Nachdem der alte Mann mit Kaffee seine Lebensgeister geweckt hatte, brachen wir zur Morgenrunde auf. Ich beobachte dieses Ritual inzwischen mit einer gewissen wissenschaftlichen Neugier. Menschen stehen auf, wirken zunächst nur eingeschränkt betriebsbereit, setzen sich mit einer heißen Tasse irgendwo hin und starren hinein, als würden darin Antworten erscheinen. Danach funktioniert plötzlich wieder alles. Erstaunlich ineffizient – aber solange es hilft.
Wir liefen los und verließen das Städtle. Unterwegs erledigte ich an der Box noch wichtige Geschäfte. Menschen tun immer so, als wäre das eine Nebensache. Ist es nicht. Das gehört zur Morgenroutine und wird offensichtlich erwartet. Es gibt sogar diesen besonderen Blick, den Menschen bekommen, wenn man nach kurzem Überlegen genau dort anhält, wo sie es praktisch finden. Als hätte ich das nicht längst durchschaut.
Kaum waren wir am letzten Haus vorbei, blieb der alte Mann stehen und machte die Leine ab. Er behauptet, es gäbe eine Regel, dass ich in der Stadt an der Leine laufen müsse.
Ich habe diese Regel nie gelesen.
Aber ich kenne Menschen. Menschen haben für alles Regeln. Für Autos. Für Wege. Für Müll. Für andere Menschen. Und offenbar auch für die Frage, ob ein Entlebucher seine eigene Navigation benutzen darf. Der alte Mann sagt, die Regel sei nicht gegen mich. Sondern dafür, dass niemand überrascht wird und alle entspannt bleiben. Das klingt nach einer sehr menschlichen Erklärung für „ich möchte nicht diskutieren“.
Außerdem weiß ich natürlich: Freiheit draußen funktioniert nur, wenn man vorher gezeigt hat, dass man sie vernünftig benutzt.
Dann kamen die gemähten Wiesen. Etwas änderte sich, ich änderte mich. Der alte Mann blieb nicht stehen. Das macht einen Unterschied. Er ging einfach langsam weiter, den Weg entlang, ruhig, ohne große Ansagen. Und plötzlich hatte ich Platz. Nicht dieses „geh spielen, ich warte hier“, das sich immer ein bisschen nach Freigang unter Aufsicht anfühlt. Nein. Er ging weiter.
Also lief ich. Große Kreise. Sehr große Kreise. Weit voraus, ein Bogen nach links, quer über die gemähte Fläche, Wind in der Nase, Überblick, Kontrolle … dann wieder zurück hinter ihn, einmal prüfen, ob der alte Mann noch da ist – war er – und sofort wieder raus in den nächsten Kreis. Für Menschen sieht das vielleicht aus wie planloses Rennen.
Aber Entlebucher wissen: Das ist kein Weglaufen. Das ist Radius. Man bleibt zusammen. Nur nicht auf derselben Spur. Der alte Mann wurde zum Mittelpunkt und ich zog meine Bahnen darum. Mal näher. Mal weiter. Immer in Bewegung. Immer mit einem Auge auf ihn.
Irgendwann wurden die Kreise kleiner und wir kamen auf einen Weg zwischen Getreidefeldern. Und da passierte etwas. Ich habe nur einmal gezuckt. Ganz wenig. Nicht richtig. Nur so seitwärts. Ein kurzer Blick. Eher ein Interesse. Eine kleine fachliche Einschätzung der Lage. Im Getreide war wahrscheinlich nichts. Aber man kann das ja nicht wissen.
Der alte Mann bemerkte diesen Blick sofort. Noch bevor ich den Weg verlassen hatte, kam die Korrektur. Nicht groß. Nicht laut. Einfach dieses menschliche: „Nein.“
Und ich dachte darüber nach. Sehr kurz. Dann lief ich weiter. Professionell. Vorbildlich. Geradeaus. Kein weiterer Blick ins Getreide. Zumindest keiner, den man eindeutig als Blick hätte auslegen können.
Dann kamen wir an die Senke. Der alte Mann kontrollierte die Lage. Offenbar war alles in Ordnung, denn er ließ mich ein, zwei Mal den Ball holen. Ordentliche Arbeit. Gute Dynamik. Alle zufrieden.
Und dann passierte es. Aus dem Gebüsch schoss ein Feldhase. Nicht vorbereitet. Nicht angekündigt. Einfach plötzlich da und sofort in Bewegung.
Ich registrierte die Lage. Mein Körper registrierte die Lage schneller. Also beschleunigte ich. Nicht kopflos. Aber mit der Entschlossenheit eines Hundes, der gerade eine sehr interessante Entwicklung im Nahbereich entdeckt hat.
Dann kam das Kommando vom alten Mann.
Es kam an. Sofort sogar.
Nur … nicht sofort.
Ein Stückchen musste der Hase noch beobachtet werden. Man kann schließlich nicht mitten in einer Lagebeurteilung einfach abschalten. Aber das Kommando war angekommen. Und genau deshalb blieb ich nicht stehen. Stehenbleiben wäre unprofessionell gewesen. Ich lief einen Wendebogen. Erst noch in die Richtung, in die mein Körper ohnehin schon unterwegs war – dann wurde der Bogen größer, die Geschwindigkeit weniger und die Linie drehte langsam zurück. Ein sauberer Bogen. Keine Vollbremsung. Kein abruptes Umdenken.
Mehr so: Ich habe Ihre Anweisung erhalten und integriere sie gerade in meine aktuelle Bewegungsplanung. Der Hase verschwand. Mein Kreis wurde enger. Und plötzlich lief ich wieder in Richtung alter Mann. Nicht hastig. Nicht schuldbewusst. Eher mit der Haltung: Die Beobachtung ist abgeschlossen. Es bestand kein weiterer Handlungsbedarf.
Der alte Mann nahm meine Rückkehr zur Kenntnis, wohlwollend. Wir gingen Ein paar Schritte Seite an Seite.
Dann hörte ich es. „Oh …“ Menschen machen unterschiedliche Arten von „Oh“. Dieses hier war kein erfreutes „Oh“. Auch kein erstauntes. Das war das kurze, sachliche „Oh“, das bedeutet: Ich habe etwas gesehen und meine Planung geändert.
Direkt danach hörte ich das Klicken. Karabiner. Geschirr. Jetzt.
Jetzt sah ich es auch. Am anderen Ende der Senke. Ein Reh.
Ich schaute. Das Reh schaute.
Der alte Mann entschied. Leine dran. Und wenn ich ehrlich bin …
wahrscheinlich zu Recht.
Nicht wegen des Rehs. Sondern weil der Hase mich kurz vorher getriggert hatte. Das ist etwas, das Menschen erstaunlich gut verstehen: Es geht nicht immer darum, was ich jetzt gerade tue. Sondern auch darum, in welchem Zustand ich gerade unterwegs bin. Und nach dem Hasen war ich eben nicht mehr ganz im Modus „ich bewerte die Lage ruhig und sachlich“.
Da war noch Restenergie. Noch dieses kleine Kribbeln in den Beinen. Dieses Gefühl von: Heute passieren Dinge.
Und genau dann stehen plötzlich Rehe irgendwo herum. Der alte Mann kennt mich lange genug. Er weiß, dass ich sehr viel richtig mache. Und er weiß auch, dass gute Entscheidungen manchmal schon zwei Minuten früher getroffen werden.
Also klickte der Karabiner. Nicht als Strafe. Nicht als Misstrauen. Eher wie ein Mensch, der sagt: „Heute muss ich nicht herausfinden, ob du es geschafft hättest.“
Wir gingen ruhig weiter. Und dann kam mir ein Geruch in die Nase. Ich blieb nicht stehen. Ich hob nur den Kopf. Noch einmal. Und da war sie.
Spur. Nicht Reh. Nicht Hase. Hund. Bekannt.
Ich zog einmal Luft. Und noch einmal. Dann wusste ich es.
Indie. Ein Collie, den ich mag.
Schon älter. Ruhiger. Einer von diesen Hunden, die nicht ständig etwas beweisen müssen. Wenn man sich trifft, wird ordentlich geschnuppert, kurz die Lage besprochen und dann kann jeder wieder seines Weges gehen, oder man geht ein Stück gemeinsam, unaufgeregt.
Ich rechnete. Wir waren auf dem Heimweg. Er war offenbar gerade erst aufgebrochen. Und wenn ich ihn treffen wollte, musste ich ihn erreichen, bevor er oben an der Kuppe in die Felder abbog.
Zeitfenster begrenzt. Also zog ich. Nicht hektisch. Nicht dieses unprofessionelle Leinenhängen. Mehr so gezielt. Mit Richtung, Nase am Boden. Mit Absicht. Der alte Mann verstand erstaunlich schnell, dass das keine allgemeine Unzufriedenheit mit dem Tempo war.
Wir gingen etwas flotter. Dann sahen wir ihn. Nicht Indie. Erst nur den Kopf seines Herrchens. Oben auf Höhe der Kuppe. Das reichte.
Der alte Mann schaute. Schaute noch einmal. Und traf eine Entscheidung.
Klick.
Die Leine löste sich. Ich war bereit. Nicht losgerannt. Nur vorbereitet. Vordergewicht leicht nach vorne. Blick auf die Kuppe. Alle Systeme bereit.
Und genau in dem Moment passierte es. Über die Kuppe schossen zwei Lappis. Nicht Indie.
Zwei Labrador Retriever. Auch bekannt. Aber anders bekannt. Nicht diese ruhige Collie-Energie von Indie. Mehr Bewegung. Mehr Körper. Mehr gemeinsames Rennen statt gemeinsames Nachdenken. Ich erstarrte einen Moment. Nicht aus Unsicherheit. Nur weil mein ganzer Plan innerhalb einer halben Sekunde ersetzt worden war.
Und dann waren sie da. Der alte Mann lief einfach weiter. Zu Indie und seinem Herrchen. Dort stand inzwischen schon das Frauchen der Lappis. Und bei ihr war noch der Dritte. Ein wirklich alter Lappi. Nicht alt im Sinn von langsam. Sondern alt im Sinn von: Rennen gehört nicht mehr zu den wichtigen Dingen.
Er stand da mit dieser besonderen Ruhe älterer Hunde. Nicht dieses „ich könnte, wenn ich wollte“. Sondern eher: Ich habe das alles schon oft gesehen. Ihr könnt ruhig machen.
Und wir machten.
Wir drei tobten noch eine Weile. Nicht endlos. Nicht völlig kopflos. Ein bisschen Rennen, ein paar Wendungen, kurz schauen wer wo ist, wer wen verfolgt, wer nur so tut als würde er verfolgen.
Der alte Lappi machte nicht mit. Aber er war dabei. Und irgendwie gehört das auch dazu.
Die Menschen redeten. Wir erledigten den wichtigen Teil. Irgendwann wurden die Wege kleiner.
Die Menschen verabschiedeten sich. Die Hunde auch – nur etwas weniger sichtbar. Die Gruppe löste sich auf. Und ich lief mit dem alten Mann nach Hause. Nicht mehr mit großen Kreisen. Nicht auf Spur. Nicht auf Ball.
Einfach nebenher. Die Beine angenehm schwer. Der Kopf ruhig. So ein Gefühl, als hätte der Morgen alles gehabt, was ein guter Morgen braucht.
Und ich war sehr zufrieden. Und ich glaube, der alte Mann auch
Zuhause stellte sich eine gewisse Unruhe ein. Frauchen arbeitete offenbar Listen ab, die seit Wochen in ihrem Kopf entstanden waren. Der alte Mann trug Dinge ins Wohnzimmer. Erst einzelne Sachen. Dann mehr. Dann entstand dort etwas, das verdächtig nach Lager aussah.
Ich beobachtete das zunächst gelassen. Zum Glück war Daniel noch da. Wir zergelten. Wir spielten. Wir machten die Dinge, die man macht, wenn man einen gelungenen Vormittag angemessen verarbeitet. Zwischendurch kontrollierte ich immer wieder die Lage.
Die beiden Menschen waren heute ohnehin zu nichts zu gebrauchen und strahlten ziemlich eindeutig aus: Bleib uns bitte vom Leib. Das akzeptierte ich.
Aber dann verschwanden die Sachen. Nicht zurück in Schränke. Nicht in Regale. In Koffer und Taschen. Jetzt wurde ich aufmerksam.
Listen sind harmlos. Lager auch. Aber Koffer sind eine andere Kategorie. Koffer bedeuten Bewegung. Koffer bedeuten Veränderung.
Ich stellte das Spielen ein und wechselte in Beobachtungsmodus. Nicht auffällig. Nur zufällig immer dort, wo auch Menschen und Gepäck gleichzeitig waren. Frauchen ins Schlafzimmer – ich auch. Alter Mann ins Wohnzimmer – ich ebenfalls. Tasche offen – kurze Kontrolle. Koffer offen – gründlichere Kontrolle.
Wobei …
zu ihrer Errettung muss man sagen: Wenn wir nicht gemeinsam fahren, bleibt immer einer von ihnen bei mir. Das gehört zur Ordnung der Welt. Menschen verschwinden manchmal. Aber nie beide. Das haben sie bisher ordentlich geregelt. Deshalb war ich auch nicht besorgt.
Nur aufmerksam. Aber das hier … das sah größer aus. Zu viele Taschen. Zu viele Wege. Zu viele Dinge, die nicht nach „ich bin morgen wieder da“ aussahen.
Und vor allem: Zu viel Organisation. Menschen organisieren nicht so viel für normale Dinge. Menschen organisieren so viel nur für Reisen. Oder Besuche. Oder diese sehr speziellen Ereignisse, bei denen plötzlich Ladegeräte wichtiger werden als Futter.
Ich begann die Lage neu zu bewerten. Vielleicht fahren wir. Und falls die Koffer bedeuten, dass noch mehr passiert … dann habe ich vorsorglich beschlossen, die Menschen heute nicht mehr aus den Augen zu lassen.
Trotz allem ein guter Tag für einen Entlebucher
Eure Eira
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