Dienstag, 02. Juni 2026 – Bürotag von Frauchen. Das bedeutet: Um 4:55 Uhr macht dieses Menschenkästchen mit den Geräuschen seinen Dienst. Frauchen steht auf, erstaunlich funktionstüchtig für diese Uhrzeit, und beginnt mit dem bekannten Morgensystem aus Licht an, Sachen zusammensuchen, leise sein wollen und dabei trotzdem Geräusche machen. Der alte Mann hingegen verfolgt einen anderen Ansatz. Er schleppt sich grummelnd zur Kaffeemaschine, als würde er persönlich gegen die Existenz von Dienstagen protestieren. Danach zieht er sich aufs Sofa zurück – mit Kaffee in der Hand und diesem Gesichtsausdruck, den Menschen haben, wenn sie zwar wach sind, aber mit der Situation nicht einverstanden. Von dort aus beobachtet er aus sicherer Entfernung den relativ vergnügten Aufbruch von Frauchen.
Nach meinen Beobachtungen gibt es Menschen, die morgens Energie haben. Frauchen gehört offenbar dazu. Sie bewegt sich zielgerichtet durch die Wohnung, als hätte sie einen Plan. Der alte Mann dagegen wirkt eher wie jemand, der darauf hofft, dass sich das Ganze als Missverständnis herausstellt und alle wieder ins Bett gehen. Ich persönlich halte das für eine vernünftige Arbeitsteilung: Einer startet motiviert in den Tag, einer bewacht das Sofa und den Kaffee.
Und ich?
Ich beobachte. Als Entlebucher muss man schließlich den Überblick behalten, wenn das Rudel sich schon vor Sonnenaufgang in Bewegung setzt.
Kurz vor dem Gehen sagt sie noch diesen Satz, den Menschen gern sagen, wenn sie selbst gerade aufbrechen und anderen Aufgaben geben:
„Es ist schon schön draußen, ihr könntet auch gleich los.“
Dann geht die Tür zu. Zurück bleibt ein alter Mann auf dem Sofa, ein Kaffee und ich. Nach meinen Beobachtungen war das keine echte Empfehlung, sondern eher eine Art Auftrag mit freundlicher Verpackung. Frauchen kennt uns schließlich. Wenn sie nichts sagt, besteht die Gefahr, dass der alte Mann den Begriff früher Spaziergang sehr großzügig auslegt und erst noch eine wissenschaftliche Untersuchung zur optimalen Ziehzeit des zweiten Kaffees beginnt.
Der alte Mann nickt jedenfalls in Richtung Tür, nimmt einen Schluck und tut so, als würde er über den Vorschlag nachdenken. Ich kenne dieses Verhalten. Menschen sitzen oft noch eine Weile herum und nennen das „erst richtig wach werden“. Entlebucher kennen das Konzept nicht. Wach ist man, sobald die Augen offen sind und irgendwo draußen Dinge passieren.
Außerdem hatte Frauchen recht. Es sah tatsächlich schon schön draußen aus. Und wenn Frauchen extra sagt, dass wir loskönnten, dann ist das nach Entlebucher Verständnis keine unverbindliche Idee mehr. Das ist fast schon eine Freigabe.
Und so war es auch. Nur einen Moment später geschah etwas Bemerkenswertes: Der alte Mann stand tatsächlich auf. Nicht schnell. Nicht elegant. Aber eindeutig mit Absicht.
Er zog sich an, füllte Wasserflaschen, schnitt Käse klein und holte das besondere Geschirr. Nach meinen Beobachtungen ist das eine interessante Reihenfolge. Menschen ziehen sich zuerst an und kümmern sich dann ums Essen. Entlebucher würden das anders organisieren.
Spätestens beim Käse war jedenfalls klar: Das hier wird kein kurzer „einmal um den Block, damit man es gemacht hat“-Spaziergang. Käse bedeutet Arbeit. Oder Ausbildung. Oder Abenteuer. Manchmal alles gleichzeitig. Und das besondere Geschirr bedeutet ebenfalls etwas. Normales Geschirr ist Alltag. Besonderes Geschirr heißt: Heute hat jemand einen Plan.
Der alte Mann wirkte inzwischen auch deutlich weniger grummelig als noch neben der Kaffeemaschine. Offenbar steigt die Funktionsfähigkeit von Menschen proportional zur Nähe eines Hundeausflugs. Ich beobachtete das Ganze mit professioneller Ruhe.
Innerlich machte ich mir natürlich längst Notizen. Wasser – dabei. Käse – dabei. Besonderes Geschirr – dabei. Nach Entlebucher Maßstäben war die Lage eindeutig:
Wir gingen nicht einfach raus. Wir gingen irgendwohin.
Es sah so aus, als hätte der alte Mann wirklich an alles gedacht. Er schaute sogar noch einmal extra nach, ob der Schlüssel dabei war. Das ist nach meinen Beobachtungen keine Nebensache. Wenn Frauchen unterwegs ist und der Schlüssel fehlt, verändert sich die Stimmung bei Menschen schlagartig. Erst wird jede Tasche dreimal kontrolliert, dann werden Jackentaschen untersucht, dann wird sehr viel gesprochen, obwohl niemand neue Informationen hat. Heute aber: Schlüssel vorhanden.
Der alte Mann wirkte kurz zufrieden mit sich selbst. Und dann ging es los. Erst mit der normalen Leine. Das ist wichtig. Menschen denken manchmal, ein Spaziergang beginnt mit dem Loslaufen. Das stimmt nicht. Ein Spaziergang beginnt mit den offiziellen Morgengeschäften. Also in Ruhe Hundegeschäfte erledigen. Schnüffeln. Zeitung lesen. Schauen, wer unterwegs war, wer zu früh aufgestanden ist, wer wieder zu dicht an den Weg gepinkelt hat und welche Neuigkeiten es im erweiterten Revier gibt. Menschen sehen dabei meistens nur Gras. Entlebucher sehen Informationen.
Der alte Mann ließ mir erfreulicherweise die nötige Zeit. Das gehört sich auch so. Erst wird alles ordentlich geprüft und abgearbeitet. Es wäre unprofessionell, direkt in den Sportmodus zu wechseln. Außerdem muss man morgens nicht nur körperlich ankommen, sondern auch geistig. Und während ich meine Runde gewissenhaft absolvierte, lief der alte Mann schon mit dieser leichten Vorfreude nebenher, die Menschen haben, wenn sie glauben, gleich gemeinsam etwas Sportliches zu machen. Ich ließ ihn in diesem Glauben. Schließlich sollte er motiviert bleiben.
Dann das eigentliche Canicross. Was soll ich sagen. Ich professionell und fast fehlerfrei. Der alte Mann mit Luft nach oben. Am Anfang noch etwas träge. Das übliche Menschenproblem: Beine laufen schon, der Rest hängt gedanklich noch an Kaffeemaschine und Sofa. Nach einer Weile wurde es aber besser. Er fand seinen Rhythmus, lief ordentlich mit und ich hatte den Eindruck, dass wir als Team ganz vernünftig unterwegs waren. Gut – es gab zwei Fuchsspuren.
Aber ich möchte festhalten: Ich blieb professionell. Kurze Kontrolle der Lage, sachliche Einordnung, weiter. Niemand kann erwarten, dass ein Entlebucher solche Informationen einfach ignoriert.
Und dann kam am Ende des Laufes der Skandal. Wir waren fertig.
Ich hatte gearbeitet. Der alte Mann hatte sich erstaunlich ordentlich gehalten. Und wie es sich gehört, erwartete ich die geordnete Auszahlung.
Der alte Mann griff in die Tasche. Andere Tasche. Noch mal. Rucksack. Seitentasche.
Längere Pause.
Dann dieser Blick. Nach meinen Beobachtungen haben Menschen genau einen Gesichtsausdruck für Situationen wie: Schlüssel vergessen, Geldbeutel vergessen oder Käse vergessen. Und genau diesen Blick hatte er. Der bei der Vorbereitung sorgfältig von mir überwachte Käse …… war zu Hause.
Nicht vergessen zu schneiden. Nicht vergessen bereitzulegen.
Vergessen mitzunehmen.
Ich wiederhole:
Er hatte Wasser dabei. Geschirr dabei. Schlüssel dabei. Aber keinen Käse.
Der alte Mann erklärte etwas von „4:55 Uhr“, „zu früh“ und „ich dachte, ich hätte alles“. Ich blieb äußerlich gefasst. Aber natürlich wirft das Fragen auf. Wenn ein Mensch sogar den Schlüssel doppelt kontrolliert und dabei den Käse vergisst.
Ich blieb auf dem Heimweg professionell, wie von einem Entlebucher zu erwarten. Keine Beschwerden. Kein demonstratives Langsamerwerden. Keine Diskussion. Nicht einmal das freche Eichhörnchen bekam etwas von dem Vorfall mit. Ich hielt die Fassung.
Zu Hause allerdings pochte ich auf Vertragserfüllung. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber eindeutig. Der alte Mann stellte seine Sachen ab. Ich setzte mich in Sichtweite. Schaute ihn an. Dann in Richtung Küche. Dann wieder ihn. Menschen verstehen solche Signale erstaunlich gut, wenn Käse im Spiel ist. Der alte Mann nickte langsam.
Die verspätete Auszahlung wurde unverzüglich nachgeholt. Damit war die Angelegenheit erledigt. Canicross erfolgreich.
Menschliche Logistik mit Verbesserungspotenzial.
Und ich habe gelernt: Künftig reicht Schlüsselkontrolle allein nicht aus. Es braucht zusätzlich eine Käsefreigabe vor Abmarsch.
Dann begann einer dieser Tage an denen sich der alte Mann merkwürdig benimmt.
Er saß vor den rechteckigen Lichtdingern, hatte sich was auf die Ohren gesetzt und redete stundenlang mit sich selbst. Mal interessiert, dann wieder leicht genervt. Mit der Zeit mehr genervt, er sollte das lassen.
Objektive Beurteilung seines Sicherheitsberaters.
Dann zog der Regen auf, nicht so ein guckt mal ich mach die Straße nass Regen. Nein so ein, wenn ich fertig bin ist die Straße sauber Regen.
Ich meine ja, es gibt kein schlechtes Wetter, aber die Laune des alten Mannes wurde dadurch nicht besser.
Trotzdem reagierte er ordnungsgemäß auf meinen Hinweis, dass die Schweizer Atomuhr in mir sagt, es ist zeit aufzustehen und rauszugehen. Allerdings mit grummeln. Und der Himmel lies sich anstecken. Mal brummte der Mann was von bei dem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür. Dann stimmte der Himmel mit Paukenschlägen zu.
Mit zwei so schlecht Gelaunten im Freien fühlte ich mich dann auch nicht mehr wohl und wir beendeten die Runde sang und klanglos.
Für einen Entlebucher ein diskussionswürdiger Tag.
Eure Eira
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