Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 08. September 2026. Bürotag von Frauchen. Heute Morgen konnte ich schon früh erkennen, dass der Wecker den alten Mann zur Unzeit erwischt hatte. Während Frauchen dynamisch und mit einem Lächeln ihre Sachen zusammensuchte, hatte der alte Mann offensichtlich Schwierigkeiten, Kaffee und Sofa zu koordinieren. Beides schien ihm wichtig zu sein, aber die Reihenfolge war noch nicht abschließend geklärt.

Ich beobachtete das eine Weile von meinem Platz aus. Man muss solche Situationen im Auge behalten. Besonders morgens.

Frauchen war jedenfalls erstaunlich gut gelaunt. Sie lief herum, packte ihre Sachen und hatte diesen Gesichtsausdruck, der bedeutet: Ich bin schon längst im Tag angekommen. Der alte Mann war dagegen noch irgendwo zwischen Nacht und Frühstück.

Nachdem der Kaffee dann endlich seine Arbeit gemacht hatte, ging auch der alte Mann an seine leuchtenden Vierecke. Dort blieb er eine ganze Weile sitzen und tat Dinge, die vermutlich sehr wichtig waren. Ich konnte allerdings nicht erkennen, warum man dafür so viele leuchtende Vierecke braucht.

Dann beschloss auch der Tag, aufzustehen.

Das war mein Stichwort. Wir gingen auf unsere Morgenrunde. Eine Morgenrunde ist keine einfache Fortbewegung von A nach B. Sie ist eine amtliche Revierkontrolle. Zuerst musste festgestellt werden, was sich über Nacht verändert hatte. Die Wege mussten auf neue Gerüche überprüft werden, die Wiesen auf verdächtige Bewegungen und die Büsche darauf, ob dort jemand etwas hinterlassen hatte, das einer gründlichen Untersuchung bedurfte.

Natürlich gab es die üblichen wichtigen Geschäfte: Markierungen setzen, fremde Markierungen lesen, eigene Markierungen kontrollieren und feststellen, dass eine Stelle, die gestern noch völlig uninteressant war, heute dringend erneut beschnüffelt werden musste. Außerdem musste die Umgebung nach Wild abgesucht werden. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, hinterherzulaufen. Das wäre unprofessionell. Aber zu wissen, was sich im eigenen Revier bewegt, gehört zu den Grundlagen einer ordentlichen Entlebucher-Haltung.

Als wir den Anstieg zu den Feldern geschafft hatten, konnten wir in einiger Entfernung die Collies auf ihrer Morgenrunde sehen. Die beiden waren schon auf dem Heimweg. Die Männer grüßten sich durch kurzes Heben der Hand. Wir Hunde machten das etwas würdevoller.

Indy, der ältere Collie, nahm sofort die aufrechte Haltung eines erfahrenen Hütehundes ein und blickte aufmerksam über die Felder. Ein Blick, der deutlich sagte: Ich sehe alles.

Ich stellte mich ebenfalls ordentlich hin. Mein Blick war aber etwas anders. Weniger Hütehund, mehr Entlebucher: Jederzeit zu allem bereit. Man weiß nie, was sich auf einem Feldweg plötzlich ergeben könnte.

Benny, der Jungspund, hatte von alledem, glaube ich, gar nichts mitbekommen. Vermutlich war er gerade mit irgendeiner wichtigeren Angelegenheit beschäftigt. Gerüche sind schließlich auch Informationen, und ein junger Hund muss noch einiges lesen lernen.

Nachdem die Männer durch ihren kurzen Gruß wussten, dass sie sich gesehen hatten, ging jeder weiter seines Weges. Die Collies Richtung Heimat, wir weiter über die Felder.

Da der alte Mann aus seinen leuchtenden Vierecken bereits wusste, dass die Sonne heute wieder einiges vorhatte, gingen wir „nur“ die große Schafrunde. Wobei „nur“ hier eindeutig die falsche Bezeichnung ist. An einem solchen Tag ist die große Schafrunde durchaus ausreichend. Ich muss meine Kräfte einteilen. Man kann nicht den ganzen Tag so tun, als hätte man unendlich Energie. Das würde am Ende nur dazu führen, dass der alte Mann glaubt, ich bräuchte weniger Pausen.

Kurz vor den Weiden der Schafe änderte sich dann die Lage. Auf einmal war ich derjenige, der beobachtet wurde. Zwischen den Bäumen stand ein Reh und schaute zu mir herüber. Ganz still, nur der Kopf war zu sehen. Offenbar überlegte es, ob es einfach dort stehen bleiben konnte oder ob ich zu den Raufbolden gehörte, denen man besser rechtzeitig aus dem Weg geht.

Ich blieb ebenfalls stehen. Das Reh schaute, ich schaute. Es prüfte mich, ich prüfte es. Keiner machte eine Bewegung. Ich hatte gerade keine Lust, durch den Wald zu rennen. Außerdem wartete auf mich noch ein wichtiger Termin auf der Schafweide.

Das Reh blieb aufmerksam. Die Ohren nach vorn, den Kopf leicht angehoben, stand es zwischen den Bäumen und beobachtete mich. Ich blieb auf dem Weg und ließ ihm seine Ruhe.

Nach einer Weile senkten sich die Ohren ein wenig. Mehr musste offenbar nicht geklärt werden.

Ich setzte meinen Weg fort.

Das Reh blieb im Wald.

An den Schafen vorbei ging es dann nach Hause. Der alte Mann setzte sich wieder vor seine leuchtenden Vierecke, und ich legte mich in seine Nähe. Erst spät standen wir noch einmal auf und gingen eine kleine Runde, damit die wichtigen Geschäfte des Abends erledigt werden konnten. Danach ging es zurück auf meinen Platz, der alte Mann verschwand wieder vor seinen Vierecken und im Haus wurde es ruhig.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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