Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 17. September 2026. Der alte Mann wurde heute kurz vor dem Wecker wach. Das hatte den Vorteil, dass wir uns leise aus dem Bett schleichen konnten und Frauchen nach der Untersuchung gestern noch etwas länger schlafen durfte. Nachdem der alte Mann seine Lebensgeister mit seinem Kaffee auf dem Sofa geweckt hatte, machten wir uns auf die Morgenrunde.
Draußen war es noch ruhig, nur hier und da lag ein frischer Geruch in der Luft, der gestern noch nicht da gewesen war. Ich kümmerte mich um die Revierkontrolle und nahm mir Zeit für die verschiedenen Spuren, die sich auf unserem Weg fanden. So kamen wir bis zum Brombeerwäldchen.
Dort bekam ich plötzlich den Hochgeruch unserer Nachbarin in die Nase. Da gab es für mich nichts zu überlegen. Wenn unsere Nachbarin hier unterwegs gewesen war, musste ich natürlich sofort überprüfen, wohin sie verschwunden war. Ich wollte losrennen und die Kontrolle übernehmen. Der alte Mann pfiff mich zurück und damit war die Sonderkontrolle erledigt, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Ich musste den normalen Weg nehmen.
Nicht einmal eine Meldung durfte ich machen. Der alte Mann unterhielt sich einfach kurz mit unserer Nachbarin und dann lief sie in Richtung Stadt weiter, während wir unseren Weg auf die Felder nahmen.
Dort hatte ich dann offenbar das Bedürfnis, mein eigenes Trainingsprogramm aufzulegen. Es bestand heute aus vielen sehr schnellen, dafür aber kurzen Sprints. Zuerst nach vorne, am alten Mann vorbei, dann wieder zurück und so dicht an ihm vorbei, dass er zumindest den Luftzug meiner Geschwindigkeit spüren konnte. Danach weiter nach hinten, wenden und das Ganze in die andere Richtung. Das schien heute mein bevorzugtes Trainingsprogramm zu sein und ich wiederholte es entsprechend oft. Fremde Hunde brauchte ich dafür jedenfalls nicht, denn so hing mir schon bald die Zunge aus dem Hals.
Auf dem Rückweg sahen wir dann, dass die Collies offenbar erst vor kurzem zu ihrer Feldrunde aufgebrochen waren. Mit einem ordentlichen Spurt hätte ich sie sicher noch einholen können. Der alte Mann hatte andere Pläne. Er wollte ins Büro. Aus der Verfolgung der Collies wurde deshalb nichts und wir machten uns auf den Heimweg.
Den Rest des Tages passte ich auf Frauchen auf. Zwischendurch sah sie zwar noch ein bisschen schwankend aus, aber beim Essen war davon nichts zu merken, denn da konnte sie immer noch für zwei essen. Da musste ich ein besonders wachsames Auge darauf haben, dass bei all dem Essen meine wichtige Aufgabe als Vorkoster nicht zu kurz kam.
Nach einer ausgiebigen Mittagsruhe kam der alte Mann wieder nach Hause. Frauchen gibt am Wochenende ihre Yogastunde, danach muss der alte Mann wohl nicht mehr ganz so oft als „Schüler“ herhalten. Für ihre Stunde möchte sie ein bisschen Dekoration mitnehmen und hatte an einen Ast und einen großen, flachen Kiesel gedacht. Dem alten Mann fielen dazu sofort die Sieben Eichen ein. Er meinte, im Bannwald und im trockenen Bachlauf müsste sich eigentlich alles finden lassen, was Frauchen suchte. Unsere Nachmittagsrunde ging deshalb zu den Sieben Eichen.
Es zeigte sich, dass es gar nicht so einfach war, den passenden Ast zu finden. Im Bannwald liegen zwar unendlich viele Äste und Wurzeln herum, aber die einen waren zu groß, die nächsten zu alt und wieder andere viel zu schwer. Ich hatte bis dahin schon fünf für mich gefunden, aber irgendwie hatte Frauchen andere Vorstellungen. Irgendwann war dann tatsächlich einer dabei, der ihren Ansprüchen genügte.
Dann kamen die Steine. Im Bach lagen reichlich davon, nur waren die meisten irgendwie „falsch“. Zu kantig, erklärte der alte Mann. Irgendwann musste er zugeben, dass es direkt an der Quelle wohl kaum runde Steine geben würde. Wir folgten dem Bachlauf ein Stück weiter.
Und was soll ich sagen: Nach einer Weile fanden wir tatsächlich etwas Interessantes. Zwar keinen Stein, aber dafür Wasser, das plötzlich wieder aus dem Boden kam. Langsam kommt das Wasser zurück. Das war für mich ohnehin viel interessanter als die Suche nach einem geeigneten Kiesel.
Dass Frauchen später tatsächlich noch einen passenden Stein gefunden hat, war mir dann nicht mehr so wichtig. Der Ast, ja, der hatte schließlich einen Zweck. Der Stein blieb trotzdem bei Frauchen.
Als wir am Abend dann alle zusammen auf dem Sofa lagen, hatte jeder bekommen, was er wollte. Frauchen hatte ihren Stein und ihren Ast, ich hatte mein Wasser im Bach und der alte Mann hatte uns beide neben sich auf dem Sofa, sodass er uns ausgiebig kraulen konnte.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch, eure Eira.
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