Der Tag heute begann eigentlich schon gestern. Frauchen sagte schon gestern Abend, dass sie heute Morgen mit mir Canicross laufen wollte. Das ist etwas anderes als normales Laufen. Normales Laufen bedeutet: Menschen bewegen sich aus freien Stücken in gleichmäßigem Tempo durch die Gegend und tun dabei so, als hätten sie alles unter Kontrolle. Canicross bedeutet: Ein Mensch hängt sich freiwillig an einen Hund und hofft, dass dessen Entscheidungen vernünftig bleiben.
Heute Morgen fragte der alte Mann, ob er mitkommen sollte. Frauchen überlegte kurz und meinte, das wäre praktisch. Wegen der Dinge, die mitgenommen werden müssten.
Das klang angemessen.
Für Canicross braucht man schließlich nicht nur Hund und Mensch. Da gibt es Geschirr, Leine, Trinkzeug und – nach den Erfahrungen der letzten Zeit – eine ordnungsgemäße Käseversorgung.
Diesmal achtete ich besonders auf den Käse. Man lernt aus Erfahrungen. Und zu meiner Zufriedenheit erinnerte sogar Frauchen den alten Mann daran. Das fand ich bemerkenswert. Normalerweise bin ich für Qualitätskontrolle und Vollständigkeitsprüfung zuständig. Aber offenbar hatte auch Frauchen erkannt, dass ein Canicross ohne Käse unnötige Risiken birgt.
Der alte Mann packte den Käse ein. Ich kontrollierte den Vorgang. Danach konnten wir los.
Wir begannen wie immer mit der normalen Leine und den vorbereitenden Hundedingen. Menschen glauben oft, ein Lauf beginnt mit dem Laufen. Das ist falsch. Ein Lauf beginnt mit Schnüffeln, Lagebewertung, dem Lesen der nächtlichen Nachrichten und einer ersten Einschätzung, wie motiviert die Beteiligten heute sind.
Außerdem muss man sich kurz sortieren. Einmal lösen. Einmal prüfen, wer schon unterwegs war. Einmal schauen, ob irgendwo jemand unvernünftige Entscheidungen getroffen hat. Und natürlich die Menschen auf Betriebstemperatur bringen.
Erst danach wird umgebaut. Normale Leine weg. Canicrossgeschirr dran.
Dann schaute ich mir die Aufstellung an. Der alte Mann hatte gar keinen Hüftgürtel angezogen. Ich betrachtete die Situation noch einmal. Frauchen: Hüftgürtel. Ich: Zuggeschirr. Alter Mann: normale Kleidung und Transportauftrag.
Damit war der Plan offensichtlich. Ich sollte die ganze Zeit Frauchen ziehen.
Kurz darauf lief der alte Mann ein paar Meter vor uns. Und da wurde es endgültig klar. Das war gar kein normales Ziehen. Mein Auftrag war, Frauchen langsam auf mehr Geschwindigkeit zu trainieren. Der alte Mann lief vorne und setzte das Tempo.
Da sagte Frauchen: „Zieh – langsam.“ Ich sah den alten Mann ein gutes Stück vor mir. Dann zog ich an. Von hinter mir kam sofort: „Ughhh … LANGSAM!“ Ich nahm das zur Kenntnis. Offenbar hatten wir unterschiedliche Vorstellungen davon, was „langsam“ bedeutet. Für einen Entlebucher bedeutet langsam schließlich nicht stehen bleiben. Es bedeutet kontrollierter Vortrieb.
Ich reduzierte also minimal. Der alte Mann blieb vor uns. Frauchen blieb hinter mir. Technisch gesehen funktionierte der Plan hervorragend. Und obwohl ich nur seinen Rücken sehen konnte, war ich ziemlich sicher, dass der alte Mann grinste.
Menschen machen das manchmal. Sie geben einen Auftrag. Der Hund führt ihn korrekt aus. Und dann tun sie überrascht.
Der Lauf wurde von mir professionell unterstützt.
Nachdem wir uns auf eine gemeinsame Definition von langsam geeinigt hatten, kamen wir gut voran. Dann kam uns ein anderer Hund mit seinem Herrchen entgegen. Die beiden verhielten sich vernünftig. Sie gingen auf die Wiese und machten Platz. Natürlich war der andere Hund an unserem Laufteam interessiert.
Das konnte ich verstehen. Vorne der alte Mann als bewegliches Ziel. Dazwischen ich im Zuggeschirr. Hinten Frauchen im Arbeitsmodus. Das wirkte insgesamt recht professionell.
Ich hielt also den Kurs. Mit einer kleinen Anpassung. Ich lief einen minimalen Bogen in Richtung des anderen Hundes. Nicht aus sozialem Interesse. Und auch nicht, weil ich die Arbeit vergessen hatte. Sondern um klarzumachen, dass ich ihn gesehen hatte und die Situation unter Kontrolle stand. Wie man das als Entlebucher eben macht.
Nicht hinlaufen. Nicht diskutieren. Nicht aus der Arbeit fallen. Nur kurz zeigen: Ich habe dich wahrgenommen. Du hast Platz gemacht. Das ist vernünftig.
Dann wieder zurück auf Linie. Der andere Hund blieb höflich. Sein Herrchen blieb höflich.
Wir blieben in Bewegung. Von hinten kam keine Beschwerde außer etwas angestrengteren Atemgeräuschen von Frauchen. Ich wertete das als Zeichen, dass meine Trainingsmethoden Wirkung zeigten.
Aber nach einiger Zeit kam ich zu dem Schluss, dass die Trainingsphase für heute ausreichend war. Ich muss zugeben: Ich war diejenige, die sagte, es reicht. Ich nahm etwas Zug raus und machte deutlich, dass wir jetzt in den Verwaltungsmodus wechseln. Nicht weil ich nicht mehr konnte. Das wäre absurd. Und auch nicht, weil Frauchen nicht mehr konnte. Sondern weil ich zu dem Ergebnis kam, dass weitere Beschleunigung heute keinen sinnvollen Trainingseffekt mehr gebracht hätte.
Man muss Menschen dort abholen, wo sie stehen. Der alte Mann lief heute vorne, weil er das höhere Tempo leichter halten konnte. Frauchen war noch in der Anpassungsphase. Es bringt nichts, zu schnell zu steigern. Gute Trainer erkennen den richtigen Zeitpunkt.
Und selbstverständlich gab es danach den professionellen Abschluss. Der alte Mann holte den ordnungsgemäß mitgeführten Käse hervor. Ich nahm die Belohnung entgegen. Nicht als Bezahlung. Sondern als offizielle Bestätigung, dass die Trainingseinheit erfolgreich durchgeführt wurde.
Heute ging keiner von beiden an die hellen Rechtecke. Das war ungewöhnlich.
Normalerweise beginnt mindestens einer irgendwann damit, auf diese leuchtenden Flächen zu starren. Dann wird mit den Fingern getippt, mit ernsten Gesichtern genickt oder Dinge gesagt wie „nur noch kurz“. Manchmal sitzen sie sogar nebeneinander und schauen jeder auf ein anderes helles Rechteck. Ich habe das nie ganz verstanden. Wenn man schon gemeinsam irgendwo liegt, könnte man sich auch gegenseitig die Ohren kraulen. Aber Menschen haben andere Prioritäten.
Heute nicht. Heute blieb alles ruhig. Frauchen machte irgendwann Tee. Der alte Mann setzte sich dazu. Niemand verschwand ins Arbeitszimmer. Niemand sagte Worte wie „Meeting“, „gleich noch“ oder „ich muss nur kurz“. Stattdessen wurde gelesen, geredet, aus dem Fenster geschaut und erstaunlich viel einfach nur herumgesessen.
Ich kontrollierte die Situation natürlich sorgfältig. Erst lag ich bei Frauchen. Dann beim alten Mann. Dann zwischen beiden, um sicherzugehen, dass keiner heimlich doch ein helles Rechteck hervorholt. Es gab kurze Kontrollgänge zur Küche und zurück. Alles unauffällig. Irgendwann stellte ich fest, dass Menschen an solchen Tagen langsamer werden. Sie bewegen sich weniger. Sie reden leiser. Sie schauen öfter einfach irgendwohin, ohne etwas zu tun.
Das erschien mir vernünftig. Also rollte ich mich zusammen und machte mit. Ich habe den Eindruck, Menschen vergessen manchmal, dass man nicht jeden Tag etwas erledigen muss. Manche Tage bestehen einfach daraus, dass alle da sind und nichts Wichtiges passiert.
Aus Entlebucher-Sicht ist das kein verlorener Tag. Das ist ein Tag, an dem das Rudel vollständig war und niemand verschwunden ist.
Nach der Mittagsruhe geschah dann doch noch etwas.
Der alte Mann begann, einen Korb zu packen. Nicht hektisch. Nicht nach dem Muster „wir haben vor zehn Minuten festgestellt, dass wir vor zwanzig Minuten hätten losfahren müssen“. Sondern ordentlich.
Ich beobachtete.
Zuerst kam das zweite besondere Geschirr hinein. Dann die lange Leine. Dann zwei Dosen mit extra gutem Futter. Wasser. Das sah nach Arbeit aus. Und dann griff er zu einer Tüte. Socken. Seine Socken.
Ich schaute kurz hin. Und verstand. Nicht für mich. Für mich brachte jemand anders ein Kleidungstück mit. Jetzt war alles klar. Mantrailing. Wir würden Menschen besuchen, die Menschen suchen. Das ist ein interessantes Konzept.
Die Trainerin erklärt dann meistens Dinge, die Menschen wissen müssen, damit sie lernen, ihren Hunden nicht im Weg zu stehen. Die Suchteams arbeiten konzentriert. Menschen schauen ernst. Es wird über Geruch gesprochen und über Entscheidungen.
Und irgendwo darin sind Hunde, die versuchen, trotz all dessen vernünftig ihre Arbeit zu machen. Ich liebe Mantrailing.
Nicht nur das Suchen. Ich mag das ganze Drumherum. Das besondere Geschirr. Die lange Leine. Die gespannte Stimmung kurz vor dem Start. Menschen, die plötzlich auf jede Bewegung achten und sich Mühe geben, nichts kaputtzudenken.
Das andere Team war allerdings vor uns da. Aus meiner Sicht ärgerlich. Es gibt eine sehr einfache und faire Regel: Der Hund, der zuerst kommt, darf zuerst suchen.
Also musste ich mit Frauchen im Auto warten. Das Auto ist grundsätzlich in Ordnung. Es ist trocken, man kennt es und meistens passiert nichts Unvernünftiges. Aber ich saß da und wusste: Da draußen wird gerade gesucht.
Ich lauschte. Autotüren. Menschenstimmen. Irgendwo Schritte. Ich stellte mir vor, wie das andere Team arbeitet. Und ich dachte mir: Na gut. Macht ihr mal. Und wenn ihr den alten Mann nicht findet, übernehme ich.
Auch ohne seine Socken.
Ich finde das sowieso etwas übertrieben. Der alte Mann riecht nicht nur an den Füßen. Er riecht nach dem altem Mann. Nach Zuhause. Nach Auto. Nach den Schuhen im Flur. Nach Wald. Nach „ich setze mich kurz hin und bleibe dann eine Stunde“. Ich würde ihn vermutlich auch finden, wenn man mir nur sagt: „Such den mit den schlechten Verstecken.“
Trotzdem respektiere ich die Regeln.
Wenn ein anderes Team arbeitet, wartet man. Man drängelt nicht. Man kommentiert nicht. Man sitzt mit Frauchen im Auto und tut so, als wäre man völlig entspannt. Und falls der andere Hund erfolgreich ist, freut man sich höflich.
Und falls nicht …
Nun. Ich war vorbereitet.
Sie haben den alten Mann gefunden, Achtungserfolg.
Dann war ich dran. Zuerst mit Frauchen. Ich bekam mein besonderes Geschirr an. Die lange Leine wurde eingehängt. Frauchen wurde konzentriert. Ich wurde konzentriert.
Dann bekam ich mein Kleidungsstück. Geruch aufnehmen. Los. Und ich arbeitete. Sauber, Ruhig, Konzentriert … größtenteils. Hier und da gab es natürlich ein klitzekleines Privatschnüffeln. Nicht aus Unprofessionalität. Eher Qualitätskontrolle. Man kann nicht erwarten, dass ich an interessanten Stellen einfach vorbeigehe. Ein kurzer Blick in die Randnotizen des Weges gehört zu gründlicher Arbeit dazu.
Frauchen murmelte irgendwann etwas in diesem Tonfall, den Menschen benutzen, wenn sie glauben, man würde gerade nicht arbeiten. Ich ignorierte das höflich. Ich hatte einen Plan.
Und dann wurde es wieder eindeutig. Der Geruch zog. Die Richtung passte. Die Welt sortierte sich. Jetzt keine Randnotizen mehr. Jetzt Arbeit. Ich wurde schneller.
Frauchen lief hinterher. Und dann … gefunden. Zielgerichtet. Sauber. Das Frauchen des anderen Hundes stand da. Und wirkte erfreut. Ich nahm meine Belohnung entgegen und stellte fest:
Das ist eigentlich ein ziemlich gutes Spiel.
Menschen verstecken sich. Hunde erledigen das Offensichtliche. Und alle sind hinterher zufrieden. Aus Entlebucher-Sicht ein ausgesprochen vernünftiges Hobby.
Zweite Runde. Diesmal durfte der alte Mann die Leine tragen. Ich finde, das steht ihm.
Er macht das ruhig. Nicht dieses dauernde Nachfragen mit der Leine, das manche Menschen machen. Er hält Verbindung und wartet darauf, dass ich Entscheidungen treffe.
Wir warteten auf das Go. Ich war bereit. Der alte Mann war bereit. Frauchen war bereit.
Nur die Trainerin wurde plötzlich ein kleines bisschen … nervös. Es stellte sich heraus: Man hatte der versteckten Person eine Karte gegeben. Und eine Wegbeschreibung. Damit sie sich gut verstecken kann. Die versteckte Person verlief sich.
Ich sage nichts dazu.
Menschen bekommen Karten und verlaufen sich. Das kommt vor.
Dann hektische Telefonate. Menschen gingen herum. Es wurde erklärt. Neu erklärt. Noch einmal erklärt. Die Situation wurde gerettet.
Aber. Jetzt hatten wir eine unsaubere Spurenlage. Doppelspur.
Aus Entlebucher-Sicht bedeutete das: Jetzt wird es echt professionell. Bis dahin hatte ich hier und da noch kleine Privatgespräche mit der Umgebung geführt. Ein kurzer Blick links. Ein kurzer Eintrag ins Geruchstagebuch rechts. Aber jetzt nicht mehr.
Jetzt volle Konzentration. Leine an. Geruch aufnehmen. Ich stellte die Privatgespräche ein. Der Rest wurde leiser. Ich ging an. Da war etwas. Nicht sauber. Nicht gerade. Menschen hatten wieder Dinge getan. Eine Spur. Dann die andere. Kurz prüfen. Nicht festlegen. Weiter. Noch einmal. Hier? Nein. Da? Nein. Und dann. Ja. Nicht, weil es plötzlich stärker wurde. Sondern weil es wieder Sinn ergab. Ich bog ab. Der alte Mann kam mit. Gut. So arbeitet es sich angenehmer. Ab da wurde es wieder einfach. Spur. Richtung. Entscheidung.
Und irgendwann stand sie da. Die versteckte Person. Ich nahm meine Belohnung entgegen. Die Menschen wirkten zufrieden. Die Trainerin auch.
Ich fand das angemessen. Ich hatte nichts Besonderes gemacht. Ich hatte nur aufgehört, mit Büschen zu reden und wieder gearbeitet.
Auf der Heimfahrt geschah dann noch etwas.
Wir hielten plötzlich an. Nicht zuhause. Nicht an einem bekannten Ort. Einfach so.
Der alte Mann machte die Tür auf und ich sollte noch einmal aussteigen. Ich war irritiert. Nach dem Arbeiten kommt normalerweise Heimfahren. Das ist ein bewährtes System.
Mir wurde signalisiert, dass ich noch einmal meine Geschäfte erledigen sollte. Sehr ungewöhnlich. Ich schaute hier. Ich schaute dort. Ich überprüfte die Lage sorgfältig. Eigentlich hatte ich nichts Dringendes vor.
Aber der alte Mann hatte sich offenbar etwas dabei gedacht. Also tat ich ihm den Gefallen. Zurück im Auto passierte etwas Merkwürdiges. Frauchen setzte sich zu mir nach hinten.
Ich war … interessiert.
Das machen Menschen nicht einfach so. Menschen haben Gründe. Ich wartete. Und dann …
kam Daniel. Er kam aus dem Bahnhof und stieg zu uns ins Auto.
Ich war sofort sehr dafür. Allerdings stellte sich heraus: Ich war angeschnallt.
Das ist aus Entlebucher-Sicht ein erheblicher Nachteil. Wie soll man denn bitte eine ordentliche Begrüßung durchführen? Ich hätte mehrere Punkte auf der Liste gehabt:
Anstupsen. Kreiseln. Intensive Geruchskontrolle. Kurzes Auf-den-Schoß-Klettern, unabhängig von physikalischen Möglichkeiten. Vielleicht ein kleiner Freudentanz.
Stattdessen saß ich da. Gesichert. Regelkonform.
Meine Proteste gingen allerdings weitgehend in meinem Freudenquietschen unter.
Daniel verstand trotzdem. Dann fuhren wir heim
Ein langer, aber wirklich guter Tage für einen Entlebucher.
Eure Eira
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