canicross am Morgen vermutlich verständlich. Also fuhren der alte Mann und ich alleine in den Burgwald.
Ich mag diese Fahrten.
Sobald wir aussteigen, riecht die Luft anders. Kühler. Feuchter. Voller Geschichten. Der Burgwald ist abends sowieso etwas Besonderes. Alles wird ruhiger, aber gleichzeitig scheint überall etwas unterwegs zu sein. Es raschelt, knackt und duftet permanent nach Dingen, die man dringend genauer untersuchen müsste.
Diesmal waren erstaunlich viele andere Hunde unterwegs. Früher hätte der alte Mann bei sowas vermutlich innerlich leicht geschwitzt. Nicht weil ich böse wäre — ganz im Gegenteil. Aber kaum wird man ein stattlicher Entlebucher mit ordentlich Stimme, Brustkorb und Meinung, behandeln einen manche Menschen plötzlich, als würde man gleich beruflich den Wald übernehmen wollen.
Dabei möchte ich meistens einfach nur höflich Hallo sagen.
Gut, vielleicht etwas dynamischer als ein Golden Retriever.
Heute liefen mehrere Hunde an uns vorbei. Kleine, große, wuschelige, aufgeregte und entspannte. Der alte Mann blieb ruhig, ich blieb meistens ruhig und gemeinsam marschierten wir ziemlich souverän durch den Wald. Nur bei einem Punkt haben wir weiterhin unterschiedliche Meinungen: dem Nachschnüffeln nach der Begegnung.
Ich finde nämlich, wenn ein anderer Hund gerade an uns vorbeigelaufen ist, dann muss man selbstverständlich direkt danach noch einmal genau dort schnüffeln. Das ist schließlich die offizielle Auswertung der Begegnung. Man prüft sorgfältig:
Wer war das?
Wie alt?
Gut drauf?
Komisch drauf?
Und warum hat der nach Kaninchen und Bachwasser gerochen?
Der alte Mann dagegen meint, zehn Meter später wäre früh genug.
Zehn Meter.
Bis dahin sind die wichtigsten Geruchsdetails doch längst nicht mehr ordentlich frisch. Menschen unterschätzen völlig, wie präzise professionelle Schnüffelarbeit funktioniert.
Wir diskutierten heute mehrfach darüber. Ich blieb freundlich, aber argumentativ klar. Der alte Mann blieb konsequent, aber leicht genervt. Ein klassischer Entlebucher-Kompromiss also. Trotzdem lief es wirklich gut. Keine großen Aufregungen, keine peinlichen Situationen und der alte Mann wirkte am Ende sogar ein bisschen stolz auf mich. Was natürlich auch berechtigt war.
Auf dem Rückweg wurde der Wald langsam dunkel. Die Luft war kühl, meine Pfoten angenehm müde und irgendwo weit entfernt rief ein Vogel durch die Bäume.
Ein guter Abschluss für einen gelungenen Pfingstmontag.
Und morgen erklären wir dem alten Mann vielleicht noch einmal ganz in Ruhe, warum professionelles Nachschnüffeln direkt nach der Begegnung organisatorisch absolut unverzichtbar ist.
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