Pfingstsonntag, 24. Mai 2026 –
Heute sind wir früh aufgestanden. Zumindest theoretisch. Der alte Mann meinte schon gestern Abend mehrfach, wir müssten unbedingt vor der Sonne zurück sein, bevor sie über den Berg kommt und alles aufheizt. Ein grundsätzlich vernünftiger Plan.
Natürlich sind wir trotzdem nicht früh genug losgekommen.
Woran das lag, möchte ich hier nicht öffentlich kommentieren. An mir jedenfalls nicht. Ich war bereit. Vollständig einsatzbereit sogar. Während gewisse Menschen noch Kaffee brauchten, stand ich längst an der Tür und hatte den Arbeitstag innerlich begonnen.
Als wir endlich unterwegs waren, war aber sofort klar, dass sich das Warten gelohnt hatte. Die Luft war noch kühl, überall lag dieser schwere Geruch von feuchter Erde, Wald und frisch gemähtem Gras in der Luft. Die Bauern waren seit Tagen unterwegs gewesen und hatten die Wiesen gemäht und das Heu reingeholt.
Endlich.
Das bedeutet nämlich: freie Sicht und offiziell freigegebene Rennstrecken.
Keine hohen Wiesen mehr, in denen man angeblich „nichts sieht“. Kein ständiges „nicht da rein“, „nicht so schnell“ oder „bleib auf dem Weg“. Stattdessen perfekte Bedingungen für ordentliche 100-Meter-Sprints.
Und genau die habe ich genutzt.
Einmal quer über die frisch gemähte Wiese, volle Geschwindigkeit, Ohren im Wind und die Pfoten nur noch als grobe Empfehlung am Boden. Der alte Mann rief natürlich irgendetwas hinterher, aber diesmal klang es mehr nach Lachen als nach Anschiss. Wahrscheinlich wusste er selbst, dass man bei solchen Bedingungen einfach laufen muss.
Zwischendurch blieb ich immer wieder stehen, um die Lage zu prüfen. Frisches Heu riecht nämlich nicht nur gut, darunter verstecken sich auch unzählige spannende Nachrichten. Mäuse, Rehe, andere Hunde, vermutlich mindestens drei hochverdächtige Katzen und irgendwo ganz eindeutig ein Hase von letzter Nacht.
Die Runde wurde länger als geplant. Überraschenderweise auch das nicht meine Entscheidung. Der alte Mann meinte irgendwann zwar etwas von „wir wollten doch nur kurz“, lief dann aber selbst ständig weiter. Menschen verlieren draußen regelmäßig den Überblick über Zeit und Strecken.
Als wir später wieder Richtung Städtchen kamen, war dann auch der richtige Zeitpunkt gekommen, unnötigen Ballast loszuwerden. Praktischerweise steht dort eine dieser Boxen, in die der alte Mann meine Würste wirft.
Immer wieder fragen Leute völlig begeistert, ob es schwer gewesen sei, mir beizubringen, mein Geschäft in der Nähe dieser Boxen zu erledigen.
Ganz ehrlich?
Der alte Mann hat mir gar nichts beigebracht.
Dem fehlt einfach eine Hand für Blödsinn, sobald er einen vollen Beutel tragen muss. Und ich bin ja nicht blöde. Das hatte ich ziemlich schnell verstanden. Also erledigt man wichtige geschäftliche Angelegenheiten möglichst strategisch in Boxennähe. Man arbeitet schließlich als Team.
Als die Sonne schließlich doch über den Berg kroch und es langsam warm wurde, machten wir uns endgültig auf den Heimweg. Angenehm müde, staubige Pfoten, trockene Zunge und dieses gute Gefühl nach einer wirklich gelungenen Morgenrunde.
Den restlichen Tag verbrachten wir im Haus. Und das war auch gut so. Draußen wurde es unangenehm heiß, während drinnen die Fliesen angenehm kühl blieben und man in Ruhe schlafen konnte, ohne dass einem ständig irgendein Insekt ins Gesicht flog.
Ich lag meistens irgendwo zwischen Esszimmerbank und Wohnzimmer und beobachtete den alten Mann bei dem, was Menschen offenbar „arbeiten“ nennen. Viel Sitzen, viel auf Bildschirme schauen und erstaunlich wenig sinnvolle Bewegung.
Normalerweise erinnere ich ihn spätestens kurz nach drei daran, dass meine eingebaute Schweizer Atomuhr exakt weiß, wann eigentlich Feierabend sein sollte. Dann setze ich mich demonstrativ vor ihn, starre ihn an und beginne langsam mit dem organisatorischen Druckaufbau.
Heute war ich großzügig.
Wegen der Hitze verzichtete ich sogar darauf, ihn darauf hinzuweisen, dass er mal wieder viel zu spät Schluss macht mit was auch immer er da den ganzen Tag tut. Man muss Prioritäten setzen. Selbst ich hatte keine Lust, bei diesen Temperaturen größere Diskussionen zu führen.
Erst nach dem Abendessen stand der alte Mann plötzlich auf und sagte die magischen Worte: „Wir fahren in den Burgwald.“
Damit war der Tag offiziell gerettet.
Natürlich muss ich dort während der Brut- und Setzzeit an der Leine laufen. Das ist zwar organisatorisch fragwürdig, aber erträglich. Der Burgwald entschädigt für vieles. Dort gibt es unendlich viel zu schnüffeln. Jeder Meter erzählt Geschichten. Rehe, Wildschweine, Füchse, andere Hunde und vermutlich Wesen, von denen Menschen überhaupt nichts wissen.
Und überall stehen diese besonderen Bäume.
Die, an denen plötzlich Leckerlis wachsen.
Ich weiß bis heute nicht genau, wie der alte Mann das macht. Wir laufen scheinbar ganz normal durch den Wald, ich schnüffle konzentriert am Boden — und plötzlich hängt da an einer Baumrinde oder zwischen Wurzeln ganz zufällig ein Snack. Wirklich erstaunlich, wie zuverlässig diese Bäume im Burgwald tragen.
Natürlich kontrolliere ich deshalb jeden einzelnen besonders gründlich.
Der alte Mann behauptet manchmal, das hätte etwas mit „Training“ zu tun. Ich persönlich halte die Theorie mit den Leckerlibäumen für deutlich plausibler.
Wir liefen lange durch den langsam dunkler werdenden Wald. Die Luft war endlich kühl, überall knackte und raschelte es und selbst an der Leine fühlte sich alles nach Abenteuer an.
Als wir später wieder heimfuhren, war ich angenehm müde. Nicht nur körperlich, sondern auf diese gute Art müde, bei der der Kopf voller Gerüche, Eindrücke und erledigter Geschäfte ist.
Ein wirklich gelungener Tag für einen Entlebucher.
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