Entlebucher Tagebuch – 27. Oktober 2026. Beim Aufstehen zeigte sich, dass die Menschen noch immer aus dem Takt sind. Wenn das so weitergeht, wird sich meine innere Uhr irgendwann wohl anpassen. Dabei hat sie bisher zuverlässig funktioniert. Heute verschwand Frauchen schon früh aus dem Haus und fuhr ins Büro. Der alte Mann sah gar nicht besonders verschlafen aus, denn Frauchen war zu seiner üblichen Bürozeit aufgebrochen. Sie behauptete zwar, es sei ihre Bürozeit gewesen, aber offenbar sind sich die beiden inzwischen nicht einmal mehr darüber einig, wem welche Uhrzeit gehört.
Später packte sich der alte Mann ordentlich ein. Dicke Jacke, Mütze, alles dabei. Ich rechnete mit einer ausgedehnten Revierrunde, aber wir waren überraschend schnell wieder zu Hause. Unterwegs gab es wenig zu berichten. Die üblichen Stellen wurden kontrolliert, an manchen musste ich etwas länger schnüffeln, aber besondere Vorkommnisse blieben aus. Auffällig war nur, dass seit gestern Morgen keine Kinder mehr auf den Straßen unterwegs waren. Sonst begegnen sie uns regelmäßig, manchmal einzeln, manchmal in ganzen Gruppen. Wo sie plötzlich alle geblieben sind, weiß ich nicht. Der alte Mann schien sich darüber keine Gedanken zu machen.
Ihn zog es zurück vor seine leuchtenden Vierecke. Dort saß er und redete mit sich selbst. Jedenfalls konnte ich niemanden entdecken, mit dem er sich unterhielt. Ein Fremder war nicht ins Haus gekommen, das hätte ich bemerkt. Ich behielt die Sache vorsichtshalber im Auge. Bei der Essensausgabe blieb der alte Mann bei seiner neuen Zeitrechnung. Mein Futter kam wieder später als gewohnt, und er behauptete, das sei so in Ordnung. Meine Einwände hatten keinen Einfluss auf den weiteren Ablauf.
Am Nachmittag kam Frauchen nach Hause und machte mit mir eine ordentliche Feldrunde. Endlich gab es wieder genug Platz für richtige Entlebucher-Kreise. Ich konnte weit laufen, große Bögen ziehen und zwischendurch nachsehen, wo Frauchen geblieben war. Sie beschwerte sich zwar, dass ich mich viel zu weit entfernen würde, aber solange wir uns gegenseitig sehen können, verstehe ich das Problem nicht. Frauchen erklärte, man könne dort oben fünfhundert Meter weit schauen, und das sei nun wirklich kein Maßstab.
Wir waren trotzdem eine ganze Weile unterwegs und kamen zufrieden wieder im Städtchen an. Am Tränkebrunnen gab es dann noch eine kleine Meinungsverschiedenheit. Jemand hatte Kartoffelchips auf den Boden geworfen. So etwas lässt man doch nicht einfach liegen, also machte ich mich gleich ans Aufräumen. Frauchen war anderer Meinung. Von der Straße werde nichts gefressen, erklärte sie und unterbrach meine Arbeit. Die Chips blieben liegen. Warum man Lebensmittel erst wegwirft und dann nicht einmal aufessen darf, habe ich nicht verstanden.
Am Abend streckten wir uns gemütlich auf dem Sofa aus. Niemand hatte es eilig, und niemand wollte noch irgendwohin. Der alte Mann auf seinem Platz, Frauchen daneben und ich mittendrin.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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