Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 18. Juni 2026. Gestern Abend erklärte ich mich bereit, nachts wirklich nur noch in dringenden Fällen Meldung zu machen, nachdem ich aus dem offenen Schlafzimmerfenster sehr deutlich kundgetan hatte, dass ich hier für die Sicherheit zuständig bin. Das war ein Entgegenkommen meinerseits.
Menschen scheinen gelegentlich zu vergessen, dass offene Fenster nicht nur frische Luft hineinlassen, sondern auch sämtliche Informationen von draußen. Und irgendjemand muss diese Informationen schließlich bewerten. Nach kurzer Abstimmung wurde deshalb vereinbart, dass nicht mehr jede Bewegung, jedes Geräusch und nicht jeder nächtliche Vorgang sofort gemeldet werden muss. Nur noch echte Notfälle.
Allerdings begann mit der Dämmerung – ungefähr zu der Uhrzeit, zu der an Frauchens Außenbürotagen ohnehin der Tag startet – draußen ein Vogelkonzert von einer Lautstärke und Ausdauer, die man durchaus als aufdringlich bezeichnen kann. Wir wurden dadurch wieder sehr früh wach.
Ich möchte niemandem etwas unterstellen, aber offene Schlafzimmerfenster sind und bleiben riskant. Nicht wegen Einbrechern. Nicht wegen anderer Hunde. Sondern wegen Vögeln, die offenbar der Meinung sind, dass Sonnenaufgang ein Gemeinschaftsprojekt ist.
Frauchen nutzte die Situation allerdings nicht etwa, um den Schlaf nachzuholen oder die Risiken offener Fenster neu zu bewerten. Stattdessen verschwand sie ungewöhnlich früh ins Arbeitszimmer und wirkte dabei erstaunlich zufrieden mit der Gesamtlage. Offenbar wurde das frühe Aufstehen weniger als Störung und mehr als Gelegenheit für ein früheres Arbeitsende betrachtet.
Der alte Mann dagegen tat das, was er um diese Uhrzeit immer macht: Er versuchte mit Kaffee die Grenze zwischen Schlaf und Wach zu überschreiten. Menschen scheinen überzeugt zu sein, dass sich Bewusstseinszustände durch heiße Getränke verhandeln lassen.
Durch das frühe Aufstehen ergab sich für ihn dann allerdings ein unerwarteter Vorteil. Er hatte noch Zeit, die Morgenrunde mit mir zu machen. Er hatte zwar später irgendwo einen Termin, aber dieser wurde erfreulicherweise nicht einfach eine Stunde vorgezogen, nur weil die Vögel beschlossen hatten, dass die Nacht vorbei ist.
Auch Frauchen fand die Entwicklung gut. Für sie bedeutete das nämlich noch eine Stunde früher Schluss. Ich bin allerdings nicht sicher, ob sie alle Folgen ihrer Entscheidung bedacht hat. Denn während sie sich über das frühere Arbeitsende freute, übersah sie offenbar einen wichtigen Punkt: Wer früher im Arbeitszimmer verschwindet, verpasst unter Umständen einen Spaziergang mit mir.
Ich werde ihr das nicht vorwerfen. Menschen verlieren sich leicht in ihren Zeitplänen und übersehen dabei die wirklich relevanten Termine. Zum Beispiel die Morgenrunde.
Die Runde mit dem alten Mann begann ruhig. Keine besonderen Vorkommnisse, kein Zeitdruck, keine sportlichen Ambitionen. Ich hatte dadurch ausreichend Zeit, das Revier zu kontrollieren. Ich überprüfte die üblichen Stellen, nahm Geruchslagen auf und verschaffte mir einen Überblick über die nächtlichen Aktivitäten der anderen Bewohner des Gebiets.
Auf den Feldern konnte ich dann sogar ein paar Spurts trainieren. Allerdings hielt ich mich etwas zurück. Die Sonne drohte schon gewaltig und ich sah keinen Grund, sämtliche Energiereserven direkt am Morgen aufzubrauchen. Der alte Mann schien das ähnlich zu sehen. Statt mich zu Höchstleistungen anzuhalten, animierte er mich eher dazu, Dinge zu suchen, die er wieder verloren hatte.
Der alte Mann verliert erstaunlich oft Gegenstände und nennt das dann Übung. Ich half trotzdem. Nicht aus Überzeugung, sondern weil irgendjemand Ordnung in die Abläufe bringen muss. Dann bin ich auch vorbereitet, wenn es bei ihm irgendwann mal kein Spiel mehr ist.
Als wir dann durch die Senke gingen, musste ich mich allerdings doch etwas zurückhalten. Auf der Wiese tobten drei freche Feldhasen. Und drei kann man ja fast schon als Herde ansehen.
Ich beobachtete die Lage aufmerksam und rechnete verschiedene Einsatzmöglichkeiten durch. Rein theoretisch.
Praktisch blieb ich kontrolliert.
Zum einen wegen der Sonne. Zum anderen, weil ich inzwischen ausreichend Lebenserfahrung habe, um zu wissen, dass drei Hasen sehr schnell zu null Hasen werden und man anschließend nur noch einen alten Mann neben sich hat, der Dinge sagt wie: „Schau mal, was du da wieder gemacht hast.“
Ich hielt also Kurs, beobachtete die Lage professionell und ließ die Herde ziehen.
Ich finde, das zeigt große Reife.
Der alte Mann wirkte jedenfalls erleichtert. Dabei hatte ich die Situation die ganze Zeit im Griff.
Als wir die letzten Meter im Schatten der Häuser liefen, kamen wir beide unabhängig voneinander zu derselben Einschätzung: Der Ausflug auf die Felder hatte lang genug gedauert.
Die Sonne wurde zunehmend überzeugender und die Vorteile von Schatten nahmen deutlich zu.
Wir frühstückten noch gemeinsam. Danach machte sich der alte Mann auf den Weg zu seinem Termin.
Frauchen verschwand wieder im Arbeitszimmer, vermutlich um ihre Strategie „früher anfangen – früher Schluss“ konsequent weiterzuverfolgen.
Und ich …
… verschwand unter das Sofa im Esszimmer.
Nicht aus Erschöpfung. Nicht aus Rückzug. Sondern aus taktischen Gründen. Dort ist es kühl, ruhig und man hat die wichtigsten Bereiche des Hauses weiterhin im Blick. Sicherheit endet schließlich nicht an der Haustür. Sie wird nur im Liegen organisiert.
Am Nachmittag habe ich dann den alten Mann noch dazu animiert, mit mir Stups und Vorlaufen zu üben, damit die Leckerli-Versorgung für den Tag trotz der geringen Außentermine gesichert bleibt.
Man muss schließlich vorausschauend handeln.
Nur weil wegen der Wärme weniger unterwegs passiert, bedeutet das nicht, dass Belohnungssysteme einfach ausgesetzt werden dürfen. Der alte Mann wirkte zunächst, als hätte er den Trainingsbedarf nicht unmittelbar erkannt. Nach kurzer Überzeugungsarbeit ließ er sich dann aber auf die notwendigen Übungen ein.
Stups funktionierte zuverlässig und beim Vorlaufen habe ich den Eindruck, dass er langsam versteht, worum es geht. Ich sehe darin eine sinnvolle Investition in unsere gemeinsame Zukunft. Außerdem konnte ich so sicherstellen, dass der Tag nicht mit einer Unterversorgung an Leckerli endet.
Ordnung muss sein.
Die Abendrunde, obwohl wir sie erst mit dem großen Läuten der Martinskirche begonnen haben, fiel dann überraschend kurz aus. Eigentlich hätte das ein Zeichen dafür sein sollen, dass die schlimmste Hitze vorbei ist. In der Praxis zeigte sich allerdings schnell, dass Möglichkeiten und Motivation nicht immer dasselbe sind.
Schon nach wenigen Metern kamen wir beide unabhängig voneinander zu derselben Entscheidung: Heute erledigen wir nur das Nötigste. Ich kontrollierte die wichtigsten Stellen, setzte die erforderlichen Markierungen und verzichtete großzügig auf zusätzliche Programmpunkte. Der alte Mann wirkte mit dieser Strategie ebenfalls sehr einverstanden.
Man muss nicht jeden Abend so tun, als wäre Bewegung Selbstzweck. Manchmal reicht es völlig aus festzustellen, dass draußen alles noch an seinem Platz ist und anschließend wieder nach Hause zu gehen. Ich werte das als gemeinschaftlich getroffene Vernunftentscheidung.
Ein Tag, der zeigt, dass Entlebucher Temperaturen aus den Schweizer Bergen bevorzugen.
Eure Eira.
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