Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 23. August 2026. Als der alte Mann heute Morgen in die Küche ging, um sich seinen Morgenkaffee zu machen, stutzte er. Etwas stimmte nicht. Die Katzennäpfe standen zwar an ihrem Platz, sahen aber so sauber aus, als kämen sie gerade aus der Spülmaschine. Als ich einen Moment später die Treppe herunterkam, sah er mich vorwurfsvoll an. Heute Nacht war Frauchen nämlich einmal auf und hatte dabei im Halbschlaf die Schlafzimmertür offen gelassen. Wir haben dort so ein Kindersicherungsgitter. Das ist eigentlich ziemlich praktisch. Ich kann trotzdem alles hören und riechen, was im Haus passiert, aber wenn das Gitter geschlossen ist, bleibe ich auf meiner Seite. Nicht, weil ich nicht darüber könnte. Das Ding kann ein Dackel im Stand überspringen. Aber der alte Mann hat mir beigebracht, dass hinter dem Gitter nachts keine Kontrollgänge von mir erwartet werden. Wenn die Tür offen ist, ist das etwas anderes. Dann ist der Weg frei und ich kann wieder nachsehen, was im Haus los ist. Also hatte ich heute Nacht offenbar wieder mehr Haus zur Verfügung. Wie genau dabei die Sache mit dem Katzenfutter passiert ist, weiß ich allerdings selbst nicht mehr so ganz genau. Die Näpfe waren jedenfalls sauber. Sehr sauber. Vielleicht sogar ein bisschen zu sauber.

Zuerst dachte ich ja, der alte Mann wäre noch sauer, als wir heute Morgen nur die kurze Runde gemacht haben. Schließlich hatte er diesen ganz bestimmten Blick. Aber dann stellte sich heraus, dass er gar nicht wegen der kurzen Runde so schaute. Er hatte mit Frauchen über die Näpfe gesprochen und mich eigentlich nur daran erinnert, dass ich nicht in die Küche darf. Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Kontrollgang hatte ansonsten keine Besonderheiten, die ich hätte melden müssen. Am Brombeerwäldchen querte allerdings ein Fuchs unseren Weg. Er schaute uns an, wir schauten ihn an, dann schaute er wieder geradeaus und ging so langsam seines Weges, dass ich nicht einmal im Traum hätte denken können, er hätte Lust auf ein Rennspiel. Ich habe ihn trotzdem im Auge behalten. Man weiß ja nie. Aber offenbar hatte der Fuchs heute genauso wenig Interesse an einer Angelegenheit wie wir an einer Verfolgungsjagd. Also ging jeder seiner Wege. So soll das sein.

Als wir wieder zu Hause waren, begann der alte Mann, die Mantrailausrüstung zusammenzusuchen. Da war klar, warum wir heute Morgen nur die kurze Runde gemacht hatten. Wir gingen trailen. Ich war sofort bereit. Frauchen, mich und die Ausrüstung verfrachtete der alte Mann ins Auto, dann ging es los. Als wir ankamen, konnte ich Marita schon auf dem Parkplatz stehen sehen. Trotzdem musste ich im Auto warten, weil Amira schon vor uns angekommen war und zuerst trailen durfte. Das fand ich natürlich nicht besonders überzeugend. Ich habe mich auf Entlebucher-Art darüber beschwert. Nicht laut und schon gar nicht lange. Aber so, dass der alte Mann ziemlich genau wusste, was ich von dieser Reihenfolge hielt. Aber weder der alte Mann noch Marita ließen sich davon beeindrucken. Mit Frauchen allein wäre das sicher anders gewesen. Die ist nicht so herzlos. Also blieb mir nichts anderes übrig, als im Auto zu warten. Ich konnte immerhin beobachten, wie Amira zum Start gebracht wurde und schließlich auf ihren Trail verschwand. Mehr gab es für mich vorerst nicht zu sehen. Und das war eindeutig zu wenig.

Aber dann war ich dran. Während wir noch darauf warteten, dass die Versteckperson ihr Ziel erreichte, berichtete ich den dreien mit meiner typischen Entlebucher-Erzählstimme schon einmal, wie ich mir den Ablauf jetzt vorstellte. Als es dann losging, hat Frauchen einen ganz passablen Abgang hingelegt und musste von Marita nicht korrigiert werden. Es beruhigt mich, wenn das ganze Team sein Handwerk versteht. Ich folgte der Spur dann mit der Entlebucher-eigenen Arbeitsmoral: Aufgabe erhalten – wird ausgeführt. Auch wenn die Menschen wieder der Meinung waren, ich wäre dabei ein bisschen zu zügig unterwegs. Ich sehe das anders. Wenn man eine Aufgabe bekommt, muss man sie ordentlich erledigen. Ich erreichte die Versteckposition fehlerfrei, setzte mich direkt vor die Versteckperson und wurde dann, wie vereinbart, mit viel Lob und dem guten Futter bezahlt. Auftrag erledigt. So muss das sein.

In der zweiten Runde durfte ich dann mit dem alten Mann laufen. Marita hatte sich wieder eine kleine Schwierigkeit einfallen lassen und die Versteckperson ein Stück des Weges zurücklaufen lassen, sodass die Spur auf beiden Straßenseiten verlief. An der Stelle hatte ich zwei Gerüche vor der Nase. Ich nahm mir beide kurz vor, blieb bei der älteren Spur aber nicht lange stehen und folgte der frischeren weiter. Als ich nur noch diese eine Spur vor mir hatte, konnte ich auch das Tempo wieder etwas anziehen. Die Menschen hatten damit offenbar kein Problem mehr. Auch der zweite Auftrag wurde gut erledigt. Die Bezahlung stimmte ebenfalls, und so konnten wir zufrieden wieder nach Hause fahren. Zwei Aufträge, zwei Treffer, zweimal gute Bezahlung. Ein erfolgreicher Vormittag, würde ich sagen.

Am Nachmittag übte Frauchen ihre Yogastunde mit dem alten Mann als Schüler noch einmal im Wohnzimmer. Es wird ihre erste Stunde als Lehrerin, und da darf man schon ein bisschen aufgeregt sein. Ich beobachtete die beiden natürlich aufmerksam. Zumindest eine Weile. Dann fielen mir wieder die Augen zu. Nach dem Mantrailen am Vormittag hatte ich schließlich auch schon ordentlich gearbeitet. Wenn Frauchen ihre Übungen mit dem alten Mann macht, muss ich nicht jeden einzelnen Ablauf überwachen. Ich lag da und hörte nur noch mit halbem Ohr zu, was die beiden im Wohnzimmer machten.

Zum Abschluss des Tages machte der alte Mann noch eine Feldrunde mit mir. Für den Kopf hatte ich heute schon genug getan, aber ein bisschen die Füße vertreten, ohne großes Kommando und einfach nur unterwegs sein, tat doch noch gut. Gelohnt hat es sich auf alle Fälle. Unterwegs trafen wir Emmy, die alte Leonberger-Dame, die mir in meiner Junghundphase viel über gutes Benehmen beigebracht hat. Da wird man schon ein bisschen langsamer. Nicht weil man müde ist, sondern weil man jemanden trifft, dem man Respekt entgegenbringt. Und Emmy gehört eindeutig dazu.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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