Gestern Abend wollte Frauchen nach dem Abendessen noch einmal zum See. Ich hatte nichts dagegen. Gegen zusätzliche Seerunden hat ein vernünftig denkender Entlebucher grundsätzlich wenig einzuwenden. Außerdem muss schließlich überprüft werden, ob seit dem Nachmittag neue Entwicklungen eingetreten sind. Menschen nennen das „noch kurz raus“. Ich nenne das verantwortungsvolle Revierkontrolle.
Auf dem Rückweg gingen wir noch zum Hotelstrand. Da konnte ich bisher nicht hin, weil tagsüber immer Leute dort waren. Menschen sitzen dort offenbar dicht an dicht herum und nennen das Erholung. Gestern Abend war er leer. Ich konnte es kaum glauben.
Sandstrand.
Sandstrand ist wie Schnee. Nur warm, deutlich trockener und weniger nass. Und offenbar mit denselben physikalischen Eigenschaften: Man muss sofort losrennen. Ich raste los und führte über mehrere Minuten hinweg umfangreiche Untersuchungen zur Belastbarkeit, Spurtreue und allgemeinen Eignung des Untergrunds durch. Ich lief hin und zurück, zog Bögen, machte Vollbremsungen, wechselte spontan die Richtung und hinterließ insgesamt eine Menge sehr sinnvoller Spuren.
Als wir fertig waren, hätte eine Rotte Wildschweine vermutlich kein anderes Bild hinterlassen. Frauchen lachte. Der alte Mann beobachtete das Gelände mit diesem typischen Menschenblick irgendwo zwischen Belustigung und leiser Sorge um öffentliche Ordnung. Ich dagegen war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Der Strand war jetzt eindeutig benutzt und damit deutlich gemütlicher als vorher.
Nach dem Schlafen ging es gleich noch einmal an den See. Frauchen glaubte wohl, noch nicht genug gesehen zu haben.
Ich verstehe Menschen manchmal nicht. Der See war am Abend schon da gewesen. Er hatte sich über Nacht nicht nennenswert bewegt und ich hatte ihn gründlich kontrolliert. Aus Entlebucher-Sicht bestand also kein akuter Handlungsbedarf.
Menschen sehen das offenbar anders. Also gingen wir noch einmal hin. Zur Sicherheit überprüfte ich alles erneut. Wasser weiterhin vorhanden. Ufer ebenfalls. Enten unkooperativ. Keine auffälligen Veränderungen.
Frauchen wirkte trotzdem zufrieden. Vielleicht schauen Menschen nicht deshalb so oft an den See, weil er sich verändert. Vielleicht schauen sie so oft hin, weil sie hoffen, dass sie sich selbst ein bisschen verändern. Oder sie haben einfach vergessen, dass sie gestern schon da waren. Beides erscheint möglich.
Es gab noch einmal Frühstück für alle und danach begann der alte Mann, unsere Sachen wieder ins Auto zu schaffen. Nicht die Höhle. Nur unsere Sachen. Taschen, Jacken, Wassersachen und dieses gesamte Menscheninventar, das sich innerhalb weniger Tage erstaunlich gleichmäßig über jede verfügbare Fläche verteilt.
Ich beobachtete die Lage aufmerksam. Menschen tun bei solchen Aktionen immer so, als wäre das völlig normal. Als würden Gegenstände morgens plötzlich beschließen, wieder ins Auto umzuziehen. Frauchen wirkte ruhig. Der alte Mann arbeitete konzentriert.
Mir wurde langsam klar, was hier passiert. Die Ersatzhöhle am See wurde aufgegeben. Ich akzeptierte die Entscheidung mit Würde und begann innerlich trotzdem schon, die wichtigsten Gerüche noch einmal abzuspeichern.
Die Fahrt verlief ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Ich lag auf meinem Platz und beobachtete die vorbeiziehende Welt mit professioneller Gelassenheit. Frauchen sah zwischendurch aus dem Fenster und der alte Mann fuhr. Menschen wirken bei Rückfahrten oft etwas ruhiger als bei Hinfahrten. Wahrscheinlich rechnen sie innerlich nach, wie lange sie jetzt wieder keine Seeblicke mehr bekommen.
Ich dagegen hatte meine Arbeit erledigt. Der See war kontrolliert, der Sandstrand getestet, die Morgenrunden absolviert und es gab keine offenen Punkte mehr. Irgendwann wurden die Straßen vertrauter und ich wusste: Wir fahren zurück in die richtige Höhle.
Auch schön.
Vor allem, weil dort mein Bett liegt, meine Gerüche sind und Menschen nach Reisen meistens für ein bis zwei Tage auffällig dankbar für ganz normale Dinge werden. Zuhause musste Daniel ordnungsgemäß auf Entlebucher Art begrüßt werden. Er hatte sich in der Zwischenzeit um die Katzen gekümmert und das muss man anerkennen. Natürlich nicht übertrieben. Man will keine falschen Erwartungen erzeugen. Aber eine kontrollierte Begrüßung mit ausreichender Nähe, kurzer Inspektion und dem deutlichen Signal „du wurdest registriert und deine Arbeit wurde zur Kenntnis genommen“ gehört sich. Daniel roch nach Zuhause. Und nach Katzen.
Die Katzen selbst wirkten erwartungsgemäß so, als hätten sie alles allein organisiert und Menschen wären höchstens unterstützendes Personal gewesen. Damit war das Revier wieder vollständig.
Nach dem Mittagessen verabschiedete sich Daniel wieder. Das war zu erwarten. Menschen haben außerhalb des Rudels manchmal eigene Aufgaben. Ich halte das nicht immer für sinnvoll, akzeptiere es aber als Teil ihrer Lebensweise. Ich ging deshalb davon aus, dass jetzt wieder Normalbetrieb eintritt.
Immerhin hatte ich die letzte Woche intensiv daran gearbeitet, das Prinzip „Das Rudel bleibt zusammen“ zu festigen. Gemeinsame Morgenrunden, gemeinsame Seerunden, gemeinsame Höhlennutzung und gemeinsame Lagebesprechungen. Aus meiner Sicht waren die Lernerfolge eindeutig.
Umso größer war mein Erstaunen, als die beiden sich am Abend plötzlich wieder fertig machten. Diesmal ohne mich. Ich beobachtete die Situation zunächst sachlich, aber irgendwann wurde klar, dass sie wirklich allein weg wollten.
Wegen Tanzen.
Menschen verlassen also ihr vollständiges Rudel, ziehen andere Kleidung an und fahren irgendwo hin, um sich zu Musik absichtlich unkoordiniert im Kreis zu bewegen. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich die gesamte letzte Woche konsequent das Gegenteil vermittelt habe.
Rudel bleibt zusammen.
Offenbar war die Lernkurve auf Menschenseite begrenzt.
Was man dem alten Mann allerdings zugutehalten muss: Anschließend läuft er mit mir immer noch eine ordentliche Runde. Sommer wie Winter. Das rechne ich an. So konnte ich wenigstens noch das Revier überprüfen.
Es gab durchaus Entwicklungen. Einige Wiesen sind inzwischen gemäht worden. Das verändert Gerüche, Sichtachsen und die allgemeine Lage erheblich. Solche Eingriffe sollte man nicht unkontrolliert lassen.
Außerdem scheinen die Rehe Eheprobleme zu haben. Zumindest waren sie getrennt unterwegs und standen auf unterschiedlichen Feldern. Ich habe keine Details erfragt. Das gehört sich nicht. Aber aus Erfahrung weiß ich: Wenn man normalerweise zusammen herumsteht und plötzlich jeder allein irgendwo in die Gegend schaut, dann ist meistens irgendetwas.
Trotz Tanzeinlage ein guter Tag für einen Entlebucher.
Eure Eira
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