Dienstag, 09. Juni 2026 – Heute war ein Regentag am See. Die Menschen meinten, nach den langen Touren der letzten Tage sei ein ruhiger Tag angesagt. Ich habe darüber nachgedacht. Einerseits: vernünftig. Auch Entlebucher wissen, dass man nicht jeden Tag Vollgas geben muss. Muskeln wachsen nicht vom Rennen allein, sondern auch vom strategischen Herumliegen. Andererseits: Ein ruhiger Tag ist ein Menschenbegriff. Für Menschen bedeutet das meistens sitzen, schauen und erstaunlich oft essen.

Wir machten also weniger Strecke als sonst. Statt großer Expedition gab es kurze Kontrollgänge zwischen den Regenschauern. Auf der Morgenrunde kamen wir wieder an der Kneippanlage vorbei. Heute war sie allerdings wieder leer. Damit bleibt die Lage unklar. Bisher konnte ich weder beobachten, dass Menschen freiwillig in kaltes Wasser steigen, noch ob dabei tatsächlich etwas Sinnvolles passiert. Ohne Testpersonen ist eine abschließende Bewertung wissenschaftlich nicht möglich.

Der alte Mann meinte, bei besserem Wetter seien dort wieder Menschen unterwegs. Ich bleibe skeptisch. Bis belastbare Daten vorliegen, wird die Kneippanlage als „interessante, aber noch nicht ausreichend untersuchte Menschenaktivität“ eingestuft.

Am Ufer gab es Suchspiele. Der alte Mann behauptet immer, er würde den Ball verstecken. Ich lasse ihn in diesem Glauben. Er geht dann mit diesem konzentrierten Menschengesicht los, dreht sich weg, steckt den Ball irgendwo ins Gras oder zwischen Steine und kommt zurück mit der Ausstrahlung von jemandem, der gerade ein besonders schwieriges Rätsel gebaut hat.

Dann kommt mein Einsatz. Ich laufe hin, prüfe einmal die Luft, einmal den Boden und gehe direkt zum Ball. Jedes Mal. Der alte Mann nennt das „gut gesucht“. Ich würde es eher „offensichtliche Position erkannt“ nennen. Einmal hat er sogar versucht, mich mit einem Fake zu täuschen. Er tat so, als würde er den Ball an einer Stelle verstecken, lief dann weiter und legte ihn woanders hin. Menschen unterschätzen wirklich regelmäßig, wie Nasen funktionieren.

Danach habe ich den Ball selbstverständlich sofort gefunden und ihm gezeigt, dass seine Tarntechniken noch Entwicklungspotenzial haben. Ich denke, der alte Mann hatte trotzdem seinen Spaß.

Später im Wald gab es dann eine unerwartete Entwicklung. Den Retriever von gestern trafen wir wieder. Gestern lief er an der Leine und sein Mensch schien nicht überzeugt davon, dass Begegnungen mit fremden Entlebuchern zum Tagesprogramm gehören sollten. Also blieb nur das übliche Ritual: kurzes Anschauen, höfliches Zunicken über den Weg, weitergehen.

Heute war die Lage anders. Wir standen hinter einer Kurve, als plötzlich der Retriever auftauchte. Ohne Leine. Der Mensch noch irgendwo dahinter. Der Retriever kam locker angelaufen und man merkte sofort: Der versteht das Prinzip.

Keine große Rede. Kein peinliches Menschenmoderieren. Kein „vorsichtig“ oder „langsam“. Einfach ein Hund, der angekommen ist und gefragt hat: Spiel? Ich habe die Anfrage geprüft und als zulässig eingestuft. Dann wurde kurz gerannt, gebremst, wieder angesetzt, Haken geschlagen und die üblichen wichtigen Dinge erledigt, die Hunde ohne weitere Erklärung verstehen.

Der alte Mann beobachtete zufrieden und sagte irgendwas über „das passt doch“. Natürlich passt das. Nur einmal hat der Retriever unfair gespielt. Mitten im Rennen bog er plötzlich ab und lief ins Wasser.

Ins Wasser.

Ich blieb am Ufer stehen und bewertete die Situation. Das ist nämlich keine normale Spieltaktik. Das ist Geländewechsel während der laufenden Partie. Ohne Absprache. Er stand dann da drin mit diesem typischen Retrieverblick, als hätte er gerade die größte Idee der Welt gehabt.

Ich habe ihn angeschaut. Er hat mich angeschaut. Ich glaube, er wollte, dass ich hinterherkomme. Aber nur weil jemand gern schwimmt, muss das nicht automatisch ein allgemeingültiges Konzept sein. Ich habe ihm deshalb großzügig erlaubt, seinen Wassersieg allein zu feiern.

Danach gingen wir noch ein Stück durch den Wald. Dort gab es weitere Suchspiele. Der alte Mann hatte offenbar beschlossen, seine Verstecktechniken mit Leckerlis auf ein neues Niveau zu heben. Diesmal mit mehr Wald, mehr Bäumen und deutlich mehr Selbstvertrauen.

Ich beobachtete die Vorbereitungen aufmerksam. Er verschwand kurz zwischen den Stämmen, lief kleine Umwege, blieb demonstrativ stehen, ging weiter, drehte noch eine Extra-Runde und kam schließlich zurück mit diesem Blick, den Menschen haben, wenn sie glauben, jetzt wäre es wirklich schwierig geworden.

Dann durfte ich suchen. Ich prüfte einmal die Luft und lief los. Die Leckerlis lagen ungefähr dort, wo ein vernünftiger Hund sie nach all dem Schauspiel erwarten würde.

Der alte Mann brauchte deutlich länger als ich. Nicht beim Verstecken. Beim Wiederfinden seiner eigenen Strategie. Zwischendurch sah er sich mehrfach um, als würde er selbst nicht mehr genau wissen, wo er gewesen war.

Ich habe die Leckerlis selbstverständlich sofort gefunden und ihm gezeigt. Er wirkte überrascht. Ich nicht. Menschen verlassen sich erstaunlich oft auf Augen. Entlebucher benutzen dafür die eingebaute Version.

Anschließend folgte die eigentliche Hauptaktivität des Tages: das große Schlafen. Nach den letzten Tagen mit langen Touren erklärten die Menschen, Erholung sei wichtig. Diesen wissenschaftlichen Ansatz unterstützte ich ausdrücklich. Wir zogen uns in die Höhle zurück und führten mehrere längere Ruhephasen durch. Ich übernahm dabei die Aufsicht und achtete darauf, dass niemand versehentlich zu aktiv wurde. Ruhige Tage sind schließlich nur dann sinnvoll, wenn alle mitmachen.

Unterbrochen wurde das Programm nur durch einen wichtigen Außentermin. Mittagessen im Restaurant.

Ich begleitete das Rudel selbstverständlich und bezog meinen Platz unter dem Tisch. Dort befand sich bereits ein anderer Hund. Ich habe ihm kurz und höflich mitgeteilt, dass ab jetzt ich für die Sicherheit unseres Tisches zuständig bin und keine weiteren Maßnahmen erforderlich sind.

Er hat die Information akzeptiert. Danach bin ich in die ruhende Überwachung übergegangen. Das bedeutet: Augen meistens zu, Ohren betriebsbereit, Geruchskontrolle aktiv und sofortige Einsatzfähigkeit bei herunterfallendem Essen. Die Menschen aßen erstaunlich lange und wirkten dabei sehr zufrieden mit sich. Ich hielt die Stellung und sorgte dafür, dass niemand unbemerkt an unseren Tisch gelangte.

Danach kehrten wir zur geplanten Regeneration zurück.

Am Abend war keine große Unternehmung mehr vorgesehen. Nur noch ein Gang zum Anleger. Hundedinge erledigen. Lage prüfen. Gerüche einsammeln. Kontrollieren, ob der See noch da ist. Er war noch da.

Eigentlich ein ruhiger Abschluss des Tages. Dann gingen wir am Eisstand vorbei.

Zu.

Die Stimmung im Rudel veränderte sich spürbar. Der alte Mann blieb stehen und las Frauchen das Schild vor:

„Geöffnet täglich von 12.00 bis 20.00 Uhr. Witterungsbedingt können die Öffnungszeiten schwanken.“

Ich verstand nicht alles. Aber ich verstand genug. Der alte Mann klang nicht wie jemand, der gerade eine gute Nachricht vorgelesen hatte. Außerdem war noch hell. Es waren Menschen unterwegs. Und niemand hatte sich so verhalten, als wäre Eiszeit vorbei.

Der alte Mann wirkte zunehmend unzufrieden. Menschen haben erstaunlich starke Gefühle zu gefrorener Milch. Ich setzte mich daneben und beobachtete die Lage. Wenn Menschen anfangen, Schilder zu diskutieren, sagt man als Hund besser nichts und wartet ab. Es wurde kurz besprochen, ob das Wetter wirklich schlimm genug gewesen sei, um kein Eis mehr zu machen.

Am Ende gingen wir ohne Eis weiter. Ich möchte nicht dramatisch wirken. Aber ich glaube, niemand hatte sich den Abend so vorgestellt.

Am Ende war es trotzdem kein verlorener Tag. Nur einer von diesen Tagen, an denen das Rudel langsam macht, die Welt etwas leiser wird und selbst ein Entlebucher akzeptiert, dass Erholung manchmal Teil der Aufgabe ist.

Morgen kann man dann wieder vernünftig unterwegs sein.

Insgesamt ein guter Tage für einen Entlebucher.

Eure Eira


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