Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 06. Oktober 2026. Heute war Bürotag für Frauchen. Das erkennt man unter anderem daran, dass der Tag anfängt, bevor er eigentlich richtig da ist. Frauchen war jedenfalls sehr früh auf den Beinen und lief mit verschiedenen Dingen durchs Haus, die anschließend in Taschen verschwanden. Der alte Mann saß dabei mit seinem Kaffee und schaute ihr zu. Besonders hilfreich war er nicht. Er stellte gelegentlich eine Frage und beobachtete ansonsten, ob Frauchen alles fand, was sie suchte. Ich übernahm die wichtigere Aufgabe und behielt im Blick, ob vielleicht etwas Essbares eingepackt wurde.
Dann zog Frauchen ihre Schuhe an, nahm ihre Taschen und verschwand durch die Haustür. Ich kontrollierte noch kurz, ob sie wirklich gegangen war. War sie. Fünf Minuten später kam sie allerdings wieder herein. Sie hatte etwas vergessen. Meine Kontrolle war also nicht ganz umsonst gewesen. Kurz darauf verschwand Frauchen ein zweites Mal. Diesmal endgültig.
Der alte Mann setzte sich danach an die leuchtenden Vierecke. Draußen war es noch dunkel genug, dass man den Eindruck haben konnte, der Tag hätte ebenfalls beschlossen, heute etwas später anzufangen. Der alte Mann tippte, las, schob Dinge hin und her und trank Kaffee. Ich blieb in seiner Nähe und achtete darauf, dass aus dem frühen Arbeiten keine unnötige Hektik entstand. Irgendwann wurde es draußen tatsächlich heller. Jetzt konnte man sich um wichtigere Angelegenheiten kümmern.
Also machten wir uns auf zur Revierkontrolle. Auf dem Weg zu den Feldern gab es zunächst keine besonderen Vorkommnisse. Die üblichen Stellen mussten überprüft werden, an einigen Markierungen war seit gestern gearbeitet worden, und auch am Straßenrand lagen wieder genügend Nachrichten herum, um nicht einfach daran vorbeizulaufen.
Am Aufstieg zu den Feldern wurde es dann interessanter. Vor uns tauchten die Labradore auf. Damit war die morgendliche Revierkontrolle für einen Moment zweitrangig. Bekannte Hunde haben Vorrang, besonders wenn sie in ausreichender Anzahl erscheinen. Der Alterspräsident war dabei, ebenso der schwarze Labrador und der Jüngste. Also eine ordentliche Besetzung. Ich beschleunigte vorsichtshalber ein wenig. Der alte Mann bemerkte das natürlich und hatte sofort eigene Vorstellungen davon, wie schnell man sich einem bekannten Rudel nähern sollte. Menschen halten erstaunlich viel von geordneten Abläufen, selbst wenn längst klar ist, dass alle Beteiligten wissen, worum es geht.
Wir kamen trotzdem näher. Es wurde geschnuppert, kurz gelaufen und überprüft, ob bei den anderen seit dem letzten Treffen irgendwelche wesentlichen Veränderungen eingetreten waren. Der Alterspräsident ließ es erwartungsgemäß etwas ruhiger angehen. Der Jüngste sah dagegen so aus, als könne aus einer normalen Begrüßung jederzeit noch etwas Bewegung entstehen. So gehört sich das. Nach einer Weile trennten sich unsere Wege wieder. Die Labradore zogen weiter und ich setzte meine Kontrolle Richtung Felder fort.
Oben angekommen gab es erst einmal ein paar Übungen mit dem Ball. Der alte Mann warf, ich holte, brachte zurück und hatte gerade angefangen, richtig warm zu werden, als ich plötzlich an die Leine kam. Vor uns standen Rehe.
Nun ist es ja nicht so, dass ich Rehe jage. Wenn irgendwo eines auftaucht, oder auch zwei, dann sehe ich sie mir natürlich an. Man sollte schließlich wissen, was im eigenen Revier passiert. Aber eine besondere Aufgabe sehe ich darin nicht. Bei drei oder mehr sieht die Sache allerdings etwas anders aus. Rehe sind nicht die ordentlichsten Tiere.
Und weil Frauchen dem alten Mann offenbar von meinem Verhalten gestern berichtet hatte, war er heute vorbereitet. Er sah den Sprung Rehe, sah mich an und beschloss, dass die Leine eine vernünftige Idee sei. Petzen nennt man das wohl.
Die Rehe standen ziemlich genau dort, wo wir eigentlich weitergehen wollten. Mitten auf den Feldern und so verteilt, dass wir kaum an ihnen vorbeigekommen wären, ohne sie aufzuscheuchen. Der alte Mann blieb deshalb stehen, überlegte kurz und entschied, dass wir einfach die große Schafrunde machen. Beim Weitergehen murmelte er etwas davon, dass die Rehe ihre Reserven für den Winter noch brauchen würden. Falls denn einer kommt.
Bis Mittag verlief der Tag dann ungefähr so, wie ein Tag eben verläuft, wenn der alte Mann zu Hause arbeitet. Er saß wieder vor den leuchtenden Vierecken und beschäftigte sich mit Dingen, die offenbar sehr wichtig waren. Zwischendurch redete er sogar mit ihnen. Das halte ich nach wie vor für etwas bedenklich.
Nach dem Essen wurde es allerdings auffällig. Der alte Mann stand auf, zog sich um und machte sich fertig. Ich beobachtete das genau. Dann nahm er seine Sachen und ging zur Tür. Ohne mich. Einfach so.
Ich blieb also zurück und musste diesen Vorgang zunächst allein bewerten. Noch während der alte Mann unterwegs war, hörte ich draußen ein bekanntes Geräusch und kurz darauf kam Frauchen zur Tür herein. Es folgte ein besonders ausführlicher Entlebucher-Du-bist-wieder-da-Begrüßungszauber mit Wedeln, Springen, Drehen und einer sehr gründlichen Kontrolle, ob Frauchen auch wirklich vollständig zurückgekommen war. Frauchen brauchte einen Moment, bis sie diese ungewöhnlich intensive Begrüßung richtig einordnen konnte. Sie sah kurz zur leeren Garderobe, dann zu mir und ließ mich fertig begrüßen.
Der alte Mann tauchte dann auch bald wieder auf und begann Dinge zu tun, die man sehr genau beobachten musste. Zuerst packte er seinen Arbeitsrucksack. Ein leuchtendes Viereck, etwas Wechselwäsche und Schokolade. Wenig Wäsche. Daraus ließ sich schließen, dass er wohl vorhatte, eine Nacht fortzubleiben. Nicht besonders schön, aber im Rahmen dessen, was man einem Menschen noch durchgehen lassen kann.
Dann wurde es allerdings merkwürdig. Der alte Mann holte einen Koffer und begann zu packen. Viele Sachen. Das war so nicht abgesprochen. Sich für eine Nacht, vielleicht auch zwei, vom Rudel zu entfernen, ist schon fragwürdig. Aber mit einem gepackten Koffer sieht die Sache anders aus. So etwas steht ganz sicher nicht im Vertrag.
Ich beobachtete deshalb jede weitere Bewegung sehr genau. Als der alte Mann mit dem Koffer fertig war, holte er allerdings Hundedecken. Dann Futter, Näpfe und Spielzeug. Damit änderte sich die Lage erheblich. Ich habe noch keine Ahnung, was hier eigentlich passiert. Aber ich bin dabei. Alles andere ist im Moment nicht wichtig.
Um mich vermutlich etwas zu beruhigen, machte der alte Mann später noch einen Ausflug mit mir zu den Sieben Eichen. Das war grundsätzlich eine gute Idee. Dort gab es genug zu kontrollieren, genug zu riechen und ausreichend Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass außerhalb unseres Hauses noch alles an seinem Platz war.
Ganz erledigt war die Sache mit dem Koffer damit allerdings nicht. Heute Nacht werde ich deshalb auf den Füßen des alten Mannes schlafen. Nicht daneben. Auf ihnen.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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