Entlebucher Tagebuch – Mittwoch, 15. Juli 2026. Heute Morgen waren wir früh genug zur ersten Runde unterwegs, sodass der alte Mann und ich noch einen Abstecher in den Wald machen konnten, um nach dem Rechten zu sehen. Man konnte förmlich merken, wie der alte Mann entspannte, kaum hatten wir die ersten Bäume um uns. Auch ich konnte mich endlich wieder den wirklich wichtigen Gerüchen widmen. Im Wald gibt es schließlich an jeder Ecke Neuigkeiten, die überprüft werden müssen.

Uns war eigentlich von Anfang an klar, dass wir den Weg, den wir gekommen waren, auch wieder zurückgehen mussten. Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, dass es Zeit wurde umzudrehen. Also stellte ich mich quer auf den Weg und schaute den alten Mann an.Er stutzte und fragte, ob ich nicht weiter wollte. Dumme Frage. Natürlich wollte ich weiter. Aber dafür war jetzt nicht die richtige Zeit. Also blieb ich einfach stehen und schaute ihn weiter an.

Schließlich warf er einen Blick auf das kleine leuchtende Rechteck an seinem Handgelenk und stellte fest, dass ich recht hatte. Es war tatsächlich Zeit, den Rückweg anzutreten. So kamen wir rechtzeitig zum Frühstück, und das verlief zur allgemeinen Zufriedenheit. Also fast. Meine Frühstücksbanane, die ich sonst mit dem alten Mann teile, wurde schon wieder durch Gurke und Melone ersetzt. Nun gut. Wenn man sich in fremden Revieren bewegt, muss man eben zu Kompromissen bereit sein. Sogar als Entlebucher.

Nach dem Frühstück machten wir eine kurze Fahrt zu meinem ersten Arbeitseinsatz. Als ich an der Reihe war, gab es gleich zu Beginn eine kleine Verzögerung. Ich betone: beim Abgang. Also eindeutig außerhalb meines Verantwortungsbereichs. Frauchen hatte die Ausrüstung nicht ganz optimal vorbereitet. Ich nahm es gelassen, zumindest soweit ein Entlebucher solch eine Pflichtverletzung gelassen nehmen kann.

Heute hatte man eine Zickzack-Spur für mich ausgelegt. Erst ein Stück nach links, dann wieder zurück, anschließend in die andere Richtung und schließlich noch einmal um eine Ecke. Vermutlich sollte das besonders anspruchsvoll sein. Aber mit solchen Kleinigkeiten beeindruckt man einen professionell arbeitenden Entlebucher nicht. Genauso wenig wie mit der laut ratternden Baustelle, die man mir kurzerhand mitten auf den Weg gestellt hatte und die auch noch ausgesprochen merkwürdig roch.

Als die Versteckperson dann auch noch Anstalten machte, wieder wegzugehen, habe ich dem kurzerhand ein Ende gesetzt. Schließlich hatte ich sie gefunden. Da bestand überhaupt kein Anlass mehr, irgendwohin zu verschwinden. Natürlich gab es anschließend die vorher ausgehandelte Belohnung. So gehört sich das schließlich nach ordentlich erledigter Arbeit. Die Menschen waren mit meiner Leistung sichtlich zufrieden, und ich ehrlich gesagt auch.

Frauchens kleine Panne zu Beginn spielte danach überhaupt keine Rolle mehr. So ist das eben: Wenn ein Entlebucher seine Arbeit zuverlässig erledigt, erinnert sich am Ende niemand mehr daran, wer beim Start noch ein wenig sortieren musste. Entscheidend ist schließlich, dass der Auftrag erfolgreich abgeschlossen wurde.

Danach hieß es erst einmal wieder warten, bis auch die anderen Hunde ihre Arbeit erledigt und ihre professionellen Ergebnisse abgeliefert hatten. Ich nutzte die Zeit, um alles aufmerksam zu beobachten. Man kann schließlich immer noch etwas lernen – oder zumindest feststellen, dass jeder seine Aufgabe auf seine eigene Art löst.

Als schließlich alle fertig waren, war der Vormittag erfolgreich abgeschlossen. Zur Belohnung gab es ein wohlverdientes Mittagessen. Nach einem Arbeitseinsatz schmeckt das ohnehin noch einmal besser.

Am Nachmittag wartete dann eine besondere Aufgabe auf mich. Teamarbeit. Und zwar nicht nur das übliche Mensch-Hund-Team. Also doch, natürlich auch. Aber eigentlich ging es darum, dass sich zwei Hunde bei der Arbeit abwechselten.

Grundsätzlich ist ein Entlebucher eher ein Einhundspieler. Wir übernehmen unsere Aufgabe gern selbst und verlassen uns dabei auf unsere Menschen. Aber man sollte neuen Ideen eine faire Chance geben. Also habe ich mir das erst einmal angesehen. Man muss schließlich wissen, worauf man sich einlässt, bevor man sich eine Meinung bildet.

Mein Partner begann, und ich muss zugeben, er machte seine Sache gut. Retriever gelten ja gemeinhin eher als fröhliche Spaßvögel, aber er arbeitete sauber und konzentriert. Ich überprüfte anschließend sorgfältig, was er bereits abgearbeitet hatte, und konnte nichts beanstanden. Es handelte sich allerdings um einen Rüden. Da könnte man durchaus anmerken, dass er erstaunlich oft anhielt, um sein Bein zu heben. Rein arbeitsorganisatorisch war das nicht unbedingt notwendig. Aber nun gut – was will man von einem Kerl auch anderes erwarten?

Er spürte das Ziel ordnungsgemäß auf und wurde dafür von allen entsprechend gefeiert. Anschließend sollten wir die Rollen tauschen. Dabei kamen wir uns allerdings für einen kurzen Moment etwas zu nah. Wenn zwei arbeitsorientierte, adrenalingeladene Spezialisten unmittelbar bei einem Einsatz aufeinandertreffen, kann es schon einmal kurz etwas lauter werden. Das war schnell geklärt, und dann konnte jeder wieder seiner eigentlichen Aufgabe nachgehen.

Ich nahm den Geruch auf, und dann ging es los. Das Gelände schickte mich zunächst für einen kurzen Moment in die falsche Richtung, aber solche Dinge kommen vor. Mantrailing ist keine lineare Spur, wie viele glauben. Wenige Augenblicke später hatte ich die richtige Spur gefunden. Der alte Mann ließ mich zügig arbeiten, während Frauchen mit Linda in einem durchaus akzeptablen Abstand folgten. Nur zweimal musste ich kurz anhalten, damit die Menschen wieder Anschluss fanden.

Den Einsatz meines Teampartners fand ich am Ende allerdings noch etwas ausbaufähig. Er war offenbar der Meinung, dass seine Aufgabe mit dem Auffinden der Versteckperson erledigt sei und man es anschließend etwas gemütlicher angehen könne. Da kam dann wohl doch wieder der Retriever durch. Ein Entlebucher bleibt dagegen bis zum Schluss bei der Arbeit. Am Ende forderte mich die Kombination aus Gebäuden, Gelände und Wind noch einmal kurz. Die Spur war nicht mehr ganz so eindeutig wie zuvor, und ich musste einen Moment sortieren. Aber genau dafür arbeitet man schließlich mit der Nase und nicht nach Gefühl.

Wenig später gelang dann ein bilderbuchmäßiger Abschluss. Ich setzte mich sauber vor die Versteckperson, setzte mein bestes Entlebucher-Grinsen auf und strich anschließend die vereinbarte Bezahlung ein. So beendet man einen Arbeitseinsatz ordnungsgemäß.

Damit war auch der zweite Einsatz des Tages erfolgreich abgeschlossen. Ich finde, das Experiment mit der Teamarbeit kann man durchaus noch einmal wiederholen. Vorausgesetzt natürlich, mein Partner vergisst beim nächsten Mal nicht, dass die Arbeit erst endet, wenn wirklich alle im Ziel angekommen sind.

Am Abend wurde das Essen kurzerhand nach drinnen verlegt. Der Himmel hatte schon eine ganze Weile vor sich hin gegrummelt, und die Menschen schienen der Meinung zu sein, dass man dem besser nicht widerspricht. Ich hatte gegen diese Entscheidung nichts einzuwenden. Der alte Mann suchte sich einen Platz auf einer Bank mit dem Rücken zur Wand. Das war auch in meinem Sinne. So musste ich nur noch den Raum vor uns im Blick behalten und konnte meinen Wachdienst deutlich entspannter erledigen.

So wurde ich wohl doch etwas nachlässig. Jedenfalls fielen mir tatsächlich für einen kurzen Moment die Augen zu. Das passiert einem nicht oft. Aber nach einer Waldkontrolle, zwei ordnungsgemäß erledigten Arbeitseinsätzen und einem entspannten Wachdienst darf sich auch ein Entlebucher ausnahmsweise einmal ein paar Minuten Ruhe gönnen. Natürlich nur so lange, bis wieder etwas Wichtiges passiert.

Alles in allem war es ein guter Tag für einen Entlebucher, eure Eira


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert