Als pflichtbewusster Entlebucher weckte ich den alten Mann, nachdem Frauchen bereits aufgestanden war. Irgendjemand muss schließlich darauf achten, dass morgens das ganze Rudel vollständig in Bewegung kommt. Mit einem kurzen Blick, einem sanften Stupser und der nötigen Beharrlichkeit machte ich ihm unmissverständlich klar, dass der Tag längst begonnen hatte.

Als wir gerade überlegten, wo wir heute unsere Morgenrunde machen sollten, kam Lilly nach Hause. Der offizielle Katzeneingang führt bei uns über den Keller. Als von dort ihr unverwechselbares „Ich hab da mal was mitgebracht“-Mauzen zu hören war, schickte Frauchen den alten Mann zur Inspektion nach unten.

Man weiß schließlich nie, was eine Katze diesmal für eine großartige Idee hatte. Mäuse, Vögel oder etwas, das aus Katzensicht völlig normal und aus Menschensicht eher diskussionswürdig ist – bei Lilly ist alles möglich. Ich blieb vorsichtshalber oben und sicherte den Rest des Hauses. Für solche Einsätze gibt es schließlich eine klare Aufgabenverteilung im Rudel.

Wir konnten hören, wie sich der alte Mann freundlich und lobend mit Lilly unterhielt. Offenbar hatte sie wieder einmal etwas mit großem Einsatz nach Hause gebracht. Kurz darauf kam er die Treppe wieder hinauf und erklärte, dass Lilly eine Maus mitgebracht hatte. Das veranlasste Frauchen zu der berechtigten Frage, was er nun zu tun gedenke. Er antwortete ganz gelassen, Lilly habe sie nur kurz zeigen wollen und sei inzwischen dabei, sie zu verspeisen.

Frauchen sah ihn einen Moment lang an. Man konnte ihr deutlich ansehen, dass sie mit der Gesamtsituation – und vermutlich auch mit dieser Einschätzung – nicht besonders zufrieden war. Ich hielt es für klug, mich aus der Diskussion herauszuhalten. Manche Themen überlässt man besser den Menschen.

Ein paar Minuten später meldete Lilly mit einem zufriedenen Mauzen, dass sie fertig war. Der alte Mann ging noch einmal in den Keller und räumte das kleine Stück der Maus beiseite, das Katzen konsequent übrig lassen. Warum sie ausgerechnet das nicht mitessen, gehört vermutlich zu den vielen Geheimnissen der Katzen.

Damit war die Angelegenheit für die beiden erledigt. Frauchen fragte trotzdem sicherheitshalber nach, ob man den Keller nun wieder gefahrlos betreten könne. Der alte Mann bejahte das ganz selbstverständlich. Ich nahm diese Information zur Kenntnis. Man weiß schließlich nie, welche Überraschungen einen am offiziellen Katzeneingang erwarten.

Nun konnten wir endlich zu unserer Morgenrunde aufbrechen. Ich begann mit der täglichen Kontrolle der nächtlichen Veränderungen. Ein Entlebucher verlässt sich schließlich nicht darauf, dass am Morgen noch alles so ist wie am Abend zuvor. Wer für die Sicherheit seines Reviers verantwortlich ist, überprüft Wege, Gerüche und alles, was sich über Nacht verändert haben könnte.

Am Brombeerwäldchen sahen wir heute wieder einen Fuchs. Er bemerkte uns schon von Weitem, war aber offensichtlich nicht an einer Begegnung interessiert. Als wir näher kamen, verschwand er lautlos im Dickicht und ließ uns den Weg. So ist das unter vernünftigen Wildtieren. Man nimmt einander zur Kenntnis, respektiert den nötigen Abstand und jeder geht seiner eigenen Arbeit nach.

Auf den Feldern verspürte ich heute immer noch nicht den Drang zu den berühmt-berüchtigten Entlebucher-Speed- und Wendemanövern. Stattdessen trabte ich ganz entspannt neben dem alten Mann her. Nach den vielen Eindrücken und dem intensiven Mantrailing der vergangenen Woche fühlte sich dieses ruhige Tempo genau richtig an. Nicht jeder Tag muss ein Rennen sein.

Ganz untätig waren wir natürlich trotzdem nicht. Der alte Mann baute unterwegs wieder ein paar kleine Übungen aus dem Treibballtraining ein. Ich konnte zeigen, dass ich mir die Grundlagen gut gemerkt hatte und verstand ziemlich schnell, was er von mir wollte.

Zur Auflockerung versteckte er anschließend noch den Futterbeutel. Das Suchen macht mir jedes Mal großen Spaß, denn dabei kann ich meine Nase einsetzen und gleichzeitig ein wenig nachdenken. Für einen Entlebucher ist das eine gelungene Mischung. Körper und Kopf bekommen etwas zu tun, ohne dass man dafür über die Felder rasen muss.

Nach einer ausgiebigen Trinkpause machten wir uns schließlich auf den Heimweg. Gerade als wir den Weg hinunter in die Stadt einschlagen wollten, kam uns Nala entgegen, eine Labradorhündin in meinem Alter. Normalerweise gibt es bei unseren Begegnungen kein Halten. Dann wird gerannt, gewendet und gespielt, bis uns beiden die Zunge aus dem Hals hängt und unsere Menschen irgendwann beschließen, dass es nun wirklich genug sein sollte.

Heute war das anders. Ich freute mich zwar, Nala zu sehen, hatte aber überhaupt keine Lust auf wilde Rennerei. Wir begrüßten uns freundlich, schnupperten kurz und ich ließ sie wissen, dass mir heute eher nach einem ruhigen Morgen war. Nala akzeptierte das ganz selbstverständlich. Gute Hundefreunde merken eben, wenn der andere lieber einen Gang herunterschaltet.

Um das Treffen komplett zu machen, gesellte sich kurz darauf auch noch Indi zu uns, ein älterer Collie. Normalerweise ist er mit seinem langjährigen Kumpel unterwegs, den ich allerdings schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatte. Umso überraschter war ich, als heute stattdessen ein kleiner Welpe an seiner Seite lief.

Der Kleine muss allerdings noch eine ganze Menge lernen. Da ich selbst vieles von dem, was sich unter Hunden gehört, von den alten Collies gelernt habe, fand ich es durchaus angebracht, den jungen Kerl freundlich, aber bestimmt zur Ordnung zu rufen, als er etwas zu wild wurde. Indi musste dabei gar nichts sagen. Ein kurzer Blick und ein klares Auftreten meinerseits reichten völlig aus. Der Welpe hielt inne und überlegte sich seine nächsten Schritte noch einmal. So lernen junge Hunde schließlich, welche Regeln unter Erwachsenen gelten. Indi muss ja nicht jede Erziehungsaufgabe allein übernehmen. Unter vernünftigen Hunden hilft man sich gegenseitig.

Dann wurde es aber Zeit, unseren Heimweg fortzusetzen. Ich hatte mir mein Frühstück inzwischen redlich verdient, und der alte Mann schien ebenfalls noch Pläne für den Tag zu haben.

Mit Ausnahme einer kurzen Ankündigung des Paketboten hatte ich heute dann auch nicht mehr viel zu tun. Ich meldete seine Ankunft, wie es sich für einen ordentlichen Wachhund gehört, und überließ den Rest den Menschen. Danach verlief der Tag angenehm ruhig. Ich konnte mich ganz den wichtigen Dingen widmen – ausruhen, beobachten und darauf achten, dass im Revier alles seine Ordnung hatte.

Als die Sonne schon tiefer stand, zeichnete sich ab, dass wieder Tanzabend für die Menschen war. Das erkennt man bei uns ganz leicht. Frauchen beginnt dann, vorsorglich allerlei Dinge außer Reichweite zu stellen, von denen sie glaubt, dass sie für mich plötzlich ungeheuer interessant werden könnten, wenn ich ein paar Stunden allein zu Hause bin.

Ich finde ja, sie könnte mir inzwischen etwas mehr vertrauen. Nur weil ein Entlebucher genügend Zeit hat, bedeutet das schließlich nicht automatisch, dass er auf kreative Ideen kommt. Andererseits gehört es wohl zu den Eigenheiten der Menschen, lieber einmal zu viel aufzuräumen als einmal zu wenig.

Als die beiden schließlich das Haus verließen, nahm ich wie gewohnt meine Wachposition vor der Flurtür ein. Von dort aus hatte ich alles im Blick und konnte jederzeit eingreifen, falls es erforderlich gewesen wäre.

Als sie später gut gelaunt zurückkamen, konnte ich meinen Bericht erfreulich kurz halten. Während ihrer Abwesenheit hatte es keine besonderen Vorkommnisse gegeben. Das Revier war sicher, das Haus unversehrt und alles befand sich noch an seinem Platz. Genau so sollte ein ruhiger Dienst verlaufen.

Der alte Mann vergaß auch seinen Teil der Abmachung nicht, und so brachen wir noch zu einer vernünftigen Abendrunde auf. Er schlug die Bahnhofsrunde vor. Das ist zwar nicht unbedingt mein persönliches Highlight, aber nach dem vielen Wasser, das am Nachmittag vom Himmel gekommen war, war es eine durchaus vernünftige Entscheidung.

Allerdings starteten wir zunächst in die falsche Richtung. Am Nachmittag hatten wir entlang der Steinach versehentlich einige Pupsitüten verloren. Die wollten wir natürlich wieder einsammeln. So etwas lässt man schließlich nicht einfach liegen.

Kaum waren wir ein Stück unterwegs, überlegten wir es uns dann aber doch noch einmal anders. Wie das manchmal so ist, führte ein Gedanke zum nächsten, und ehe ich mich versah, bogen wir doch wieder in Richtung der Felder ab. Aus der geplanten Bahnhofsrunde wurde also eine etwas andere Abendrunde. Mir war das ganz recht. Solange wir gemeinsam unterwegs sind, kann sich der Weg auch unterwegs noch ändern.

Am Friedhof musste mir dann noch so ein kleiner Kläffer lautstark seine Meinung kundtun. Offenbar hielt er es für wichtig, mir aus sicherer Entfernung zu erklären, was er von meiner Anwesenheit hielt. Ich war heute allerdings überhaupt nicht in der Stimmung, darauf einzugehen. Ich warf ihm einen kurzen Blick zu und setzte meinen Weg einfach fort. Nicht jede Einladung zu einer Diskussion muss angenommen werden.

Wir mussten dann auch gar nicht weit gehen, bis ich alles Geschäftliche erledigt hatte. So ruhig, wie ich den Tag begonnen hatte, wollte ich ihn auch ausklingen lassen. Ich machte dem alten Mann deshalb deutlich, dass ich heute keine große Runde mehr brauchte und wir von mir aus gerne wieder nach Hause gehen könnten. Er schien dieser Idee überhaupt nicht abgeneigt zu sein.

Dann wurde es aber doch noch einmal kurz aufregend. Uns kamen die beiden Möpse aus einem der Nachbarhäuser entgegen. Die beiden Flachnasen können mich schon nicht leiden, seit ich als Welpe hier eingezogen bin. Wenn ich ehrlich bin, habe ich allerdings den Eindruck, dass sie grundsätzlich niemanden besonders leiden können.

Wenn die beiden heute laut werden, klingt das allerdings längst nicht mehr so selbstsicher wie damals. Vielleicht sind wir alle mit den Jahren ein wenig gelassener geworden. Oder ich bin inzwischen einfach größer als die beiden zusammen. Das könnte natürlich auch eine Rolle spielen.

Der alte Mann und ihr Herrchen sahen sich kurz an und verstanden sich ohne viele Worte. Wegen des entgegenkommenden kleinen Kläffers hatten die drei ohnehin schon die Straßenseite gewechselt, sodass beim Vorbeigehen ein paar Autos zwischen uns waren. Das war für alle eine vernünftige Lösung.

Ich war trotzdem ziemlich aufgeregt. Solche Begegnungen wecken eben Erinnerungen. Der alte Mann bemerkte das sofort und half mir mit ein paar Leckerchen dabei, ruhig zu bleiben. Auch die beiden Flachnasen verhielten sich erstaunlich gelassen, sodass wir ohne großes Theater aneinander vorbeikamen.

Als wir die nächste Straßenecke erreicht hatten, war meine Aufregung schon wieder verflogen. Damit war auch der letzte Programmpunkt dieses Tages erledigt. Wir gingen nach Hause, machten es uns auf dem Sofa gemütlich und ließen den Abend genauso ruhig ausklingen, wie dieser Tag begonnen hatte.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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