Entlebucher Tagebuch – Samstag, 15. August 2026. Als der alte Mann heute aufwachte, lag ich noch ganz entspannt auf dem Rücken und hatte alle viere von mir gestreckt. Das brachte ihn zum Schmunzeln. Bis er mit seinem Kaffee zum Sofa kam, waren Frauchen und ich auch schon dort und hatten es uns gemütlich gemacht.
Dann packte der alte Mann den Rucksack. Bei uns ist das ein ziemlich eindeutiges Zeichen: Heute geht es nicht nur auf die Felder. Ich beobachtete das Packen und drängte zwischendurch ein wenig zur Eile. Ich hatte noch geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen, und die warteten bereits.
Zu dritt fuhren wir zum Burgwald und kamen noch rechtzeitig an. Frauchen hatte eigentlich vorgeschlagen, bis zur Burg zu laufen. Am Parkplatz merkten wir allerdings schnell, dass es bereits drückend warm war. Frauchen änderte den Plan, und wir nahmen stattdessen den Panoramaweg in Richtung Beuren. Der führt ebenfalls durch den Wald, steigt aber nicht so steil an. Eine vernünftige Entscheidung. Bei dieser Wärme muss man nicht jeden Berg persönlich kennenlernen.
Auf den ersten Metern bemerkte ich weit hinter uns einen Mann, der mir nicht ganz geheuer war. Er lief ungewöhnlich, hielt seinen Körper etwas unnatürlich und kam nicht besonders gerade voran. Der alte Mann hatte ihn ebenfalls gesehen und meinte, es sei alles in Ordnung. Ich sah das anders und schaute deshalb immer wieder nach hinten.
Dann nahm der alte Mann kurz die falsche Abbiegung. Während wir unseren Fehler korrigierten, konnte der Mann an uns vorbeigehen. Jetzt lief er vor uns, und ich hatte einen besseren Blick auf ihn. Viel besser sah es nicht aus. Ich zog ein wenig an, um mir die Sache genauer anzusehen. Frauchen und der alte Mann waren allerdings der Meinung, dass das nicht nötig sei.
Später fiel dem alten Mann ein, dass am Abend in den Weinbergen ein Fest gewesen war. Damit hatten die beiden ihre Erklärung gefunden. Vermutlich hatte der Mann einfach vergessen, rechtzeitig nach Hause zu gehen, und war nun auf dem verspäteten Heimweg. Ich behielt ihn trotzdem noch eine Weile im Auge.
Bis etwas anderes meine Aufmerksamkeit bekam.
Auf der Wiese neben dem Weg lief ein junges Reh. Damit war der Mann plötzlich nicht mehr die interessanteste Angelegenheit. Ich blieb auf dem Weg und beobachtete das Reh aus der Entfernung. Es gab keinen Grund, näher heranzugehen. Von hier aus konnte ich viel besser sehen, was es machte.
Danach nahm ich mir den Weg vor. In diese Ecke komme ich nicht besonders oft, und entsprechend gab es einiges zu überprüfen. Ich blieb immer wieder stehen und nahm die verschiedenen Gerüche auf. Wer war hier entlanggelaufen? Welche Spuren waren frisch? Was gehörte zu den Tieren, die regelmäßig hier unterwegs sind, und was war neu? Menschen, Hunde, Wild – jeder hinterlässt seine eigene Geschichte.
Ich arbeitete mich langsam weiter und ließ mir Zeit. Ein Weg ist schließlich mehr als das Stück Boden, auf dem man läuft. Besonders in einem Wald, den man nicht jeden Tag besucht. Frauchen und der alte Mann konnten währenddessen weitergehen. Ich hatte mit meiner Kontrolle genug zu tun.
Wir gingen so weit, wie Frauchen und der alte Mann ihre normale Joggingrunde laufen. Dort machte Frauchen ein Päuschen. Der alte Mann packte die Ente aus, und wir gingen ein Stück auf die Wiese.
Es gab Suchspiele, bei denen ich meine Nase einsetzen konnte, und zwischendurch wurde gerauft. Ein bisschen körperliche Entlebucher-Beschäftigung gehört schließlich auch zu einem ordentlichen Ausflug. Wir suchten, rannten ein wenig herum und balgten uns, während Frauchen ihre Pause machte.
Nachdem alle genug getrunken hatten, traten wir den Rückweg an. Meine Geschäfte waren erledigt, das Reh war kontrolliert, der Weg ausreichend untersucht und die Ente hatte ihren Einsatz gehabt. Mehr musste auf dieser Runde nicht passieren.
Zu Hause richteten Frauchen und ich uns auf die zu erwartende Hitze ein. Ein kühler Platz und möglichst wenig unnötige Bewegung erschienen uns für den weiteren Tag durchaus passend.
Der alte Mann sah das anders. Er behauptete, das Haus noch einmal verlassen zu müssen, um den Wochenendeinkauf zu erledigen. Frauchen und ich ließen ihn ziehen. Viel mehr konnten wir für ihn schließlich nicht tun.
Er kam wohlbehalten zurück und bekam dafür eine ordentliche Entlebucher-Begrüßung. Danach gab es für die Menschen noch Eis. Frauchen bekam Schokolade, der alte Mann Vanille. Ich wartete geduldig daneben und beobachtete die Schalen.
Der alte Mann gab mir seine wieder zum Auslecken. Er behauptete zwar, daraus würde keine Regel werden. Das hat er schon einmal gesagt. Und beim letzten Mal bekam ich die Schale ebenfalls. Ich habe deshalb beschlossen, seine Aussage vorerst nicht weiter zu kommentieren und mich lieber um das Vanilleeis zu kümmern.
Nach der Mittagsruhe wurde es dann interessant. Heute machte Frauchen ihre Übungen nicht mit mir, sondern mit dem alten Mann. Sie gab ihm die Kommandos für die verschiedenen Tierfiguren und erklärte ihm dabei noch allerlei andere Dinge. Offenbar war heute sein Unterrichtstag.
Am Anfang saß der alte Mann auf dem Boden. Ich sah darin eine gute Gelegenheit für eine kleine Rauferei. Er offenbar nicht. Er schickte mich auf das Sofa ins Platz, und damit war die Angelegenheit entschieden.
Von dort aus beobachtete ich die beiden. Frauchen sprach so langsam und ruhig, dass mir irgendwann tatsächlich ein paar Mal die Augen zufielen. Sie übte offenbar nicht nur die Tierfiguren mit dem alten Mann, sondern nebenbei auch schon einmal ihre zukünftige Tätigkeit als Yoga-Lehrerin. Zumindest klang sie bereits ziemlich überzeugend.
Ich kann jedenfalls bestätigen, dass ihre Stimme hervorragend zum Entspannen geeignet ist.
Danach hatten die beiden genug Bewegung und gaben sich der Hitze geschlagen. Viel passierte nicht mehr. Einmal machten der alte Mann und ich uns am Abend noch auf den Weg, damit ich meine Geschäfte erledigen konnte.
Danach lagen wir wieder auf dem Sofa. Frauchen neben uns, der alte Mann auf seiner Seite und ich mittendrin. Draußen war es noch immer warm, drinnen war es ruhig, und für heute gab es nichts mehr zu kontrollieren.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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