Entlebucher-Tagebuch, Freitag, 26. Juni 2026. Die Vögel haben ihren Dienst pünktlich aufgenommen. Wie jeden Morgen. Niemand scheint sie dafür zu bezahlen, trotzdem arbeiten sie mit bewundernswerter Zuverlässigkeit. Die Nacht hat dagegen kaum etwas zur Abkühlung beigetragen. Schon am frühen Morgen liegt eine warme, schwere Luft über allem. Der alte Mann nahm seinen Kaffee, blickte einmal nach draußen und murmelte schon beim Aufstehen: „Heute machen wir langsam.“ Menschen sagen so etwas meistens dann, wenn sie ahnen, dass der Tag ihnen gleich erklären wird, wer hier wirklich das Tempo bestimmt.
Im Gegensatz zu seiner vorherigen Ankündigung beeilte sich der alte Mann plötzlich doch, mit mir nach draußen zu kommen. Offenbar gilt bei Menschen: langsam machen, aber trotzdem rechtzeitig los. Er erinnerte mich an das Sonne-und-Berg-Phänomen. Solange die Sonne noch hinter dem Berg steckt, kann man vernünftig laufen. Sobald sie darüber schaut, übernimmt sie das Kommando. Ich halte das für eine brauchbare Regel. Entlebucher müssen schließlich niemandem beweisen, dass sie bei drückender Wärme besonders vernünftig sind.
Der Weg bis zu den Feldern gehörte noch uns. Nur die Hühner auf dem Weg waren schon auf. Aber streng genommen sind das ja auch Vögel.
Auf den Feldern durfte ich wie gewohnt in den Freilauf. Der alte Mann bemerkte allerdings, dass damit wegen des fortschreitenden Mädchenkrams wohl bald Schluss sein wird. Menschen nennen das Vorsicht. Ich nenne es eine vorübergehende Einschränkung meines üblichen Bewegungsradius.
Nur an solchen warmen Tagen bin ich überhaupt früh genug unterwegs, um die Jäger der Nacht noch bei der Arbeit zu sehen. An normalen Morgen sind sie längst irgendwo verschwunden, während ich erst meine Runde beginne. Heute kreuzten sich unsere Dienstzeiten für einen kurzen Moment.
Der alte Mann sagte noch beim Freigeben: „Mach heute langsam.“ Ich wusste allerdings schon, dass heute ohnehin bald die Sonne den Tag bestimmen würde. Also rannte ich wie immer. Eine Runde über die linke Wiese, am alten Mann vorbei und noch eine halbe Runde über die rechte. Dann spürte ich es.
Der Morgen war nicht mehr wie gestern. Ich wollte weiter rennen. Mein Körper wusste schon, was für einen Entlebucher an so einem Morgen vernünftig ist. Die Beine wurden langsamer, ohne dass ich es beschlossen hatte. Nicht, weil ich keine Lust mehr hatte. Sondern weil diese warme, schwere Luft schon früh alles verlangsamte. Also trabte ich den Rest der Runde und überließ das Rennen einem kühleren Morgen.
Wir gingen weiter und der alte Mann entschädigte mich mit ein paar kurzen Suchspielen. Ich hatte zwar kurz den Eindruck, er hätte vergessen, dass Suchen zu meinen Kernkompetenzen gehört. Große Herausforderungen stellte er jedenfalls nicht. Normalerweise hätte ich ihm das auch deutlich zu verstehen gegeben. Als er dann aber eine Trinkpause anbot, war ich auf einmal ziemlich froh darüber.
Wir übten danach noch kurz das „Vor, vor, vor“-Spiel. Zwei saubere, professionelle Aktionen mussten für heute reichen. Ich erklärte damit die Übung für beendet. Der alte Mann widersprach nicht. Er nickte nur.
In der Senke stand plötzlich ein Rehbock. Er hatte uns längst bemerkt und beobachtete uns genauso aufmerksam, wie ich ihn. Wir blieben beide einfach stehen. Nach einem kurzen Blick drehte er sich um und verschwand lautlos im hohen Gras. Ich hielt das für eine vernünftige Entscheidung. Der alte Mann übrigens auch.
Am Tränkebrunnen machten wir noch einen kurzen Halt. Bevor ich trinken durfte, schaute sich der alte Mann wie immer erst das Wasser an und nickte dann. Das macht er dort grundsätzlich so. Der Brunnen liegt fast direkt vor unserem Zuhause und ist bei Kindern ein beliebter Ort zum Spielen. Manchmal schäumt das Wasser oder es schwimmt etwas darin, das dort nicht hingehört. Der Brunnen ist nur einen Sprint von meinem Wassernapf entfernt. Es gibt also keinen vernünftigen Grund, dort auf Risiko zu trinken. Heute war das Wasser allerdings in Ordnung.
Die Sonne war inzwischen über den Berg gekommen. Damit begann das bewährte Entlebucher-Hitzeprogramm. Gemütlich nach Hause laufen, den Wassernapf noch einmal einer Qualitätsprüfung unterziehen und anschließend den kühlsten Platz im Haus beziehen. Manche nennen das Faulheit. Entlebucher nennen es Erfahrung.
Heute hatte die Sonne so viel Kontrolle übernommen, dass ich zum ersten Mal in diesem Jahr bereit war, meine abendlichen Geschäfte im Garten zu erledigen. Normalerweise bestehe ich auf meiner Abendrunde. Heute war ich allerdings der Meinung, dass ein paar Schritte bis in den Garten völlig ausreichen. Der alte Mann schien darüber nicht unglücklich zu sein. Ich übrings auch nicht.
Später war ich dann der Meinung, wir könnten die Abendrunde vielleicht doch noch nachholen. Bis zum Tränkebrunnen hielt ich diesen Plan sogar für ausgesprochen vernünftig. Dort angekommen war ich allerdings anderer Meinung. Der alte Mann murmelte nur: „Ich habe es dir gesagt …“ Ich hielt es für klüger, so zu tun, als hätte ich das nicht gehört.
Ein annehmbarer Morgen für einen Entlebucher, über den Rest sollte mal jemand mit der Sonne reden.
Eure Eira..
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