Entlebucher Tagebuch – Freitag, 16. Oktober 2026. Heute Morgen wurde Frauchen wach, bevor der Tag überhaupt angefangen hatte. Die Nacht war schon dabei, Feierabend zu machen. Statt aufzustehen, beschloss Frauchen, sich noch ein bisschen an den alten Mann zu kuscheln.

Das war grundsätzlich eine vernünftige Entscheidung. Ich hatte meinen Platz auf seiner anderen Seite nämlich längst bezogen. So lag der alte Mann ordentlich zwischen uns, und niemand musste sich um die Verteilung der Liegeplätze kümmern. Ich sah jedenfalls keinen Anlass, an dieser Aufstellung etwas zu ändern.

Nach einer Weile beschlossen die beiden dann doch, den Tag zu beginnen. Der alte Mann machte sich auf den Weg zur Kaffeemaschine. Das gehört zu seinen zuverlässigsten morgendlichen Tätigkeiten.

Nach dem Morgenkaffee kümmerte er sich um die brummenden und piepsenden Kisten im Haus, die dafür zuständig sind, alles wieder sauber zu machen. Weshalb man dafür gleich mehrere Kisten braucht, habe ich noch nicht herausgefunden. Sie machen jedenfalls viel Lärm und verlangen zwischendurch Aufmerksamkeit.

Frauchen packte unterdessen ihre Sachen zusammen und machte sich bald darauf auf den Weg. Soweit ich verstanden hatte, wollte sie dieses Wochenende wieder Tiere turnen. Das macht sie in letzter Zeit öfter. Dabei verstehe ich nicht, weshalb sie dafür extra wegfahren muss. Ich könnte ihr hier zu Hause ohne Weiteres zeigen, wie man sich ordentlich streckt, den Rücken rund macht oder alle vier Beine gleichzeitig in die Luft hält. Aber Menschen haben offenbar ihre eigenen Vorstellungen davon, wie man so etwas lernt.

Als der Tag dann endlich richtig wach war, machten der alte Mann und ich uns auf den Weg zu einer großen Kontrollrunde über die Felder.

Schon am Aufstieg gab es etwas Interessantes zu beobachten. An der Pupsibox stand ein Auto, und ein Mensch war gerade damit beschäftigt, die gesammelten Tüten abzuholen. Das fand ich bemerkenswert. Der alte Mann trägt meine Hinterlassenschaften regelmäßig zu dieser Box, und nun kam tatsächlich jemand mit einem Auto, um sie wieder mitzunehmen. Offenbar gibt es für diese Angelegenheit eine eigene Zuständigkeit. Ich hätte mir den Vorgang gerne genauer angesehen, aber der alte Mann wollte weiter.

Draußen auf den Feldern lag der erste richtige Nebel, den ich in diesem Herbst zusammen mit dem alten Mann erlebte. Die Wege waren noch gut zu erkennen, aber die Weinberge und die weiter entfernten Bäume verschwanden stellenweise im Grau. Der alte Mann schaute in die Landschaft, während ich mich um die Nachrichten am Wegrand kümmerte. Dass man weniger sehen konnte, bedeutete nicht, dass es weniger zu kontrollieren gab.

Besonders viele Vögel waren heute unterwegs. Ganze Versammlungen saßen auf den Feldern, und wenn wir näher kamen, hüpften sie ein Stück weiter oder flatterten auf. Ich hätte gerne überprüft, ob sie alle ordentlich fliegen können. Ein kurzer Antritt meinerseits hätte genügt. Der alte Mann untersagte mir das ausdrücklich. Sogar als einige direkt vor meiner Nase aufflatterten, blieb er bei seiner Entscheidung. Ich behielt die Vögel im Auge, während wir weitergingen.

Auf einer freien Fläche holte der alte Mann dann den Ball hervor. Endlich eine Aufgabe, bei der meine Fähigkeiten gefragt waren. Wir übten das Schicken zum Ball, das Anhalten und die verschiedenen Richtungen. Meistens wusste ich schon vorher, wohin der Ball sollte. Der alte Mann bestand trotzdem darauf, dass ich seine Anweisungen abwartete. Besonders beim Sitzen auf Entfernung hatten wir wieder unterschiedliche Auffassungen darüber, wann das wirklich erforderlich ist.

Auf dem Rückweg verzog sich der Nebel langsam. Die Felder wurden wieder übersichtlicher, und die Vögel waren noch immer da. Ich warf ihnen einen letzten Blick zu. Der alte Mann warf mir ebenfalls einen zu, und damit war die Angelegenheit entschieden.

Wieder zu Hause dauerte es nicht lange, bis der alte Mann erneut seine Sachen zusammensuchte. Und dann ging er einfach weg. Dabei war Frauchen ja schon nicht da.

Er behauptete zwar, es würde nicht lange dauern, aber das war eigentlich gegen die Absprache. Wenn die beiden zum Tanzen gehen, übernehme ich den Wachdienst. Das ist genehmigt und gehört inzwischen zu meinen regelmäßigen Aufgaben. Aber dass der alte Mann einfach verschwindet, während Frauchen ohnehin schon unterwegs ist, war so nicht vereinbart.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er endlich zurück. Ich hatte schon überlegt, ob ich eine Vermisstenmeldung aufgeben müsste. Er war nicht mehr ganz derselbe wie bei seinem Aufbruch. Unterwegs hatte er einen beträchtlichen Teil seiner Haare verloren.

Das fand ich merkwürdig. Ich verliere im Moment ebenfalls jede Menge Haare. Dafür muss ich aber nicht extra das Haus verlassen. Ich verteile sie ganz ordentlich auf meinen Liegeplätzen, dem Teppich und gelegentlich auf den Sachen meiner Menschen. Der alte Mann hatte für denselben Vorgang das Haus verlassen und mich allein zurückgelassen.

Anschließend kümmerte er sich wieder um die brummenden und piepsenden Maschinen im Haus. Offenbar waren die mit ihrer Arbeit noch immer nicht fertig. Ich bezog meinen Beobachtungsposten auf dem Sofa und überließ ihm die Angelegenheit.

Der alte Mann behauptete später, ich hätte die ganze Zeit geschlafen. Das ist nicht richtig. Ich befand mich in strategischer Bereitschaft. Dabei kann man durchaus die Augen schließen und den Kopf bequem ablegen. Als es Zeit für den nächsten Reviergang wurde, war ich jedenfalls sofort einsatzbereit.

Draußen führte ich zunächst eine ordentliche Kontrolle durch. Es gab einige neue Nachrichten zu lesen, und an den üblichen Stellen musste ich überprüfen, ob noch alles seine Richtigkeit hatte. Der alte Mann begleitete mich dabei und wartete meistens geduldig, bis ich mit meiner Arbeit fertig war.

Dann trafen wir Krümel.

Bei Krümel und mir gibt es eine feste Regel: Wer den anderen zuerst entdeckt, bleibt stehen und bewegt sich keinen Schritt mehr, bis der andere endlich angekommen ist. Das hat sich bewährt, auch wenn unsere Menschen dabei gelegentlich etwas Geduld aufbringen müssen.

Heute gab es ein kleines Problem mit unserer bewährten Regelung. Krümel und ich entdeckten uns nämlich genau gleichzeitig. Wir blieben beide stehen und warteten darauf, dass der andere näher kam.

Es kam aber keiner.

Wir standen uns gegenüber und betrachteten die Lage. Unsere Menschen hatten offenbar schneller begriffen, woran es lag, und mussten die Zusammenführung übernehmen. Krümel und ich hatten uns jedenfalls beide vollkommen regelkonform verhalten.

Nachdem die Begrüßung erledigt war, versuchte ich, Krümel zu einem ordentlichen Hund-und-Hase-Spiel zu überreden. Ich rannte ein Stück weg, kam wieder zurück und sauste an ihm vorbei. Dann das Ganze noch einmal in die andere Richtung. Krümel schaute mir zu, ließ sich aber nicht überzeugen.

Der alte Herr hat es inzwischen nicht mehr so leicht mit dem Laufen. Das merke ich ja, wenn er sich bewegt. Trotzdem hätte er wenigstens ein kleines Stück mitmachen können.

Ich änderte meine Taktik. Ich ging zu ihm und stellte kurzerhand meine Vorderpfoten auf seinen Rücken.

Das brachte endlich Bewegung in die Angelegenheit. Krümel beschloss offenbar, mir zu erklären, dass eine junge Dame so etwas bei einem älteren Herrn nicht macht. Dazu musste er mir erst einmal hinterherlaufen.

Ich rannte los, und siehe da, plötzlich konnte er doch noch ein paar Schritte schneller werden.

Nachdem das geklärt war, verabschiedeten wir uns höflich voneinander, und jeder ging wieder seiner Wege.

Als wir schon zurück in der Stadt waren, entdeckte ich weit hinter uns Nala. Ich blieb stehen und machte den alten Mann auf sie aufmerksam. Der sah sich kurz um und erklärte, dass wir hier nicht warten würden. In der Stadt könnten wir ohnehin nicht miteinander toben.

Das war zwar richtig, aber darum ging es doch gar nicht. Man kann sich auch treffen, ohne gleich ein Hund-und-Hase-Spiel zu veranstalten.

Wir gingen weiter. Ich hatte noch einige Stellen zu kontrollieren, weshalb wir nicht besonders schnell vorankamen. Als wir uns nach einer Weile wieder umsahen, war Nala schon deutlich näher gekommen. Außerdem ging sie offenbar denselben Weg nach Hause wie wir.

Damit hatte sich die Lage geändert, fand ich. Der alte Mann war zunächst anderer Meinung. Mit etwas Überredungskunst konnte ich ihn doch davon überzeugen, dass ein kurzes Warten durchaus angebracht wäre.

Wir warteten auf Nala, begrüßten uns ordentlich und gingen die letzten Meter gemeinsam nach Hause. Getobt wurde tatsächlich nicht. Das hatte ich aber auch nie verlangt.

Zufrieden mit der erledigten Revierkontrolle suchte ich mir einen gemütlichen Platz zum Ausruhen.

Kaum hatte ich es mir bequem gemacht, musste ich feststellen, dass der alte Mann schon wieder das Haus verließ. Und das, obwohl wir die Angelegenheit mit dem Alleinlassen für heute eigentlich ausreichend behandelt hatten.

Nach einer Weile kam er mit dem Einkaufskorb zurück. Das erklärte zumindest, wo er gewesen war. Eine Genehmigung für seinen erneuten Alleingang war es nicht.

Ich nahm den Korb vorsichtshalber genauer in Augenschein. Vielleicht hatte er ja etwas Leckeres mitgebracht. In diesem Fall wäre ich bereit gewesen, über den Vorfall hinwegzusehen.

Als der alte Mann anschließend offenbar beschlossen hatte, den Rest des Tages auf dem Sofa zu verbringen, war ich einigermaßen beruhigt. Ich legte mich vorsichtshalber dazu. Nicht, dass er noch einmal auf die Idee kam, einfach zu verschwinden.

Und irgendwann kam dann auch Frauchen wieder nach Hause.

Ich überprüfte noch kurz, ob sie tatsächlich vorhatte zu bleiben, und machte es mir wieder gemütlich.

Der alte Mann auf dem Sofa, Frauchen zu Hause und ich mittendrin.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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