Entlebucher Tagebuch – 20. Juli 2026. Heute Morgen ist der alte Mann schon früh mit seinem Reiserucksack aus dem Haus gegangen. Ich habe das oft genug erlebt, um zu wissen, was das bedeutet: Heute Abend wird er nicht mehr nach Hause kommen. Menschen brauchen dafür offenbar einen großen Rucksack. Ich erkenne das längst an der Art, wie sie packen und wie sie zur Tür hinausgehen. Manche Dinge muss man sich als Entlebucher nur oft genug ansehen, dann versteht man sie ganz ohne Worte.
Solange Frauchen hierbleibt, ist die Lage aber unter Kontrolle. Es ist zwar nicht besonders schön, wenn der alte Mann fehlt, aber kein Grund zur Sorge. Ein Entlebucher bewertet schließlich immer die gesamte Situation und nicht nur einen einzelnen Menschen.
Ich machte die Morgenrunde heute also mit Frauchen. Dass der alte Mann unterwegs war, änderte schließlich nichts an meinen Aufgaben. Die Revierkontrolle wird deshalb ganz bestimmt nicht weniger gründlich durchgeführt. Wege, Gerüche, frische Spuren, die Luft und alles, was sich seit der letzten Runde verändert haben könnte, müssen schließlich überprüft werden. Nur weil ein Mensch fehlt, hört die Verantwortung eines Entlebuchers ja nicht einfach auf.
Insgesamt wurde es eine ruhige Morgenrunde. Einmal kam uns zwar ein Hund entgegen, doch bevor wir überhaupt aufeinandertrafen, hatten wir bereits die Abzweigung zu den Feldern erreicht. Wir kannten den Hund nicht und sahen deshalb keinen Grund, auf die Begegnung zu warten. Man muss schließlich nicht jede Hundebegegnung provozieren. Manchmal ist es die klügere Entscheidung, einfach seinen eigenen Weg weiterzugehen. Das spart Diskussionen und alle können ihren Spaziergang in Ruhe fortsetzen.
An einem großen Holzstapel versteckte Frauchen anschließend noch ein paar Leckerchen. Ich fand den einen oder anderen ohne größere Schwierigkeiten. Danach behauptete sie allerdings, dort seien noch mehr gewesen. Zeigen konnte sie sie mir nicht mehr. Da stellt sich natürlich die Frage, wem ich in so einer Situation eher vertrauen sollte: meiner Nase oder Frauchen. Die Entscheidung fällt einem Entlebucher ehrlich gesagt nicht besonders schwer.
Zuhause übernahm ich dann den Sicherheitsdienst. Wenn der alte Mann unterwegs ist, muss schließlich jemand den Überblick behalten. Während ich das Haus im Auge behielt, schaute Frauchen erst lange in das leuchtende Viereck und begann später damit, Tiernamen zu turnen. Die Übung mit den Hunden machte ich ihr vorsichtshalber noch einmal vor. Man weiß ja nie, ob die Menschen sich alle Bewegungen richtig merken.
Auf der zweiten Kontrollrunde des Tages entschieden wir uns für eine der Schafrunden. Frauchen wählte diesmal eine kleine Variation der Strecke, sodass wir am oberen Teil des Brombeerwäldchens vorbeikamen. Dort hing noch der Geruch eines Fuchses vom Morgen in der Luft. Zu sehen war allerdings nichts mehr von ihm. Wahrscheinlich hatte er seine Geschäfte für heute bereits erledigt.
Als wir wieder ins Städtchen kamen, näherten wir uns einem Grundstück, in dessen Garten ein Hund lebte. Schon als wir auf den Zaun zugingen, begann er laut zu bellen. Ich blieb ruhig und ging einfach weiter. Als wir uns schließlich direkt gegenüberstanden, wurde auch er ruhig. Wir schauten uns eine Weile an, ganz ohne Lärm. Erst als Frauchen mich zum Weitergehen rief und ich ihr folgte, fing er wieder an zu bellen. Vielleicht fiel ihm erst dann wieder ein, dass das schließlich seine Aufgabe war.
Danach ließen wir den Tag ruhig ausklingen. Der alte Mann war zwar unterwegs, aber Frauchen und ich hatten das Revier gründlich kontrolliert, alle wichtigen Gerüche überprüft und festgestellt, dass alles seine Ordnung hatte. Manchmal sind gerade die ruhigen Tage die, an denen man merkt, dass ein Entlebucher seine Arbeit zuverlässig erledigt – ganz gleich, wer gerade zu Hause ist.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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