Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 28.Juli 2026. Eigentlich wollten wir heute alle ein bisschen länger schlafen. Frauchen musste nicht ins Büro, weil sie heute einen anderen Termin hatte. Das bedeutete ausnahmsweise keinen Wecker in aller Frühe und keinen hektischen Start in den Tag. Blöd nur, dass das offenbar niemand meinem Kopf erzählt hatte. Ich wurde trotzdem ungefähr zur gewohnten Zeit wach, hob kurz den Kopf, lauschte in die Stille und beschloss, dass es noch keinen Grund gab aufzustehen.
Der alte Mann wurde trotzdem irgendwann wach. Das passiert irgendwie immer. Kurz darauf hörte ich die Kaffeemaschine und damit war endgültig klar, dass der Tag begonnen hatte. Also stand ich auf und machte meine erste Runde durchs Haus. Alles war in Ordnung. Fee war schon wieder schlafen gegangen und von Lilly war noch nichts zu sehen. Die erschien erst, als wir längst auf den Beinen waren.
Der alte Mann beschloss, vor unserer Morgenrunde erst einmal eine Weile zu den leuchtenden Vierecken im Arbeitszimmer zu gehen. So konnte ich noch ein bisschen darauf achten, dass er dort nicht zu lange hängen blieb. Natürlich musste er zur rechten Zeit angestupst werden. Irgendwann ist genug auf leuchtende Vierecke gestarrt. Er verstand den Hinweis sofort, stellte alles beiseite und kurz darauf brachen wir zu unserer Morgenrunde auf.
Die Gerüche der Nacht waren vertraut. Nichts hatte sich verändert, nichts musste gemeldet werden. Also lief ich einfach neben dem alten Mann her und genoss den Morgen. Nicht jeder Spaziergang braucht eine wichtige Mitteilung. Manchmal ist es für einen Entlebucher schon Nachricht genug, dass alles seine Ordnung hat.
Im Anstieg zu den Feldern trafen wir die Labradore. Natürlich begrüßte ich sie erst einmal. Ich deutete noch kurz an, dass wir auch eine Runde rennen könnten. Früher wäre daraus wahrscheinlich eine ausgedehnte Verfolgungsjagd geworden. Heute reichte dieser eine Gedanke. Ich sah noch einmal zu ihnen hinüber und ging mit dem alten Mann weiter. Es gab noch genug zu entdecken.
Heute hatte der alte Mann die Lederente mitgenommen, damit ich sie suchen konnte. Ich mag sie. Sie liegt gut im Maul, man kann sie ordentlich tragen und sie ist stabil genug, dass wir nach dem Finden auch noch eine Runde kräftig zergeln können. Das gehört für mich fast genauso dazu wie das Suchen selbst.
Der Weg nach Hause verlief wieder ganz ruhig. Ich ließ meinen Blick noch einmal über unser Revier schweifen, prüfte die vertrauten Gerüche am Wegesrand und konnte die Morgenrunde ordnungsgemäß abschließen. Es gab nichts zu beanstanden. Genau so mag ich das.
Wieder zu Hause widmete sich der alte Mann den leuchtenden Vierecken. Erst zum Mittagessen ließ er sich davon loseisen. Anschließend war es Zeit, die leuchtenden Vierecke endgültig auszuschalten. Der alte Mann übte noch ein paar Kommandos mit mir – erst im Haus und anschließend auf der Terrasse. Er meinte, auf den Feldern sei es heute einfach zu sonnig. Für richtiges Arbeiten müsse man sich ja nicht unnötig in die Hitze stellen. Deshalb beschlossen wir, unseren größeren Spaziergang auf den Abend zu verschieben und dann in den Wald zu gehen.
Die Übungen und Suchspiele liefen natürlich mit meiner gewohnten Professionalität. Nur bei einer Sache behauptet der alte Mann immer noch, ich würde seine Anweisungen zu großzügig auslegen. Beim Treibball soll ich mich ihm genau gegenüber setzen. Ich finde aber, dass „genau gegenüber“ durchaus einen gewissen Auslegungsspielraum besitzt. Der alte Mann nennt das Ungenauigkeit. Ich nenne das unterschiedliche Auffassungen.
Kurz bevor wir zur Abendrunde aufbrechen wollten, kam Lilly lautstark nach Hause und verlangte einen Snack. Der alte Mann und ich schauten uns verwundert an. Wir waren beide überzeugt gewesen, sie würde im Katzenzimmer schlafen. Offenbar hatte sie sich unbemerkt noch einmal davongemacht – selbstverständlich ohne sich ordnungsgemäß abzumelden. Nach einer kurzen Mahlzeit verschwand sie auch schon wieder. Wohin, verriet sie natürlich nicht. Katzen halten sich bei solchen Dingen selten an vernünftige Regeln.
Dann fuhr der alte Mann mit mir zum Parkplatz Siebeneichen. Dort waren wir zwar erst vor ein paar Tagen gewesen, aber an so heißen Tagen ist der Wald am Abend einfach am angenehmsten. Und hier oben im Bannwald ist es noch einmal anders. Es riecht nach altem Holz, feuchtem Moos und Erde. Überall knackt, summt und raschelt es, selbst wenn niemand zu sehen ist. Vielleicht liegt das daran, dass hier alles liegen bleiben darf. Ich weiß es nicht. Aber genau so mag ich diesen Wald.
Wir machten nichts Besonderes. Ich durfte wieder in ein paar umgestürzten Bäumen nach Leckerlis suchen, was sich inzwischen zu einer sehr sinnvollen Tradition entwickelt hat. Anschließend kontrollierten wir natürlich auch den Bach. Wasser war immer noch keines da. Das hatte ich mir schon gedacht. Nachsehen musste ich trotzdem. Ein Entlebucher verlässt sich nicht auf Vermutungen, wenn sich etwas überprüfen lässt.
Während wir weiter durch den Wald liefen, musste ich plötzlich an die Labradore vom Morgen denken. Früher hätte ich jede Gelegenheit genutzt, um noch ein paar Runden über die Felder zu jagen. Heute reichten ein paar Schritte, eine kurze Einladung zum Rennen und dann war es auch wieder gut. Die Kraft ist noch genauso da. Ich kann immer noch über die Wiesen fliegen, wenn ich möchte. Aber inzwischen genieße ich es fast mehr, einfach neben meinen Menschen herzugehen, die Welt zu beobachten und darauf zu achten, dass alles seine Ordnung hat. Vielleicht ist das der Unterschied. Früher musste ich überall dabei sein. Heute reicht es mir oft zu wissen, dass alles in Ordnung ist.
Was ich allerdings überhaupt nicht verstanden habe, war ein Mensch, der uns entgegenkam. Er sprach die ganze Zeit mit seinem leuchtenden Viereck. Ausgerechnet hier. In einem Wald, der so viel zu erzählen hat. Ich fragte mich, warum man an einem Ort, der nach Leben riecht und voller Geräusche steckt, lieber mit einem Viereck spricht, als dem Wald zuzuhören. Vielleicht war das wichtig. Das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass ich an einem Ort, der nach altem Holz riecht und ständig etwas erzählt, lieber dem Wald zuhöre.
Wir gingen noch eine ganze Weile zwischen den alten Bäumen hindurch, bevor wir wieder zum Auto zurückkehrten. Dann fuhren wir nach Hause.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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