Entlebucher Tagebuch – Montag, 26. Oktober 2026.

Seit gestern stimmt hier etwas nicht.

Vielleicht liegt es an den leuchtenden Vierecken, denen die Menschen so sehr vertrauen. Ich weiß es nicht. Irgendetwas scheint bei den beiden durcheinandergeraten zu sein.Gestern hatte ich mir noch nicht viel dabei gedacht. Es war einer dieser Tage, an denen die Menschen nicht vor ihren leuchtenden Vierecken sitzen müssen. Da läuft manches anders. Sie stehen später auf, trinken länger Kaffee und gehen zu merkwürdigen Zeiten aus dem Haus. Manchmal kommt sogar das Essen zu spät. Ich merke das sofort. Mein Magen hat eine ausgesprochen zuverlässige Uhr, auf die sich niemand außer mir zu verlassen scheint.

Aber heute war Bürotag. Da gibt es normalerweise einen festen Ablauf. Der alte Mann steht auf, macht seinen Kaffee, wir sitzen eine Weile auf dem Sofa und irgendwann wird es hektisch. Dann zieht er sich an, sucht seine Sachen zusammen und verschwindet zur Arbeit.

Heute nicht.

Als ich längst mit dem üblichen Morgenprogramm gerechnet hatte, schlief er noch. Irgendwann stand er auf, machte seinen Kaffee und setzte sich ganz gemütlich zu mir aufs Sofa. Er verhielt sich, als wäre alles wie immer. Später machte er sich fertig und verließ das Haus.

Frauchen war nicht besser. Sie schien der Meinung zu sein, dass alles seine Ordnung hätte. Ich beobachtete beide genau, konnte aber keine Anzeichen dafür entdecken, dass ihnen irgendetwas aufgefallen war. Immerhin ging Frauchen dann mit mir auf die Morgenrunde. Zwar zu einer ausgesprochen merkwürdigen Zeit, aber wenigstens fand sie statt.

Draußen schien zunächst alles in Ordnung zu sein. Die bekannten Wege waren noch da, die Gerüche auch. Sicherheitshalber kontrollierte ich alles zweimal. Man konnte nicht wissen, was sich über Nacht noch alles verändert hatte.

In der Stadt hätte ich gerne mit ein paar Hunden gesprochen. Vielleicht wussten die ja, was mit den Menschen los war. Aber Frauchen wollte keine Kontakte und führte mich in einem Bogen an ihnen vorbei. Ich hätte durchaus ein paar Fragen gehabt, wollte die Gespräche aber nicht erzwingen. Die Runde war weder besonders kurz noch besonders lang. Frauchen hatte immer noch etwas gegen den Wind einzuwenden. Das konnte ich verstehen. Der hatte sich seit gestern nicht beruhigt.

Zu Hause bestätigte sich mein Verdacht erneut. Was mit dem Mittagessen war, muss ich wohl nicht besonders erwähnen. Auch das kam zu spät.

Ob der alte Mann anschließend zur richtigen Zeit nach Hause kam, kann ich nicht beurteilen. Der kommt sowieso, wann er will. Da lässt sich nur schwer feststellen, ob sich heute etwas verändert hat. Er selbst wirkte mit dem Verlauf des Tages ganz zufrieden. Verlässlicher war dagegen die Nachmittagsrunde. Der alte Mann zog seine dicke Jacke an, setzte die Mütze auf und wir machten uns auf zu einer ordentlichen Feldrunde.

Unterwegs sahen wir einige fremde Hunde in größerer Entfernung. Der alte Mann machte Übungen mit mir und ließ mich große Kreise laufen. Da blieb wenig Zeit, mich mit den anderen Hunden zu beschäftigen. Ich rannte über die Felder, wechselte auf sein Zeichen die Richtung und hatte reichlich Platz für schnelle Kurven.

Bei einem dieser Kreise schaute ich kurz zum alten Mann hinüber. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Ich war gerade mit ordentlich Tempo unterwegs. Solche Kreise mag ich, vor allem wenn der alte Mann mein Spieli zurückhaben möchte und ich noch eine Runde dranhänge. Dann werden die Kurven eng und ich gebe mir Mühe, ihm nicht zu nahe zu kommen.

Doch diesmal wollte er nicht mein Spieli zurück.

„Stopp!“

Der Ruf kam im letzten Augenblick. Direkt vor mir war ein Schafzaun gespannt, so niedrig und unauffällig, dass wir ihn beide übersehen hatten. Fast wäre ich mitten in das Netz gerannt. Mit einer scharfen Kurve konnte ich gerade noch ausweichen.

Wir blieben stehen und sahen genauer hin. Tatsächlich standen mitten im Sonnenblumen-Mais-Feld Schafe. Kleine Schafe, die kaum höher waren als die Pflanzen, zwischen denen sie herumliefen. Bisher hatte ich das Feld hauptsächlich mit Sonnenblumen, Mais und gelegentlichen Mäusen in Verbindung gebracht. Dass dort jetzt Schafe wohnten, war neu. Der alte Mann betrachtete die ungewöhnlichen Bewohner genauso verwundert wie ich.

Wir standen noch eine Weile da und beobachteten die Schafe. Dann setzten wir unsere Runde fort. Der alte Mann schaute jetzt deutlich genauer hin, bevor er mich wieder laufen ließ.

Etwas verdattert kamen wir nach Hause.

Lilly und Fee schienen von den ganzen Veränderungen nichts mitbekommen zu haben. Lilly wusste weiterhin genau, wann sie etwas zu fressen verlangen musste, und Fee hielt sich an ihre gewohnten Abläufe. Bei den beiden war alles wie immer.

Vielleicht erzählen die leuchtenden Vierecke den Menschen seit gestern etwas Falsches. Der alte Mann schaut häufig darauf, bevor er aufbricht. Wenn die ihm jetzt andere Zeiten zeigen, würde das einiges erklären. Nur warum er ihnen mehr glaubt als meinem Magen, verstehe ich nicht.

Am Abend lagen wir wieder zusammen auf dem Sofa. Der alte Mann hatte seinen gewohnten Platz eingenommen, der Wind pfiff noch immer ums Haus, und irgendwo auf einem Feld standen kleine Schafe zwischen Sonnenblumen und Mais.

Ich legte den Kopf ab und sah noch einmal zum alten Mann hinüber.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert