Wir standen früh auf. Der alte Mann kam nach seinem Kaffee erstaunlich schnell in Gang. Das ist nicht selbstverständlich. Normalerweise braucht er morgens etwas Anlaufzeit, ein paar Schritte, vielleicht noch einen zweiten Blick aus dem Fenster. Heute nicht. Kaffee rein, Jacke an, los.
Wir brachen zur Morgenrunde auf und ich hatte das Gefühl, er ließ mich extra viel rennen. Nicht dieses „geh mal vor und komm wieder zurück“, sondern richtig. Tempo. Wege nehmen. Vorlaufen. Wieder zurückschauen. Noch eine Schleife. Ich weiß nicht, ob er besonders motiviert war oder ob er einfach dachte, dass ich Bewegung brauche. Menschen haben manchmal solche Ideen.
Mir war es recht.
Die Luft war gut, die Welt noch ruhig und ich konnte ordentlich Strecke machen. Der alte Mann lief hinterher und ich achtete darauf, ihn nicht komplett zu verlieren. Man muss Menschen im Auge behalten. Sie finden alleine oft nicht zuverlässig nach Hause. Als wir zurückkamen, war ich zufrieden. Und der alte Mann irgendwie auch.
Dann fing der alte Mann an, die Koffer und Taschen ins Auto zu verstauen. Ich hatte sie seit gestern Abend im Auge behalten. Man weiß ja nie. Menschen stellen selten einfach grundlos Taschen in den Flur. Taschen bedeuten meistens Bewegung. Besuch. Abenteuer. Oder schlimmer: Sie fahren weg und behaupten später, das wäre „nur kurz“.
Also beobachtete ich das Ganze aufmerksam.
Der alte Mann trug Tasche für Tasche zum Auto. Ich begleitete die Aktion und kontrollierte sorgfältig, ob versehentlich etwas Wichtiges vergessen wurde. Meiner Einschätzung nach wurde nichts vergessen. Ich selbst wurde ebenfalls nicht zurückgelassen. Damit war klar: Das hier war keine normale Morgenrunde mit anschließendem Alltag.
Hier passierte etwas.
Dann waren wir auf dem Weg. Wir fuhren und fuhren. Ich hatte mich eingerichtet und war bereit für Reisebetrieb. Menschen vorne, ich hinten, alles normal.
Und dann sagte Frauchen: „Ich habe meinen Geldbeutel vergessen.“
Ihr habt es bemerkt: nicht der alte Mann. Nicht der Mensch, dessen Reisevorbereitung oft aus „ich schau noch mal kurz rum und pack irgendwas ein, wird schon passen“ besteht.
Nein. Frauchen bemerkte es. Es folgte diese besondere Menschenstille. Alle wussten gleichzeitig, dass das ein Problem ist, aber niemand wirkte besonders aufgeregt.
Der alte Mann drehte einfach um und wir fuhren zurück. Sie waren erstaunlich entspannt dabei. Also vermutlich mussten wir nicht besonders weit. Sonst hätten Menschen mehr Geräusche gemacht.
Gegen Mittag machten wir Pause an der Donau. Wir stiegen aus, vertraten uns die Beine und gingen zum Essen in ein Lokal. Ich glaub wir waren schon mal hier. Die Menschen setzten sich hin und beschäftigten sich mit Speisekarte, Getränken und solchen Dingen.
Ich übernahm die wichtigen Aufgaben. Ich achtete darauf, dass keiner stört. Ich beobachtete die Umgebung, kontrollierte vorbeilaufende Menschen, behielt andere Hunde im Blick und stellte sicher, dass niemand auf die Idee kam, sich ungefragt zu unserer Gruppe zu gesellen.
Die Menschen bemerkten davon wie üblich nur wenig und hielten sich für diejenigen, die den Ausflug organisieren. Nur als ich mal kurz laut werden musste war klar wer hier aufpasst.
Dann ging die Fahrt weiter, bis wir am großen See ankamen. Ich hatte unterwegs immer wieder aus dem Fenster geschaut und versucht herauszufinden, wohin wir eigentlich unterwegs waren. Viel Wasser war noch nicht zu sehen, aber Menschen fahren oft sehr lange, bevor etwas Interessantes passiert.
Dann waren wir da. Die Menschen luden die Taschen aus, gingen hinein und bezogen die Ersatzhöhle. Ich kontrollierte alles gründlich. Räume. Wege. Liegeplätze. Fenster. Gerüche. Man weiß nie, wer vorher dort gewohnt hat und welche Regeln dort gelten. Als die Kontrolle abgeschlossen war, entspannte ich wieder.
Ersatzhöhlen sind in Ordnung, solange mein Rudel vollständig ist und klar ist, wo ich hingehöre. Dann kann man sich hinlegen und so tun, als hätte man von Anfang an gewusst, dass das alles ein guter Plan war.
Wir machten dann noch einen Ausflug zum See. Endlich wieder Bewegung. Ich hatte für meinen Geschmack heute eindeutig zu viel sitzen müssen. Menschen nennen das Reisen. Ich nenne das: stundenlang stillhalten und dabei so tun, als wäre das ein vernünftiger Tagesablauf.
Am See konnte ich mich wieder etwas sortieren. Natürlich testete ich zuerst die Wasserqualität. Gründlich. Man kann Menschen nicht einfach glauben, wenn sie sagen „das Wasser sieht gut aus“. Das muss überprüft werden.
Das Ergebnis: akzeptabel.
Ich lief ein Stück, schaute mich um, nahm die neuen Gerüche auf und dachte erst, ich hätte eigentlich noch Energie. Aber da ich die Fahrt natürlich auch überwacht hatte, merkte ich irgendwann, dass ich doch recht müde war. Menschen unterschätzen oft, wie anstrengend Reisen ist. Man schläft nicht richtig, man muss regelmäßig kontrollieren, ob noch alle da sind, ob die Richtung stimmt und ob irgendwo spontan angehalten wird.
Als wir zurück zur Ersatzhöhle gingen, fühlte sich Hinlegen plötzlich nach einer sehr guten Idee an.
Menschen nennen das Urlaub. Für Entlebucher ist es etwas anderes: Das Rudel verlässt sein Revier, prüft ein neues und kehrt abends trotzdem gemeinsam zur Ruhe zurück. Solange das funktioniert, ist eigentlich alles in Ordnung.
Eure Eira
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