Frauchen stand noch vor Sonnenaufgang auf. Leise. Sie ging ins Arbeitszimmer. Und da lag der alte Mann bei mir im Bett. Still. Er bewegte sich nicht. Ich meine nicht das Still von „er macht gerade nicht die Geräusche, mit denen er nachts Bären und Wölfe vertreibt“. Ich meine richtig still.
Also begann ich mir Sorgen zu machen und startete eine ausführliche Kontrolle seiner Vitalzeichen.
Die gute Nachricht: Er lebt. Die nicht ganz so gute: Er behauptet, ich hätte ihn geweckt. Wobei ich finde, das ist eine etwas einseitige Darstellung. Es war ohnehin Zeit zum Aufstehen. Schließlich wollte er noch einen Kaffee trinken, bevor die Sonne aufging.
So konnte er danach auch pünktlich an seine leuchtenden Rechtecke. Was ich allerdings nicht ganz verstehe: Warum ist es Frauchen erlaubt, schon früher an ihre Arbeit zu gehen als dem alten Mann? Sicher wieder so ein Menschenkram. Andererseits verdichtet sich mein Verdacht, dass Frauchens Büro etwas anderes ist als das vom alten Mann. Aber eigentlich ist das auch egal.
Ich ließ den alten Mann noch das machen, was Menschen morgens offenbar machen müssen, und schauen, was so reinkam. Spoiler: Es kam wieder nichts aus den Rechtecken.
Danach erinnerte ich ihn an die wichtigen Dinge des Lebens. Und zwar genau zur richtigen Zeit. Kaum waren wir fertig und die Haustür ging auf, lief in genau diesem Moment Rosa vorbei.
Rosa. Freundin der ersten Stunde. Ein Jahr älter als ich, dynamischer Jagdhundmix und immer bereit zum Toben.
Jetzt begann die übliche Diskussion mit dem alten Mann über Toben in der Stadt und Warten bis man auf den Feldern ist. Da ist er ärgerlich konsequent. Ich halte das weiterhin für eine unnötig komplizierte Regel, aber Erfahrung zeigt: Diskussionen verlängern nur den Weg zu den Feldern.
Gleich am Friedhof fielen dann die Leinen. Rosas Herrchen sagte irgendetwas von einer schnellen Runde. Der alte Mann fragte: „Müsst ihr bald los?“ Der andere winkte ab. „Kurz geht schon.“
Rosa und ich rasten los. Hier hin. Sie hinter mir her. Schnelle Wende. Andersrum. Dann wieder zurück. Alles wie immer. Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team.
Obwohl. Rosa steigt inzwischen früher aus. Der alte Mann sagte mal: „Ihre Sturm-und-Drang-Zeit ist vorbei.“
Das habe ich allerdings schon bei mehreren meiner Trainingspartner erleben müssen. Der alte Mann behauptet, wenn Hunde erwachsen werden, spielen sie weniger.
Eine fragwürdige Theorie für einen Entlebucher. Erstens spielen wir nicht, wir trainieren. Und zweitens haben wir da offenbar eine andere Arbeitsauffassung. Erwachsen ist ohnehin ein Begriff, den wir nicht wirklich kennen.
Gut, irgendwann zeigt selbst ein perfekt konstruierter Körper wie der eines Entlebuchers gewisse Verschleißerscheinungen. Aber vorher? Warum sollte man langsamer werden, wenn man inzwischen genau weiß, wie es geht?
Nach meiner Ansicht viel zu kurzer Zeit drehten Rosa und ihr Herrchen wieder ab. Der alte Mann spürte meinen Unmut wohl. Zumindest ließ er heute den Ball direkt am Anfang ein paar Mal fliegen, ohne dass ich dieses lästige Warten aushalten musste, bis er sagte, ich solle ihn holen. Er versuchte sogar, ihn mir abzujagen.
Netter Versuch. Ich erkenne den Gedanken an.
Aber kein Ersatz.
Wir absolvierten danach noch eine ganz ordentliche Morgenrunde. Und am Ende – ich muss es zugeben – musste ich mir doch anhören: „Na, du bist aber ganz schön langsam unterwegs.“ Und damit meinte er ausnahmsweise nicht, dass ich zu viele Informationen untersuche. Ich hielt das zunächst für eine unqualifizierte Bemerkung. Aber möglicherweise hatte ich mich tatsächlich etwas mehr verausgabt als geplant.
Nicht schlimm. Ein guter Arbeitstag darf Spuren hinterlassen.
Aber nach so einer Aussage übernahm ich natürlich die letzten paar hundert Meter wieder die Führung. Man muss dem alten Mann schließlich zeigen, wie man richtig nach Hause läuft.
Während es bei der Runde noch tolles Wetter hatte, schlug es danach schnell um. Es war nicht mehr schön. Es war nicht mal schlecht. Es war bäh.
Also machte ich den Rest des Tages das, was ein Entlebucher in so einem Fall am besten macht, wenn die wichtigen Geschäfte schon erledigt sind. Ich suchte mir einen guten Platz. Nicht zu warm. Nicht zu kalt. Mit ausreichend Überblick. Und legte mich hin. Nicht aus Faulheit. Sondern aus professioneller Ressourcenplanung.
Menschen verstehen das oft nicht. Die nennen das dann „schlafen“.
Dabei handelt es sich offensichtlich um Bereitschaftsdienst mit geschlossenen Augen. Man muss schließlich jederzeit einsatzfähig bleiben.
Erst gegen Abend fordert der Körper dann, was der Körper fordert. Frauchen schlug vor, ich solle schnell in den Garten gehen.
In den Garten.
Wo doch die zweite vertraglich festgeschriebene Außenmission noch ausstand. Ich sah sie an. Sie sah mich an. Ich bin nicht sicher, ob Menschen ihre eigenen Regeln manchmal vergessen oder ob sie hoffen, ich tue es.
Der alte Mann verstand die Lage sofort. Er wollte allerdings noch über den Zeitpunkt des Aufbruchs verhandeln. Ein interessanter Ansatz. Ich machte deutlich, dass ich grundsätzlich gesprächsbereit bin, die Durchführung der Abendrunde aber nicht zur Debatte steht.
Wenig später holte er die Leine. Er entschied sich für die Bahnhofsrunde. Nicht unser Favorit. Aber nach so einem Tag bodentechnisch einfach sinnvoll. Die Runde hat immerhin zwei Punkte, die sie zumindest akzeptabel machen.
Wir kommen am Hundewaschplatz vorbei. Ein mir nicht nachvollziehbares Konzept. Eine öffentliche Dusche für Hunde. Warum man freiwillig irgendwo hingeht, um nass zu werden, erschließt sich mir nicht. Aber als „Schauen wir mal, wer alles hier war“-Platz funktioniert er erstaunlich gut.
Der zweite und deutlich wichtigere Punkt: Wir passieren einen der ausgehandelten Zugänge zur Steinach. Und ich muss zugeben: Das System ist nahezu perfekt. Die Leine kommt ab. Ich kann den Hang zur Steinach herunter, mich austoben, Lage und Wasserstand prüfen und anschließend oben wieder in Empfang genommen werden. Keine Diskussionen. Keine Missverständnisse. Jeder kennt seine Aufgabe. Ich unten. Der alte Mann oben.
So funktionieren gute Prozesse.
Allerdings gab es bei der heutigen Runde einen Punkt, bei dem ich beim alten Mann Nachschulungsbedarf sehe. Der Übergang über die Stuttgarter Straße.
Erste Hälfte: Er schaut. Kein Auto. Gut. Bis zur Insel in der Mitte vorbildlich.
Zweiter Teil: Ein Auto kommt. Er bleibt stehen. Professionell. Das Auto hält vor dem Übergang. Es folgen interpretierfähige Handzeichen. Und er geht los. Während das Auto immer noch da steht. Ich ging selbstverständlich mit.
Professionelle Sicherung bis über die Straße.
Danach war allerdings eine deutliche Zurechtweisung notwendig. Biss in die Leine. Übernahme der Führung, hier war Gefahr in Verzug. Der alte Mann war der Meinung, alles sei korrekt gelaufen. Er verwies darauf, dass das Auto angehalten hatte und uns Vorrang gewährte.
Ich erkenne an, dass das formal betrachtet ein stimmiger Ablauf war.
Trotzdem sehe ich Optimierungspotenzial. Nach meiner Auffassung sollte man eine Straße erst dann betreten, wenn dort nachweislich kein Auto mehr ist. Ich habe zunächst eingelenkt.
Aber ich werde das weiter beobachten.
Ein guter Tag für einen Entlebucher
Eure Eira
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