Entlebucher Tagebuch – Freitag, 7. August und Samstag, 8. August

Freitag, 7. August

Gestern Morgen machten wir eine ausgedehnte Feldrunde, der ich mich widmete. Gleich zu Beginn musste ich eine Meldung machen, denn auf der anderen Straßenseite saß eine Nachbarin zu einer ungewohnten Zeit vor ihrem Haus. Ich meldete dem alten Mann, dass da jemand saß, wo sonst niemand sitzt. So etwas melde ich immer.

Danach konnten wir unsere Runde fortsetzen. Auf dem Feld gab es wie immer einiges zu kontrollieren. Wer war unterwegs, welche Gerüche waren neu und hatte sich irgendwo etwas verändert? Eine Feldrunde ist mehr als nur ein Spaziergang.

Den Rest des Tages passte ich auf das Haus auf. Und das war gut so. Dann kamen mehrere Leute zu unserem Haus: zuerst der Bofrostmann, dann der Gemüsemann und dann noch der Paketbote. Drei Einsätze an einem Tag – da war durchaus etwas los.

Jedes Mal habe ich gut aufgepasst. Wenn die Haustür offen steht, passe ich besonders auf. Man weiß nie, was jemand vorhat. Am Ende waren aber alle Lieferungen angekommen und die Herren wieder verschwunden. Der Hausbetrieb konnte weitergehen.

Am Nachmittag wurde es dann noch einmal interessant. Frauchen und der alte Mann packten größere Mengen Essen und Trinken in einen Korb und wir fuhren zu Zoras Wiese. Eigentlich kann man dort gut zu Fuß hingehen, immerhin liegt die Wiese direkt an unserer Feldrunde. Aber der alte Mann war offenbar der Meinung, dass ein voller Korb leichter zu transportieren sei, wenn man dafür das Auto nimmt. Ich habe dazu keine weiteren Fragen gestellt.

Zora war bereits da und zeigte wie üblich zunächst, dass es sich hier um ihre Wiese handelt. Nachdem wir uns beschnüffelt und begrüßt hatten, war die Angelegenheit aber schnell geklärt. Ich machte mit einer kleinen Beschwichtigungspfote klar, dass ich keinerlei Interesse an ihrer Wiese hatte. Damit war alles gesagt und wir waren fein miteinander.

Zora übernahm anschließend die Führung und zeigte mir ihre Wiese, während die Menschen ihr Ding machten. Das war eine vernünftige Aufteilung. Die Menschen konnten essen und trinken und wir konnten die Gegend erkunden.

Kurze Zeit später tauchte auch Ivy mit ihren Menschen auf, und nach und nach kamen noch einige Menschen ohne Hund dazu. Heute war offenbar wieder einer dieser Abende, an denen Menschen zusammenkommen, um über Gott und die Welt zu reden. Nur dass das Ganze wegen des Wetters auf Zoras Wiese verlegt worden war – mit mehr Essen und Trinken.

Ich finde dieses Konzept durchaus interessant. Man nimmt einfach das Wohnzimmer mit nach draußen und braucht dafür nicht einmal einen besonderen Grund.

Irgendwann kam es dann zwischen Zora und Ivy zu einem kleinen Missverständnis. Ivy hatte dazu offenbar eine ziemlich klare Meinung und machte diese auch sehr deutlich kund. Ich hielt mich lieber zurück. Man muss sich nicht in jede Diskussion einmischen, nur weil man zufällig danebensteht.

Am Ende saß Ivy an der Leine, während Zora sich zur Verteidigung ihrer Wiese ans Tor gesetzt hatte. Von dort aus machte sie jedem, der vorbeikam, klar, wer hier für die Sicherheit zuständig war. Dabei machte sie offenbar keinen Unterschied zwischen Dingen, die tatsächlich einer Meldung bedurften, und solchen, die man auch einfach vorbeiziehen lassen konnte.

Das wäre mir zu viel. Ein guter Sicherheitsdienst braucht nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch eine gewisse Einschätzung, was wirklich wichtig ist. Nicht jedes Fahrrad, jeder Spaziergänger und jeder Hund braucht eine Meldung an den alten Mann.

Zora sah das anders. Sie blieb konsequent an ihrem Tor und führte ihren Dienst mit großer Ausdauer fort. Ich überließ ihr diese Aufgabe gerne. Es war ihre Wiese.

Am Abend waren dann auch noch ungewöhnlich viele Pferde unterwegs. Bei denen war Ivy sofort wieder dabei, ihr Interesse kundzutun. Da kommt wohl der Jagdhund in ihr durch. Während ich die Pferde eher zur Kenntnis nahm, schien Ivy der Meinung zu sein, dass man sich mit dieser Angelegenheit durchaus etwas intensiver beschäftigen sollte.

Ich hielt mich auch hier lieber zurück. Pferde sind groß genug, um ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln, und einen Treibauftrag hatte ich für diesen Abend auch nicht bekommen. Meinen Sicherheitsdienst hatte ich für den Tag ohnehin schon ordentlich erfüllt. Man muss nicht jede Gelegenheit nutzen, um Arbeit zu erfinden.

Als die Sonne begann, ihren Arbeitstag für heute zu beenden, legte ich dem alten Mann nahe, dass es nun vielleicht an der Zeit wäre, nach Hause zu gehen. Als Entlebucher bin ich der Meinung, dass man bei Nacht in der Höhle sein sollte. Dort ist es trocken, übersichtlich und man weiß, wo alle sind.

Die Menschen sahen das allerdings wieder einmal anders. Sie schienen der Auffassung zu sein, dass man auch nach Sonnenuntergang noch auf einer Wiese sitzen und reden könne. Ich ließ ihnen diese Meinung.

Irgendwann packten wir dann doch unsere Sachen und machten uns auf den Heimweg. Hinter uns blieb Zoras Wiese mit ihren Menschen, Hunden und dem Tor, an dem Zora noch immer ihren Posten hielt.

Samstag, 8. August

Nach einer ruhigen Nacht begann der Morgen zunächst ganz normal. Dann holte Frauchen plötzlich lange Stöcke aus dem Keller, die sie anschließend auf der Morgenrunde irgendwie zum Laufen benutzte. Ich muss zugeben, der Anblick war zunächst etwas unheimlich. Menschen kommen manchmal auf merkwürdige Ideen, wenn sie sich bewegen wollen.

Mit den Stöcken in den Händen war Frauchen allerdings erstaunlich schnell unterwegs, sodass wir diesmal nicht so viel auf sie warten mussten. So ging es schneller und wir machten eine besonders lange Morgenrunde.

Da es noch angenehm kühl war, konnte ich endlich mal wieder ausgedehnte große Kreise um die beiden rennen. Bei diesen Temperaturen macht Bewegung wieder richtig Freude. Aber ich passte trotzdem auf mein Revier auf. Auch beim Rennen.

Der alte Mann baute unterwegs noch ein paar Übungen in die Runde ein. Das gab mir auch etwas zum Nachdenken. So hatten wir alle etwas von der langen Runde: Frauchen kam mit ihren Stöcken gut voran, der alte Mann konnte seine Übungen einbauen und ich hatte genügend Platz zum Rennen und gleichzeitig genug zu kontrollieren.

Und so ging es eine ganze Weile über die kühlen Felder, mit Frauchen und ihren Stöcken vor mir und dem alten Mann irgendwo in meiner Nähe. Ein paar große Kreise mussten noch sein, bevor wir wieder Richtung Höhle abbogen.

Zuhause stellte der alte Mann dann fest, dass uns eine der Wasserflaschen abhandengekommen war. Das war nicht besonders praktisch, zumal wir noch genau wussten, an welcher Stelle wir die letzte Trinkpause gemacht hatten. Er beschloss deshalb, die spätere Runde so zu legen, dass wir dort noch einmal vorbeikommen und nach der Flasche suchen konnten.

Damit hatte die nächste Runde bereits einen Auftrag. Ich war gespannt, ob die Flasche tatsächlich noch dort stand oder ob jemand anderes sie inzwischen gefunden hatte.

Die dafür vorgesehene Nachmittagsrunde ließen wir allerdings ausfallen, denn die Sonne meinte es heute wieder besonders gut. Bei dieser Wärme war eine zusätzliche Runde nicht unbedingt nötig. Die Wasserflasche musste also warten.

Da heute Samstag war, ging es für Frauchen und den alten Mann später noch zum Tanzen. In dieser Zeit übernahm ich allein die Sicherung des Hauses. Heute war es allerdings so ruhig, dass ich meine Position vor der Flurtür praktisch die ganze Zeit in Ruhe halten konnte. Keine besonderen Vorkommnisse, keine verdächtigen Geräusche und niemand, der unangemeldet ins Haus wollte.

Ich blieb einfach vor der Flurtür liegen und wartete.

Als Frauchen und der alte Mann vom Tanzen zurückkamen, legte der alte Mann die Abendrunde so, dass wir den Weg bis zu dem Holzstapel noch einmal abgingen, an dem wir die Wasserflasche zuletzt benutzt hatten. Ich hielt Augen und Nase offen, aber die Suche blieb erfolglos. Die Flasche war nicht mehr dort.

Dadurch wurde die Abendrunde etwas länger als geplant. Langsam wurde es dunkel, und auf dem Rückweg lagen die Felder schon im letzten Licht. Wir mussten uns ein wenig beeilen. Hinter uns wurde der Weg immer dunkler, während vor uns schon die ersten Lichter der Häuser zu sehen waren.

Kurz darauf waren wir wieder an der Höhle. Eure Eira


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